VISION 20006/2004
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Pressesplitter kommentiert

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Ein Terror, der nur vernichten will

Wer handelt und redet wie bin Laden und Genossen, will nicht Verständigung oder Besänftigung, sondern den “clash of civilizations". Diesem Muster folgt auch der palästinensische Terror. Scharon will Gaza freigeben? Also werden zwei Busse im bisher friedlichen Beerscheva pulverisiert, um Israels Ultras gegen den Premier aufzuhetzen. So war's auch bei den Terrorwellen, die Netanjahu und Scharon an die Macht gebombt haben.

Anders als der “klassische" Terror - etwa der ETA heute oder der frühen IRA von 1916 - haben sich die Dschihadisten von rationalen Zielen wie politischer Unabhängigkeit längst gelöst. Wenn sie nicht vom Weltenbrand, vom Endsieg gegen die Ungläubigen träumen, verfolgen sie Ziele, die nicht verhandelbar sind: Russen raus aus dem ganzen Nordkaukasus, Juden raus aus Israel, Amerikaner raus aus Nahost! Und keine Gnade für “Brückenstaaten" wie Spanien und Türkei. Den totalen Zielen folgen die totalen Mittel. ETA und IRA haben (fast) immer Ort und Zeit ihrer Anschläge bekannt gegeben; vorbei sind nun die Zeiten, da der britische Premier Asquith der IRA bescheinigte, sie kämpfe “mit großer Menschlichkeit und nicht mit Greueltaten". Sollte der neue Terror je Atom- oder Biowaffen in die Hand bekommen, wird er sie in seiner grenzenlosen Selbstgerechtigkeit auch einsetzen.

Die Zeit 38/04


Verbreitete Ratlosigkeit: wie dem islamistischen Terror begegnen? Seine Stärke ist die aus dem Glauben genährte Bereitschaft der Attentäter, auch um den Preis des eigenen Lebens Gewalt anzuwenden. Und sie liegen mit ihrer Interpretation des Islam nicht ganz falsch:

Nachdenkliches über den Islam

Jesus starb am Kreuz. Mohammed aber, Begründer der jüngsten Weltreligion, hatte kein Martyrium zu erleiden. Nach Medina geflohen, gelang es ihm im Jahr 630, seine Geburtsstadt Mekka einzunehmen und mit Überzeugungskraft wie mit dem Schwert einen neuen Staat zu schaffen. Mohammed triumphierte mit seinen Armeen, mit seiner Rechtsprechung, mit seiner Steuerpolitik: Er starb als erfolgreicher Souverän, in allem Handeln Vorbild - und legte so den Grundstein für das natürliche Überlegenheitsgefühl der Muslime, die sich für alle Zeiten als Sieger der Geschichte sahen. (...)

Der radikale Fundamentalismus ist zwar keine einheitliche, homogene Bewegung. Aber sie hat einen gewaltigen strategischen Vorteil: Sie kann die Moscheen als Kommunikationsnetzwerk benutzen. Gerade weil der Islam eine Religion ist, die bewußt in alle Lebensbereiche - also auch die Politik - hineinwirkt, können die Prediger Botschaften aller Art verbreiten. (...)

Wer keine Angst vor weltlicher Strafe und überirdischer Verdammnis hat (oder sich gar eine himmlische Belohnung verspricht), macht sich unbesiegbar. Er verzichtet auf Flucht, auf Selbsterhaltung- und legt damit die Unvollkommenheit jeder Macht bloß. Er läßt sich durch nichts bedrohen, weil er sich keinen Ausweg mehr offen hält. Er sieht den Nutzwert seines Lebens nur noch als Waffe. Er ist Opfer und Täter, Ausgelöschter und Auslöschender zugleich - eine ungeheure, zutiefst verstörende Anmaßung, die mit allen Regeln der Zivilisation bricht.

(...) Die islamistischen Extremisten behaupten, im göttlichen Auftrag zu handeln. “Allah ist das Ziel, der Prophet ist unser Vorbild, der Koran die Verfassung, Dschihad der Weg und der Tod für die Sache Allahs unsere tiefste Überzeugung", heißt das Credo der Hamas.

Der Spiegel 37/04


Ein wichtiger Gedanke: Schau auf den Urheber einer Lehre, wenn es darum geht, diese zu interpretieren. Der muslimische Terrorist kann sich jedenfalls darauf berufen, Mohammed, der Prophet, habe ebenfalls Gewalt angewendet.

Wiederkehr der Rache

Im Zusammenhang mit der Geiselnahme von Beslan ist viel von “Rache" die Rede. Von der Rache, die Rußland, die russische Armee, der russische Präsident für die zahllosen Opfer nehmen werden, aber mehr noch von der Rache, die das eigentliche Motiv der Täter gewesen sei. Rache der Tschetschenen, denen im Kampf um ihr Land Männer, Frauen, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Söhne, Töchter genommen wurden, und zuletzt wird noch gesprochen von der Rache eines unterdrückten islamischen Volkes an seinen “westlichen" Unterdrückern, Fortsetzung des Kampfes von Al Kaida mit anderen Mitteln an anderen Orten, aber mit demselben Ziel: Rache für die jahrhundertelange Demütigung des Orients.

(...) Wer dazu neigt, in dieser Art von Argumentation einen Atavismus zu sehen, der sich bei einigem guten Willen schon überwinden lasse, sollte sich an einige Reaktionen erinnern, die nach dem 11. September 2001 aus den Vereinigten Staaten bekannt wurden. Damals schrieb der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der erst kurz zuvor die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte: “Diese Bomben haben unser Land getroffen, wir fürchten uns davor, den Geruch unserer verbrannten Toten einzuatmen, und ich hoffe, niemand wird die Geduld haben, mit denen zu verhandeln, die begierig sind, sich selbst zu solchen Bomben zu machen. Gefühle des Patriotismus, Gefühle der nationalen Erniedrigung und der Hoffnung auf Rache innerhalb von zwei Tagen kennenzulernen hat mich überwältigt."

Wenn jetzt also von der Wiederkehr der Rache gesprochen wird, dann muß man sich zuerst davor hüten, sie als unverständliche Barbarei zu betrachten. Das Bedürfnis nach Rache für erlittenes Unrecht ist tief im Menschen verwurzelt. Es hat Jahrhunderte christlicher Erziehung bedurft, um deutlich werden zu lassen, wie groß die kontaminierende Kraft dieser Empfindung ist.

Die Tagespost v. 9.9.04


Die Zähmung des verständlichen Impulses, sich rächen zu wollen, ist eine Frucht des christlichen Glaubens. Ohne diesen Nährboden ist die westliche Welt fundamental in Gefahr, ihre Prinzipien über Bord zu werfen. Wie US-Soldaten mit irakischen Gefangenen umgegangen sind, ist nur eine Illustration für diese Gefahr:

Folter Light

In den letzten Jahrzehnten wurde wohl in keinem Staat so intensiv und so kontrovers über die Folter diskutiert wie in Israel - was mit der Entstehungsgeschichte des Landes und der Judenverfolgung durch die Nazis zu tun hat, vor allem aber mit der permanenten, realen Bedrohung durch Terroristen. “Die Methoden der Vernehmung, die eine Regierung genehmigt, spiegeln exakt wider, um welche Art von Regime es sich handelt", schrieb 1987 der ehemalige Oberste Richter Moshe Kandau, Chef der nach ihm benannten staatlichen Kommission - und erlaubte in einem Gutachten ausdrücklich, offensichtlich ohne die Ironie zu erkennen, die Anwendung “leichter Folter " durch israelische Polizei- und Geheimdienstkräfte.

Die “moderate körperliche Gewalt", unter anderem durch permanentes kräftiges Schütteln, und der “psychologische Druck" sollten nach Willen der Regierung auf Terroristen begrenzt bleiben, die über spezifische, andere Leben rettende Informationen verfügten. Aber weil den Vernehmern die Folter light nun einmal erlaubt war, wendeten sie sie auch an. Die staatlich genehmigte, völkerrechtswidrige Nötigung war als Ausnahmefall vorgesehen - und wurde zum Normalfall. Mehr als zwei Drittel aller arabischen Vernommenen wurden nach Schätzungen unabhängiger Menschenrechtsorganisationen Ende der neunziger Jahre “leichter" Folter unterzogen.

(...) Der kanadische Menschenrechtsprofessor und Buchautor Michael Ignatieff ist gegen die Anwendung von Folter (...) Aber von der Folter abgesehen, stellt Ignatieff in der Auseinandersetzung mit al-Qaida so ziemlich alles in Frage, was einen liberalen Rechtsstaat ausmacht. Um “das Böse zu besiegen", meint der Ex-Liberale, der den Irak-Krieg befürwortet hat, müsse man sich “böser Mittel bedienen". Die unbegrenzte Verhaftung von Terrorverdächtigen, gezielte Tötungen, sogar die Führung von Angriffskriegen: für Ignatieff alles erlaubt. “Es ist unvermeidlich, über diese Begrenzungen unserer Freiheiten als kleineres Übel nachzudenken", sagt er.

Sein Alptraumszenario ist ein zweiter großer Terrorangriff auf die USA: “Binnen kurzem fänden wir uns in einem Sicherheitsstaat mit Dauerinternierungslagern für Fremde. Das Schlimmste ist, daß die Regierung ihre Tyrannei nicht einer geduckten Bevölkerung aufzwingen müßte. Wir würden diese Tyrannei zu unserem eigenen Schutz verlangen."

Der Spiegel 36/04


Keine unrealistische Perspektive. Aber was ist die Alternative? Es klingt fast abgedroschen, ist aber trotzdem der Weg aus der Spirale der Gewalt: die Vergebung aus der Kraft des Glaubens und die Umkehr zu Jesus Christus. Dann geschehen Wunder wie dieses:

Bombenbauer wird Priester

Shane Paul O'Doherty, früher Bombenbauer der Terrororganisation IRA in Nordirland, will katholischer Priester werden. O'Doherty, der in den siebziger Jahren unter anderem einem katholischen Bischof eine in einer Bibel verpackte Briefbombe schickte, begann vor zwei Wochen seine Ausbildung im Dubliner Priesterseminar St. Patrick's, wie das Kolleg der Tageszeitung Belfast Telegraph bestätigte. Wegen seiner führenden Rolle bei einer Kette von Bombenanschlägen in Nordirland und Großbritannien war der damals in Derry ansässige O'Doherty zu 30 Mal lebenslänglicher Haft verurteilt worden. Nach seiner Entlassung 1989 schwor er laut Telegraph der Gewalt ab. Ein Sprecher des Priesterseminars sagte der Zeitung, man sei sich der Vergangenheit des neuen Kandidaten bewußt. Es sei jedoch Praxis, jeden Anwärter aufzunehmen, der vom zuständigen Bischof empfohlen werde.

Kath. Wochenzeitung v. 1.10.04


Weiterhin sehr traditionell

Die verbindliche Zweierbeziehung und ein traditionelles Rollenverhalten liegen wieder im Trend. (...) Das Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung in Meilen befragte 800 junge Paare in Österreich, Deutschland und der Schweiz über ihren Beziehungsalltag. Überraschendes Ergebnis: Alles ist, wie es immer war. Frau putzt und wechselt Windeln, Mann repariert Wasserhahn und wäscht Auto. Um die Sache noch abzurunden: Die Mehrheit der befragten Paare ist mit dieser Aufgabenteilung zufrieden, nämlich zwei Drittel der Frauen und drei Viertel der Männer. Beides ist heute gleichermaßen wichtig: Autonomie und Bindung.

Und auch die Treue ist wieder ein Thema: Für 80 Prozent der Befragten ist Treue eine unbedingte Forderung, was geschätzt wird, ist Geborgenheit, Zuverlässigkeit, ein Anker, ein Zuhause und eine sichere Insel im Sturm zu haben, weiß Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin.

“Paare sind keine Unternehmen", erklärt sie. Das Ideal der Fifty-Fifty-Regelung hält sie für Unsinn, denn Frauen sagen: “Wenn ich besser koche als mein Mann, will ich doch nicht, daß er kocht! Er soll statt dessen anderes erledigen." Fazit der Paartherapeuten: Geschlechterrollen sind weder überwindbar noch ausrottbar.

Kath.net 22.6.04


Erstaunlich,nach Jahrzehnten auf Gleichschaltung ausgerichteter Indoktrination, nicht wahr? Auch andere Selbstverständlichkeiten werden heute zur großen Verblüffung vieler wiederentdeckt:

Baby-Watching

Allein die Beobachtung von Babys könnte nach Ansicht von Forschern bei Kindern Aggressionen und Wut abbauen. Mit einem Modellversuch will das Klinikum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Wirksamkeit der in den USA entwickelten Methode nun überprüfen. In einem Kindergarten bei München werden Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren ein Jahr lang beobachten können, wie der Säugling Lisa gestillt und gewickelt wird. Von Krabbel-Versuchen bis zu den ersten Schritten nehmen sie an seiner Entwicklung teil. “Wir gehen davon aus, daß die wöchentliche Beobachtung den Kindern entscheidend dabei hilft, Einfühlungsvermögen zu entwickeln, indem sie die Wahrnehmung schulen und Gespür für die Motivation und die Gefühle anderer bekommen", glaubt Projektleiter Karl-Heinz Brisch. In den USA wird solches “Baby-Watching" bereits als Präventivmaßnahme gegen Aggressionen ins Stadardprogramm der Kindergärten aufgenommen.

SN v. 21.9.04

Es ginge einfacher: Man ermutige Mütter, sich möglichst lang ihren Kindern zu widmen und erleichtere ihnen das finanziell. “Baby Watching" daheim würde Aggressionen schon im Ansatz verringern und käme wohl auch billiger.


Kein Platz für Christen in der Politik?

Der Rückzug Rocco Buttigliones markierte einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen EU-Parlament und Kommission. Es ist das erste Mal, daß ein Kommissar in spe auf sein künftiges Amt verzichten muß, weil seine Auffassungen von einer ausreichenden Zahl von EU-Parlamentariern für unvereinbar mit seinem Amt gehalten werden. Zugleich wird mit dem Rücktritt Buttigliones verdeutlicht, daß speziell das Amt des Justiz- und Innenkommissars als Aufgabe gilt, die neben Kompetenz auch ein uneingeschränktes Bekenntnis zu den Werten der Grundrechtscharta erfordert.

Financial Times v. 12.11.04


Inwiefern hat Buttiglione die Grundwerte verletzt? Was hatte er gesagt?

Vieles mag als unmoralisch erwogen werden, aber es sollte nicht verboten werden ... Ich mag denken, daß Homosexualität eine Sünde ist. Dies hat keinen Einfluß auf die Politik, wenn ich nicht sage, daß Homosexualität ein Verbrechen ist ... Ich möchte sagen, daß ich es als eine inadäquate Erwägung des Problems betrachte, anzunehmen, daß jeder in moralischen Fragen übereinstimmt. Wir können eine Gemeinschaft aufbauen, auch wenn wir in moralischen Fragen unterschiedliche Meinungen haben. Der Auftrag ist vielmehr Nichtdiskriminierung. Der Staat hat kein Recht, seine Nase in solche Angelegenheiten zu stecken, und niemand darf auf der Basis seiner sexuellen Orienteriung oder seines Geschlechts diskriminiert werden.

Die Welt v. 25.10.04

Wo bleibt die Gesinnungsfreiheit, die vielgerühmte Liberalität, wenn ein Katholik nicht mehr öffentlich sagen darf, was er für Sünde hält - noch dazu wenn er im gleichen Atemzug erklärt, diese Sicht nicht zum Maß des Gesetzes machen zu wollen? Hier zeichnet sich eine totalitäre Haltung ab.

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