VISION 20004/2018
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Herausgefordert zum geistigen Kampf

Artikel drucken Den Blick für die Bedrohungen durch den Zeitgeist schärfen (Christof Gaspari)

In weiten Teilen Europas leben die Menschen im materiellen Wohlstand. Perfekt eingerichtete Wohnungen, ja Häuser, Autos vor der Tür, Urlaubsreisen in nahe und entfernte Destinationen, Handy, Computer, Fernsehen gehören zum Standard vieler. Die Arbeitslosenzahlen sinken, die Wirtschaft boomt, die Gesundheitsversorgung ist top… Und da sprechen wir von besorgniserregender Krise?
Irgendwie verrückt, weltfremd, mögen da viele denken…

Und dennoch. Diese attraktive Fassade täuscht. Wir haben zwar einen recht scharfen Blick für die Miss­stände, Ungerechtigkeiten, Verbrechen, die zu anderen Zeiten geschahen. Tun uns aber schwer zu erkennen, was bei uns nicht nur schief läuft, sondern skandalös, ja verbrecherisch ist. Wir verurteilen zurecht, dass Generationen vor uns Sklavenhandel im großen Stil guthießen oder zumindest achselzuckend zur Kenntnis nahmen, dass unsere Vorfahren zusehen konnten, wie Juden im Dritten Reich misshandelt und millionenfach ermordet wurden.
So klar wir dieses himmelschreiende Unrecht erkennen, so blind sind wir für die Verbrechen in unseren Tagen, die drauf und dran sind, unser Menschsein zu ruinieren: etwa für den millionenfachen Mord an ungeborenen Kindern. 56 Millionen Abtreibungen 2016 weltweit! In einem Jahr! Das wird sogar statistisch erfasst und mit einer gewissen Zufriedenheit zur Kenntnis genommen, gilt es doch als Instrument zur Bekämpfung des Bevölkerungswachstums und als Recht der Frau, das hoch gehalten wird. Man sehe sich auf you tube an, in welchen Freudentaumel die Abtreibungsbefürworter gerieten bei ihrem Sieg anlässlich der Volksabstimmung in Irland, die zugunsten der Tötung Ungeborener ausgegangen ist.
Gott sei Dank hielt wenigstens Papst Franziskus kürzlich bei einer Tagung italienischer Familienverbände ein leidenschaftliches Plädoyer für den Schutz des ungeborenen Lebens und bezeichnete die heutige Abtreibungspraxis zurecht als „Mord“ und erinnerte in diesem Zusammenhang an das Geschehen in der Nazi-Zeit. Wie eine tiefdunkle Wolke legt sich die mit diesem Töten verbundene Schuld über die Welt. Sie verwirrt unser Denken. Sie ist das Werk des Diabolos, des Verwirrers, des Widersachers Gottes. Er ist der eigentliche Feind, und er wirkt nicht nur an dieser Front.
Eine andere Front: Wien beflaggt seine Verkehrsmittel jedes Mal, wenn in der Stadt ein Fest der LGBT-Bewegung, der Life-Ball oder eine Regenbogenparade, stattfindet. Gleichgeschlechtlicher Verkehr, ein Verhalten, das noch vor wenigen Jahrzehnten überall als psychische Krankheit eingestuft wurde, wird jetzt also groß gefeiert und in den Schulen den Kindern als attraktive Lebensform vorgestellt. Wer das kritisiert, gilt nun seinerseits als psychisch gestört, nämlich von einer Angststörung, einer Phobie, der „Homophobie“ betroffen.
Kritik handelt sich auch ein, wer etwa in einer Talk-Show behauptet, Kinder hätten ein Recht auf einen Vater und eine Mutter – eigentlich das Selbstverständlichste der Welt. Nein, erklärt uns jetzt ein kanadisches Gericht. Ein Kind könne auch zwei leibliche Väter und eine Mutter haben, weil die drei schon mehrere Jahre zusammenleben und nicht so genau wissen wollen, wer der Vater ist. Der Europäische Gerichtshof wiederum entschied am 15. Juni, dass der Begriff „Ehegatte“ im Rahmen des Gemeinschaftsrechts geschlechtsneutral sei und daher die Homo-Ehe vollumfänglich mit der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt werden müsse. Und Ende Juni titelte Der Standard: „Verfassungsgerichtshof bestätigt Recht auf drittes Geschlecht“ – Was inhaltlich zwar nicht ganz präzise ist, wohl aber so interpretiert werden wird. Und so versucht man gezielt eine offenkundige Realität abzuschaffen: dass der Mensch entweder als Mann oder als Frau existiert.
Als Christen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir in einem feindlichen Umfeld leben, das von uns verlangt, uns nach seinen fiktiven Wahrheiten auszurichten. Das gilt für wesentliche Fragen: die Abtreibung, die Gender-Theorie, die Multikulturalität, die sexuelle Freiheit… Man muss all das zwar für sein persönliches Leben nicht bejahen, aber in der Öffentlichkeit wird erwartet, dass keiner gegen diese Grundhypothesen auftritt.
Wie sollen sich Christen in diesem Umfeld verhalten? Wichtig erscheint mir die Einsicht: Wir stehen mitten in einem geistigen Kampf. Das ist weder Pessimismus, noch Miesmacherei. Es ist einfach die Realität, die die Kirche seit ihrem Anfang begleitet, die wir jedoch in den letzten Jahrzehnten, die von der Öffnung zur Welt gekennzeichnet waren, etwas aus den Augen verloren haben. In diesem Kampf gegen „die Abschaffung des Menschen“, wie C.S. Lewis es formuliert hat, müssen wird nicht die Restbestände des christlichen Abendlandes retten, sondern zur radikalen Nachfolge Christi. Nur so können wir uns der wachsenden geistigen Verwirrung entziehen.
Ja, tatsächlich: zur radikalen Nachfolge. Also zu einem Leben, das ganz auf Jesus Christus ausgerichtet ist. Das sich nicht damit begnügt, irgendwelchen Werten einen hohen Stellenwert einzu­räumen, Spiritualität hochzuhalten, im Bedarfsfall jedoch bereit ist, um des lieben Friedens willen, Kompromisse mit dem Zeitgeist einzugehen. Also keine Angst vor Radikalität. Ich weiß, das Wort hat heute keinen guten Ruf, aber es beschreibt gut, worauf es ankommt: Aus den Wurzeln unseres Glaubens zu leben, an der Hand Jesu Christi, dem alle Macht gegeben ist, im Himmel und auf der Erde.
Wir können hier in Europa heute viel von den Dissidenten in der Zeit des kommunistischen Ostblocks, die gezielter Verfolgung widerstanden haben, lernen. Wir durften in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus viele slowakische Christen kennenlernen, und sie erzählten uns, wie sie mitten im feindlichen totalitären Regime am Aufbau einer Gegenkultur gewirkt hatten. Da gab es viele Laien, die sich engagierten. Sie bildeten kleine Gruppen, um ein radikal christliches Milieu zu schaffen – auch unter grooßer Gefahr. Ihre Bemühungen galten vor allem der Jugend und den Familien.
Auf diese Weise bauten sie an einer christlichen Welt für morgen, rechneten dabei keineswegs mit unmittelbar messbaren Erfolgen. Vielmehr wirkten sie missionarisch, weil sie von der Überzeugung getragen waren, dass ein Leben nur dann wirklich erfüllt ist, wenn es mit Jesus Christus und in der Umsetzung Seiner Wegweisungen gestaltet wird. Von der politischen Ebene erwarteten sie keine Unterstützung, ja rechneten damit, dass von dort Benachteiligung und Bedrohung kommen. Für fast alle bedeutete das Verzicht auf Karriere.
Sylvester Krcméry, einer der wirklich Großen des Widerstands in der Slowakei fasste das so zusammen: „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit der Bildung von kleinen Gruppen gemacht. Sie wurden während der Verfolgung zu Hauptträgern des Glaubens: Diese Art der Missionierung war enorm dynamisch. Sie entsprach dem, was die Urkirche gemacht hat. Es ging um eine spirituelle Vertiefung, die Vermittlung von religiösem Wissen und eine Hinführung zu einem aktiven Gebetsleben.“
Die Zeichen der Zeit sprechen dafür, dass sich die Christenheit heute auf eine ähnliche Situation einzustellen und daher ähnlich radikale Wege zu beschreiten hat. In seinem Buch Die Benedikt-Option lädt Rod Dreher dazu ein: „Ob Sie zu einem klösterlichen Leben oder zum Leben in der Welt berufen sind, zur Gründung einer Familie oder zum Alleinleben, zu körperlicher Arbeit oder zu einem Schreibtischjob, dazu, zu Hause zu bleiben oder um die Welt zu reisen: Sie müssen nach besten Kräften danach streben, wie Jesus zu sein.“ Denn „ein Christ kann nicht in Treue leben, wenn Gott nur einen Teil seines Lebens ausmacht, ausgeklammert vom übrigen Leben. Letztendlich steht entweder Christus im Mittelpunkt unseres Lebens oder das Selbst und die Götzen, die es sich errichtet. Einen Kompromiss dazwischen gibt es nicht.“
Die Zeit ist gekommen, sich nicht mit einem kulturellen Christentum zu begnügen, sondern mit unserem Glauben ernst zu machen. Dazu noch einmal Krcméry: „Das Evangelium hat heute dieselbe Kraft wie vor 2000 Jahren. Wir müssen uns nur immer wieder fragen, ob wir uns von dieser Kraft ebenso erfassen lassen wie die junge Kirche.“


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