VISION 20003/2005
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Alles hat einen unausschöpfbaren Sinn

Artikel drucken Ein eindrucksvolles Zeugnis über den Umgang mit schwerem Leid (Von Karin Struck)

In jungen Jahren gefeierte Bestseller-Autorin, fiel Karin Struck in den Medien in Ungnade, als sie sich in einem Roman gegen die Abtreibung wandte. Es begann ein Leidensweg - der vor zwei Jahren in der Diagnose Krebs gipfelte. In einem Fernseh-Interview hat sie auf ihren Weg zurückgeblickt. Wir bringen Auszüge aus dem Gespräch:

Als ich vor zwei Jahren die Diagnose Krebs bekam, hatte ich zunächst keinen Lebensmut mehr. Durch mein Buch Ich sehe mein Kind im Traum war ich total ausgegrenzt worden. Ein Journalist der Süddeutschen Zeitung sagte einmal zu mir, es sei peinlich, daß ich mich so gegen die Abtreibung engagiert hatte, ich sollte meinen Namen ändern. Da haben doch Leute wirklich gesagt, ich sei rechtsradikal geworden, weil ich mich gegen die Abtreibung engagiert hatte. Ich und rechtsradikal! Ich habe vier Kinder von vier verschiedenen Männern!

Ich war so enttäuscht von den Menschen! Vorher jubeln sie dir zu. Heiratsanträge... Regisseure erklärten, sie liebten mich, weil sie ein Buch von mir gelesen hatten...Der Spiegel, Der Stern, Die Welt schrieben Telegramme, ob ich das und das schreiben kann. Alle waren sie hinter mir her. Ich weiß, aus heutiger Sicht, nicht, wie ich das überstanden habe. Und dann plötzlich: Ich war in einem Tunnel und hörte nur mehr mein eigenes Echo.

Über all das habe ich mich sehr gegrämt. Wie konnten mich die Menschen so fallenlassen! Alles brach zusammen, auch finanziell. Ich habe mein Buch zwar nicht bereut, aber dennoch sehr mit den Folgen gehadert. Trotz einiger guter Freunde habe ich mich immer mehr zurückgezogen. Dieser Gram hat bei der Erkrankung sicher eine Rolle gespielt. Ich hatte keinen Lebensmut mehr. Das heißt nicht, daß ich mich umbringen wollte. Ich war lebens-müde, müde der Kämpfe, der Ausgrenzung.

Die Nähe Gottes erfahren

Zunächst war die Krebsdiagnose wohl der schlimmste Schock meines Lebens. Es erschien mir wie eine Strafe. Ich habe Gott gefragt: Was habe ich verbrochen? Im Laufe der vergangen zwei Jahre hat sich meine Sichtweise jedoch gewandelt. Mir wurde klar, daß diese Krankheit einerseits eine Prüfung, andererseits aber - was für viele paradox erscheinen wird - auch eine Gnade ist.

Ich habe mich in dieser Zeit verändert, bin Gott in einer Weise nähergekommen, wie es vorher nicht der Fall war. In schlimmen Nächten drücke ich das so aus: “Jesus, ich berühre Dein Gewand." Ohne diese Krankheit, die mich an die Grenze der Todesangst stellt, hätte ich diese Erfahrung der Nähe nicht gemacht. Ich bin in einer Situation, in der es gar nicht anders geht, als daß ich Gott näherkomme. Ansonsten würde ich wahnsinnig werden, abstürzen. Vielleicht würde man dann schreckliche Dinge wie Euthanasie verlangen.

Es geschehen Wunder

Bleibt man aber bei Gott und sieht man diese schwere Krankheit als ein Geschehnis an, das mit Gott zu tun hat, dann passieren eigenartige und wundersame Dinge. So habe ich beispielsweise schon lange schwere Schmerzen. Dann schleppe ich mich zur Heilig-Geist-Kirche hier in München und weiß gar nicht, wie ich heimkommen werde. Und dann gibt es in der Bibel dieses wunderbare Bild, daß die Engel einen tragen. Überraschend helfen mir oft auch Dinge, sodaß ich doch nach Hause komme. Und so erlebe ich viele kleine Wunder, sodaß ich mich eigentlich nicht beklagen kann.

Natürlich gibt es auch Momente, wo die Schmerzen und Krämpfe so schlimm sind, wo ich klage, wo ich sage: Gott, ich halte es nicht mehr aus. Warum ich? Warum tust Du mir das an? Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr! In solchen Momenten passieren aber auch kleine Wunder. Dann spüre ich, daß Gott erwartet, daß man mit Ihm ringt, wie Jakob, daß man etwas von Ihm verlangt. Ob man es dann bekommt - das ist wieder etwas anderes. Denn: Dein Wille geschehe.

Wer schwerkrank ist, sollte sich auf die Suche begeben, sollte sich ins Gottvertrauen fallen lassen. Allerdings geht das nicht so schnell. Es dauert, ist ein Prozeß. Das Gottvertrauen wächst mit der Prüfung des Leidens und der Krankheit - ohne eigenes Zutun, wenn man sich nicht dagegenstemmt, sich nicht Versuchungen ausliefert. Ich denke an die Rattenfänger, die sagen, Leiden sei überflüssig. Es gebe ja die Tabletten. Oder es gibt unseriöse Menschen, die mit bösen Mächten in Verbindung stehen.

Klammere Dich an Gott !

Es ist so wie der Papst sagt, Jesus sei nicht vom Kreuz herabgestiegen, daher gebe auch er sein Amt nicht ab, selbst wenn er leidet. Das ist kein Masochismus - wie mir unterstellt worden ist, weil ich keine schweren Schmerzmittel nehme, um den Kopf klarzubehalten. Wenn ich dann sage, ich müsse die religiöse Dimension meiner Schmerzen erkennen, so können viele mit dieser Aussage nichts anfangen.

Den Leidenden aber möchte ich sagen: Wenn man in den Nächten Abgründe erlebt, wenn der Schmerz sich zuspitzt und selbst Schmerzmittel nicht helfen, dann sollte man versuchen, an Gott angeschlossen zu bleiben. Da hilft mir der Rat von Ordensleuten sehr: Jede Stunde eine Eigenschaft Gottes innerlich zu meditieren. Gott ist ewig, Er ist der Gott der Liebe... Das erhebt mich manchmal sehr. Dann hat der Schmerz keine Macht mehr - unglaublich! Dann denke ich: Auch diese Nacht hast du wieder überstanden.

Oft fühle ich mich auch Menschen ganz nahe, die ich gar nicht kenne. Dann denke ich: Mein Gott, was für ein Leiden gibt es doch auf der Welt! Menschen, denen durch Minen ein Arm abgerissen wird, Menschen mit chronischen Schmerzen, die durch nichts zu bekämpfen sind, Menschen mit unglaublichem seelischem Leiden... All diesen fühle ich mich in den letzten zwei Jahren unheimlich verbunden. Bei allem Klagen, das ich immer wieder habe, all dem Leiden ist das ein großer Gewinn.

Wenn ich darüber nachdenke, merke ich: Alles hat einen Sinn, der gar nicht ausschöpfbar ist.

Ich möchte nicht mehr tauschen mit der Person, die ich noch vor zehn Jahren war und die diese Dimensionen gar nicht im Blick hatte. Ich möchte nicht mehr die Bestseller-Autorin sein, die ich war.

Als Kind evangelisch

Als Kind war ich evangelisch. Meine Konversion zum Katholizismus hatte auch mit Krankheit und Leiden zu tun. 1974 hatte ich einen schweren Autounfall. Mein sechsjähriger Sohn war schwer verletzt. Dann ist auch noch ein Kunstfehler passiert, sodaß sein Bein bedroht war. Für eine Mutter grauenvoll!

Meist war ich bei meinem Sohn im Spital. Wenn ich aber eine Nacht zuhause verbrachte, so fand ich mich im Bett wieder - die Muttergottes anflehend. “Bitte rette das Bein meines Kindes!" - und das als Protestantin! Nun, sein Bein ist gerettet worden. Es ist ein Wunder, daß er wieder so gesund geworden ist. So fing die Konversion an.

Dann kam dazu, daß sich eine Reihe von mutigen Katholiken für das Lebensrecht einsetzten. Das hat mich schwer beeindruckt. Eine Rolle gespielt haben auch Entwicklungen in der Evangelischen Kirche: eine Umwandlung von Gottesdienst hin zum Menschendienst. Ich erinnere mich an einen Mitternachtsgottesdienst zu Weihnachten. Dorthin bin ich mit meiner Tochter in froher Erwartung gegangen. Die Kirche war bis auf den letzten Platz voll. Und der Gottesdienst fing mit einer Dichterlesung aus Tucholsky an! Als Schriftstellerin habe ich nichts gegen Tucholsky. Wunderbar - da wo's hingehört. Meinetwegen auch ein Zitat in der Predigt. Aber so mußte ich flüchten. Ich hatte das Gefühl, das ist kein Gottesdienst. Hier wird irgendeine Aufführung gemacht, nur damit die Leute kommen. Ich war damals eigentlich schon katholisch.

Die Kirche verdrängt das Leid nicht

Der Hauptgrund für mein Katholischwerden war und ist, daß mir klar wurde: Die Katholische Kirche ist die einzige Instanz, die das Leiden nicht wegerklärt. Das ist mir im Zuge der Auseinandersetzung um das Lebensrecht bewußt geworden. Die Argumentation, daß man gesagt habe, ein Kind mit Down-Syndrom könne man abtreiben, weil man ihm damit ein schreckliches Leben ersparen würde, hat mich abgestoßen. Und so habe ich nach einem Glauben gesucht, der dieses Leiden nicht wegradiert.

Noch vor meinem Übertritt habe ich den Menschen gesagt: Du kannst ein total gesundes Kind bekommen. An ihm ist alles dran. Geistig ist es auf der Höhe. Und mit drei Jahren verunglückt es - und ist behindert, sitzt im Rollstuhl. Was machst du dann? Bringst du es um? Der katholische Glaube, diese Tradition von Jahrtausenden war dann zunehmend mein Halt. Keine andere Institution als die Katholische Kirche stellt die Situation des Menschen so dar, wie sie wirklich ist. Alles andere geht - wenn man es konsequent zu Ende denkt - in Richtung totalitären Gedankenguts. Der Reichtum der Katholischen Kirche ist unvergleichlich, unausschöpflich. Ihr Kern ist unzerstörbar. Ich stehe davor wie eine kleine Maus.

Es geschehen Wunder

Die große Gnade der Krankheit besteht darin, daß ich bezeuge, daß sie mich mit Gott, mit Jesus, mit den leidenden Menschen, mit der Menschheit verbinden kann - so schwer das auch sein mag. Und daß ich nicht abdrifte und womöglich zum Zeugen für die Euthanasie werde. Selbst in den schlimmsten Nächten, in denen ich nur noch gekrochen bin und dachte, das halte ich nicht mehr aus, gab es keinen Augenblick, in dem ich gedacht hätte, jetzt möchte ich eine Pille haben, um mein Leben zu beenden. Dafür bin ich dankbar.

Sterbende mit Liebe umgeben

Da ich keinen Ehepartner und keine Vorsorge getroffen habe für den Fall, daß ich völlig pflegebedürftig werde, hatte ich vor einiger Zeit noch Angst. Mich beschäftigte die Frage: Was passiert dann mit mir? Es war eher die Angst: Hat man dann liebevolle Menschen um sich? Da hat mich einmal jemand von einem Hospiz besucht. Und das hat mich beruhigt. Denn dort wird mit Sterbenden sehr liebevoll umgegangen. Und diesen Gedanken finde ich sehr tröstlich: daß mir in der Zeit, in der ich sterben muß, ein Mensch von Gott zugeführt wird, der so liebevoll ist, daß alles leicht wird. Jemand, der mir die Hand hält, den Schweiß von der Stirne wischt, der hilft, die Schmerzen zu lindern. Auch im Sterben ist dann das Leben sinnvoll.

Mit Gott ringen

Vor einigen Monaten habe ich die Stelle Kapitel 20 im 2. Buch der Könige zum ersten Mal gelesen. Es geht um König Hiskija, der schwer krank ist. Weil von Geschwüren die Rede ist, könnte es Krebs gewesen sein. Gott schickt den Propheten Jesaja zu ihm, um ihm mitzuteilen, daß er jetzt sterben müsse. Und da geschieht das Überraschende: Hiskija ringt mit Gott, er fleht und bittet Gott, noch nicht sterben zu müssen. Dann passieren drei Dinge: Der König wendet sich gegen die Wand (das könnte bedeuten, daß er alles andere als Gott ausblendet), er fleht Gott an und er weint.

Er sagt - quasi als Argument, daß Gott ihm noch Leben schenken soll - folgendes: Ich habe immer gottgefällig gelebt. Das ist so ähnlich, wie wenn ich jetzt sagen würde: Ich habe mich doch 20 Jahre für das Lebensrecht der Ungeborenen eingesetzt, gib mir noch Lebenszeit - ich hab' mir's doch verdient! Im ersten Moment dachte ich: Ist der aber eingebildet! Wie kann er das zu Gott sagen? Das wird Gott bestimmt nicht erhören. Aber Gott geht darauf ein: Der Prophet Jesaja kehrt zurück und teilt dem König mit, daß Gott im 15 Jahre Lebenszeit schenkt. Ich habe daraufhin gerechnet: 57 und 15, was wäre das für ein Alter bei mir?

Das heißt also: Man darf mit Gott ringen, darf Ihn bitten - wobei am Ende aber immer stehen muß: Dein Wille geschehe. Aber ich darf Ihn anflehen: Schenk mir noch Lebenszeit! Und das tue ich auch inzwischen.

Bereit sein

Bei mir ist all das ganz offen. Bei dem fortgeschrittenen Prozeß weiß ich im Grunde genommen gar nichts. Die Ärzte reden sich heraus. Da kann ich mich nur auf Gott verlassen. Ich muß bereit sein, wie die Jungfrauen, Jesus entgegenzugehen. Und das habe ich gelernt. Nur so vor sich hinleben, die Zeit verplempern unter dem Motto: Ich lebe ewig - das ist vorbei. Eine schwere Krankheit lehrt einfach, daß man wie die Jungfrauen bereit zu sein hat.

Eine Begebenheit aus dem Neuen Testament beschäftigt mich auch sehr: Es ist die Geschichte der blutflüssigen Frau, die Jesu Gewand berührt und geheilt ist. Das habe ich jetzt fast immer im Kopf. Ich bete: “Jesus, laß mich Dein Gewand berühren, dann bin ich geheilt!" Das heißt nicht, daß der Krebs morgen wegsein muß. Das kann auch sein, daß ich in Frieden sterben kann - und dann bin ich geheilt. Wir wissen ja nicht, was das heißt, geheilt zu sein.

Eines wünsche ich mir jedenfalls: daß ich den Glauben nie mehr verliere. Wenn ich Jesu Gewand berühre, ist alles gut.

Der Text ist die redaktionell überarbeitete Fassung von Auszügen aus einem Interview, das K-TV aufgezeichnet hat. Video-Kassetten des Gesprächs können bestellt werden bei: K-TV, Bäumlegasse 35, A-6859 Dornbirn

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