VISION 20006/2004
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Die heilige Johanna von Chantal

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Peter Ebner)

“Jeder wandle, wie es ihm der Herr zugeteilt (1 Kor 7,17) Schon das lebenslustige Mädchen, die Tochter des burgundischen Parlamentspräsidenten Frémyot in Dijon, hatte ihr Dasein nach diesem Satz des Apostels Paulus eingerichtet. Geboren 1572 war ihre Kindheit und Jugend keineswegs frei von Spannungen, aber mit dem ihr eigenen positiven Denken pflegte sie aus jeder Lage das Beste zu machen.

Im ausgehenden 16. Jahrhundert waren staatspolitische und kirchliche Turbulenzen in Frankreich und auch in Savoyen an der Tagesordnung. Hier sei die zwar vorübergehende, aber für dessen Leben keineswegs ungefährliche Verhaftung ihres Vaters als Royalist erwähnt. Auf persönlicher Ebene wiederum widerstand sie bravourös den Einsprechungen einer Gesellschaftsdame, die sie zu einem damals in besseren Kreisen oft sehr leichtfertigen Lebenswandel zu überreden versuchte.

Schon jenseits des zu jener Zeit üblichen Heiratsalters angelangt, schloß sie auf Wunsch ihres Vaters den Ehebund mit dem noch jungen, vermögenden und lebenslustigen Baron Chantal. Auf dessen Schloß gab es Feste und Jagdgesellschaften, Besuche und Gegenbesuche. Die junge, sehr hübsche Baronin Johanna-Franziska entzog sich keinem dieser Geschehnisse.

Gleichzeitig aber begann sie, sich um Ordnung in den Besitzungen ihres Gatten zu kümmern. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sie sich zu einer strengen, vielleicht gerade deshalb von den Untergebenen geliebten Gutsherrin. Der Tod des Barons durch einen Jagdunfall im Jahr 1600 brachte die glücklichen, mit vier Kindern gesegneten Ehejahre Johanna-Franziskas zu einem unerwartet jähen Ende.

Um das Erbrecht ihrer Kinder zu sichern, hatte sie zu ihrem Schwiegervater in dessen Schloß zu übersiedeln. Diese für sie sehr schwierigen Jahre, vollgefüllt mit Demütigungen brachten sie Gott und den Tröstungen eines starken Glaubens näher als je zuvor. Schon während dieser Tage keimten allerdings auch jene Schwierigkeiten auf: Glaubenszweifel und übertriebene Ängstlichkeit im religiösen Leben, die sie zunehmend ihr ganzes weiteres Dasein verfolgen sollten. Ein als Seelenführer völlig ungeeigneter Priester machte ihr Leben noch um einiges unangenehmer, als es ohne ihn gewesen wäre.

All das sollte sich aber gründlich ändern: 1604 zur Fastenzeit hielt Franz von Sales, damals Bischof von Genf, in Dijon in Gegenwart von Johanna-Franziska von Chantal eine Predigt. Er war damals 37 Jahre alt, die Baronin Chantal stand in ihrem 32. Lebensjahr. Ein Augenblick nur und beide wußten, daß Gott sie füreinander geschaffen hatte, daß ihr weiterer Lebensweg von nun an gemeinsam zu begehen sei zum eigenen, zum Wohl des anderen, und damit zum Wohl der Kirche Gottes in dieser Welt.

Im ersten Brief vom 26. April 1604, den Franz von Sales an Johanna-Franziska von Chantal sandte, schrieb er: “Gott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gegeben; dies wird mir mit jeder Stunde mehr zur Gewißheit. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen vermag. Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel." Und im zweiten Brief vom 3. Mai: “Ich habe in Ihrer Seele den Baum des Verlangens nach Heiligkeit wahrgenommen, den der Herr selbst gepflanzt hat. Ich liebe diesen Baum sehr und betrachte ihn mit Freude, jetzt noch mehr als bei unserem Zusammensein". So begann ein Briefwechsel, der ein Buch mit immerhin gut 400 Seiten füllt. Fast alle ihre Briefe an Franz von Sales hat Johanna-Franziska von Chantal nach dem Tod des Bischofs von Genf vernichtet.

Die folgenden Jahre verliefen nach außen hin eintönig. Zu ihren seltenen Freuden zählte wohl der Briefwechsel mit Franz von Sales und das Beobachten des glücklichen Heranwachsens ihrer Kinder. In der Seele von Johanna-Franziska von Chantal trat damals ein Fortschreiten im Glauben ein und in der Gottesliebe, die zunächst 1610 ihren ersten Höhepunkt finden sollte.

Was sich schon angebahnt hatte, wurde Wirklichkeit. Johanna-Franziska von Chantal gründete gemeinsam mit Franz von Sales das erste Kloster zur Heimsuchung in Annecy, der Stadt, in der Franz von Sales als Bischof von Genf residierte, war doch Genf damals fest in der eisernen Hand der Calvinisten.

Johanna-Franziska von Chantal übernahm das Amt der Oberin als Mutter Johanna-Franziska. Die anfangs sehr kleine Schwesterngemeinschaft wuchs, wurde größer und größer. Das Stammhaus war bald zu klein. Der Eifer der Schwestern, die in Annecy noch unter der persönlichen, oft täglichen Leitung durch Franz von Sales standen, war grenzenlos. Der ärmliche Beginn war bald vergessen. Mutter Johanna-Franziska hatte alle ihre anfänglichen Zweifel bezüglich ihrer Fähigkeit zur Leitung der Klostergemeinschaft bald überwunden gehabt.

Zu jener Zeit war es eine der Aufgaben der Schwestern, Arme und Kranke zu besuchen und außerhalb der Klostermauern Gutes zu tun, wo immer es möglich war. 1615 erfolgt die Gründung eines weiteren Klosters zur Heimsuchung in Lyon. Der dortige Bischof bestand auf einer strengen Klausur, damals für Frauenklöster selbstverständlich. Sehr zum Unbehagen von Mutter Johanna-Franziska mußten die Besuche bei Armen und Kranken eingestellt werden. Eine Säule, auf welcher der Geist der Klöster zur Heimsuchung ruhte, war verloren gegangen.

Im Mai 1616 begann Johanna-Franziska von Chantal unter der Leitung von Franz von Sales Exerzitien, die sowohl ihr weiteres geistliches Leben als auch ihre Beziehung zum Bischof von Genf grundlegend ändern sollten. Bis dahin verstand Mutter Johanna-Franziska unter Loslösung ein Sich-Freimachen von allem, was einem einfachen Ruhen in Gott hinderlich ist. Franz von Sales aber ging es um ihre Loslösung von sich selbst. Er will Johanna-Franziska getrennt von allem, was nicht Gott ist, um, wie er selbst sagt:“...sich mit ihr dort zu treffen, wo der große Treffpunkt jener Liebenden ist, die sich finden, weil sie sich nicht gesucht haben, weil sie nur Gott im Auge hatten."

Mit der Heimkehr von der Gründung eines weiteren Klosters zur Heimsuchung in Grenoble beginnen nun die Wanderjahre von Mutter Johanna-Franziska. Ein erster Höhepunkt ist wohl die Gründung eines Klosters in Paris. Mutter Johanna-Franziska ist überall. Im jeweiligen Kloster ihres Aufenthaltes betet sie das Offizium mit, bewerkstelligt Hausarbeiten, pflegt kranke Schwestern und tut vieles mehr. Zu jener Zeit distanziert sich auch Franz von Sales von der Leitung der bis dahin bestehenden Klöster und läßt Johanna-Franziska von Chantal weitgehend selbständig werken.

Im Oktober 1622 kommt Mutter Johanna-Franziska nach Lyon. Ein Gespräch mit Franz von Sales folgt, bei welchem der Bischof jegliches Reden über den Seelenzustand von Mutter Johanna-Franziska ablehnt. Als sie diesen Wunsch geäußert hatte, antwortete Franz von Sales: “Sie haben noch hastige Wünsche? Ich glaubte sie bereits engelgleich zu finden".

Es war eine Abweisung, die Mutter Johanna-Franziska ihr weiteres Leben hindurch nicht vergessen sollte. Wenig später stirbt Franz von Sales. Johanna-Franziska von Chantal erfährt vom Ableben ihres geliebten Bischof von Genf am 6. Jänner 1623 in Bellay.

Hatte es mit dem Tod von Franz von Sales 13 Klöster zur Heimsuchung gegeben, waren es im Jahr 1632 bereits über 50. Von da an sieht es Mutter Johanna-Franziska als ihre Aufgabe, den Geist des Gründers in den Klöstern zu bewahren, insofern eine schwierige Aufgabe, als eine neue Generation von Schwestern in die Klöster eingetreten war, die nur noch die Klosterregel kannten und nicht mehr den Geist von Franz von Sales.

Es schmerzte Johanna-Franziska von Chantal, erkennen zu müssen, daß in der Zeit des Anfangens außergewöhnliche Frauen ins Kloster zur Heimsuchung in Annecy gekommen waren, danach in den anderen Klöstern aber bloß noch Durchschnitt. Johanna-Franziska von Chantal wollte, zumindest den Geist der Entsagung in den verschiedenen Klöstern aufrechterhalten.

In jenen Jahren begann ihr später so genanntes Martyrium der Liebe. Sie selbst sagte von sich: “Märtyrer der Liebe behalten ihr Leben, um den Willen Gottes zu tun". Dazu kam weitere unermüdliche Reisetätigkeit oft unter widrigsten Umständen. Ihre Unternehmungen begannen, ihre Gesundheit zu untergraben. Als Mutter Johanna-Franziska im April des Jahres 1637 einen Brief einer sie bewundernden Klosterfrau erhielt, antwortete sie, daß sie elend und arm sei, ohne Erleuchtungen, ohne Tröstungen, vielmehr verweilend in Finsternis und Trübsal.

Johanna-Franziska von Chantal wurde in ihrem Leben viel getadelt, beleidigt und geschmäht, und das nicht nur von Weltleuten, sondern auch von verschiedenen Schwestern in den vielen Klöstern zur Heimsuchung, wobei ihr vor allem vorgeworfen wurde, mehr zu schaden als zu nützen, und sich die Rechte einer Generaloberin anzueignen, die es der Klosterregel entsprechend gar nicht geben sollte.

Gleichzeitig verkehrt Mutter Johanna-Franziska aber in allerhöchsten Kreisen. Sogar die Königin von Frankreich, Anna von Österreich, will Johanna-Franziska von Chantal in ihrem Schloß Saint Germain bei sich haben. Aber trotz allem wird Mutter Johanna-Franziska in zunehmendem Maß von Glaubenszweifeln, von der Dunkelheit häufiger Depressionen geplagt. Zuletzt sind ihre Glaubenszweifel so stark, daß sie sich, bereits auf ihrem Totenbett und kurz vor dem Empfang der Heiligen Kommunion, aufsetzt und, wie sich selbst ihren Glauben bestätigen müssend, sagt: “Ich glaube fest, daß mein Heiland Jesus Christus im Sakrament des Altares wahrhaft zugegen ist".

Johanna-Franziska von Chantal hat schließlich nicht nur alle Gründungsschwestern des ersten Klosters in Annecy überlebt, sondern auch alle ihre Kinder. Gottergeben stirbt sie am 13. Dezember 1641, einem Freitag, im Kloster zu Moulins. Zur Zeit ihres Ablebens gibt es 81 Klöster zur Heimsuchung, vor allem in Frankreich und im damaligen Savoyen. Sie sind das Erbe einer der ganz großen Frauen nicht nur ihres Jahrhunderts.

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