VISION 20004/2004
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Trainingscamp der Muttergottes

Artikel drucken Erfahrungen beim Mitteleuropäischen Katholikentag in Mariazell (Von Andreas Schätzle)

Eine Gemeinschaft besteht nicht aus der Summe von Einzelinteressen, sondern aus der Summe ihrer Hingabe", habe ich bei Jean Vanier gelesen. Er ist Gründer der “Arche", einer Gemeinschaft, die Behinderte und Nichtbehinderte integriert. Im gemeinsamen Unterwegssein einer Gemeinschaft werden dem einzelnen nach und nach die eigene Schwäche und Heilungsbedürftigkeit bewußt; aber auch wie sehr jeder den anderen braucht, um in der Freiheit und Liebe zu wachsen. Gemeinschaft korrigiert und trägt uns.

Was Jean Vanier über das Leben in Gemeinschaft und das Wachstum des einzelnen in ihr sagt, darf wohl auch auf das Zusammenleben der Völker Europas übertragen werden. Europa wird niemals zur Gemeinschaft aus der Summe seiner Einzelinteressen, der wirtschaftlichen Vorteile oder der nationalistischen Abgrenzung, zu einer Gesellschaft, die auch ungeborenes, altgewordenes, schwaches oder behindertes Leben achtet und aufnimmt.

Die “Wallfahrt der Völker nach Mariazell" wurde hingegen - gerade auch durch die mit ihr verbundenen Strapazen - zu einem kraftvollen Ereignis und Gleichnis für ein Europa, das zumindest als ’kleine Herde' unterwegs ist, sein christliches Antlitz zu erneuern. Ohne das mühevolle Ringen und die Hingabe einzelner, ohne die echte Bereitschaft der Völker, voneinander zu lernen, einander zu begegnen und beizustehen, geht es nicht.

Uns wurde in diesen Tagen bewußt, wieviel wir von unseren Nachbarn empfangen können. Die authentische Begeisterung ihres Glaubens war für uns ein dynamisierendes Zeugnis. Mariazell als Trainingscamp der Muttergottes für ein Europa von morgen. Dazu einige Streiflichter meines Wegs auf der Wallfahrt der Völker:

* Vier Tage lang war unsere Studentengruppe zu Fuß nach Mariazell unterwegs. Interessant schon die Herkunft der Priester, die die Tag für Tag anwachsende Schar begleiteten: Josef (Pepe) aus Spanien, Daniele aus Italien, Simon aus Ungarn, Denis aus Frankreich, Konstantin und Albert aus Österreich, ich selbst aus Deutschland. Nicht zuletzt die geistliche Verwurzelung in verschiedenen Gemeinschaften und Bewegungen - von den Johannesbrüdern über Communione e liberazione, vom Priester im Opus Dei bis zum Dechant aus dem 2. Wiener Bezirk - prägte die Lebendigkeit unserer Pilgerschaft. Die Gemeinschaft unter diesen Priestern, zu denen hunderte aus anderen europäischen Ländern in Mariazell stießen, gehört für mich zu den schönsten Erfahrungen dieser Tage.

* Unvergeßlich der spontane, tatsächlich charismatische Lobpreis, der sich am Sonntag unter der bischöflich-priesterlichen Schar in der riesigen Zelt-Sakristei entfesselte. Gerade wird verkündet, daß die Abschlußmesse mit den Jugendlichen sprichwörtlich ins Wasser zu fallen droht. In die allgemeine Betroffenheit hinein stimmt Kardinal Christoph Schönborn ein zünftiges Halleluja an, dem ein internationales Hosanna folgt: Nach dem ersten lautstarken Durchgang überraschend die Wetterbesserung. Die Sprache der Musik eint und stärkt, auch wenn es noch an uns ist, die Sprachen unserer Nachbarn zu erkunden.

* Manch andere Gruppe ist mit uns zu Fuß nach Mariazell unterwegs, so etwa eine große Schar der katholischen Jugend, die auch Pilger aus dem Osten in ihren Reihen hat. Eine Gitarre ist schnell zur Hand und so singen wir gemeinsam, diesmal sogar auf Slowakisch, “Hosanna!", während es über einen steilen Sattel hinaufgeht. In der Pause bei der “Kalten Kuchl" beobachte ich, wie ein österreichischer Jugendleiter eine größere Gruppe junger Ungarn mit der ’Spezialität des Hauses', dampfendem Topfenstrudel in Vanillesauce, bedient. Auch eine Sprache, die verbindet und zu Herzen geht.

* Im ersten Regen ziehen wir in die hervorragend organisierte, von vielen Helfern aufgebaute und versorgte Zeltstadt auf dem Mariazeller Flugfeld ein. Der Grasboden verwandelt sich zusehends in schlammigen Morast. Man fühlt sich an die Anfänge unseres Geschlechts erinnert, als Gott den Menschen aus dem Ackerboden formte. Tage einer besonderen Formung liegen vor uns, ein Trainingscamp der Muttergottes für eine Generation, die viel einsetzen muß, um die Herausforderungen ihrer Zeit zu meistern.

* Von den nebelverhangenen Bergen bläst scharf der Wind. Leid tut es mir für die vielen Gäste, die von weit hergekommen sind und nun so wenig von der Schönheit unseres Landes sehen können. Hätte sich dieses Glaubensfest nicht ein freundlicheres Wetter verdient? Müßte nicht der Himmel strahlen, wenn er sieht, wie sich 80.000 Europäer als Brüder und Schwestern unter ihm versammeln? Oder sind die grauen, dunstverhüllten Hügel ein Bild für die geistliche Situation unseres Kontinents?

Eines wird immer deutlicher und schwingt in den verschiedenen Ansprachen mit: Der Weg Europas zu einer christlich geprägten Völkergemeinschaft braucht opferbereite Menschen, Beharrlichkeit und Glaubenskraft. Tausende Jugendliche harren frierend und betend in der Zeltstadt von Mariazell aus, nur einige wenige fahren heim. Mich selbst überkommt mehrfach die Versuchung, telefonisch einen Freund aus der Umgebung zu bitten, mich ins Trockene zu bringen.

Dann aber kommt mir in den Sinn, was Papst Johannes Paul II. den österreichischen Jugendlichen 1998 in Salzburg zugerufen hat: “Ihr sollt wissen: Der Papst zählt auf Euch! Auch wenn Ihr Euch manchmal als kleine Herde fühlt, verliert den Mut nicht: Zwölf Männer sind am Anfang in die ganze Welt hinausgezogen. Deshalb traut der Papst Eurer Jugend zu, dem alten Europa wieder ein christliches Gesicht zu geben. Setzt dabei auf Euer persönliches Zeugnis."

* “Muttergottes, wann wirst Du Dein Wunder wirken? Wann wirst Du hier in Mariazell den Völkern Deinen blauen Mantel zeigen?", dieser Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Dabei schneit es während der Abschlußmesse am Sonntag horizontal, so stark und eisig fährt der Sturm von den Bergen herab. Verstohlen schaue ich immer wieder zum Himmel, tausche Blicke mit meinem wetterfesten, bergerprobten Nachbarn Nikolaus, dem Regens des Wiener Priesterseminars.

Plötzlich, mit Beginn der Opferung tritt eine unvermutete Stille ein, innerhalb von zehn Minuten lichtet sich der Himmel über dem Tal, eine warme Maisonne läßt den zur Wandlung erhobenen Kelch golden erstrahlen. Es ist, als wolle die Jungfrau von Mariazell uns sagen: “Seht da, mein Sohn, inmitten der Bedrängnisse und Herausforderungen, inmitten der Gläubigen und jungen Menschen aus allen Völkern, mit ihnen unterwegs: Christus, die Hoffnung Europas - was Er euch sagt, das tut! (Joh 2,4)"

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