VISION 20005/2003
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Christus ist der Einzige

Artikel drucken Die Botschaft Christi im Zeitalter des Pluralismus (Von Christof Gaspari)

Im Zeitalter des Pluralismus macht sich jeder verdächtig, der behauptet, die Wahrheit zu kennen. Gerade dieses Wissen unterscheidet aber die Christen von allen anderen, sind sie doch der Wahrheit selbst begegnet.

Ich erinnere mich noch genau: Da war ich eingeladen, in einer Jugend-Gebetsgruppe ein Glaubenszeugnis zu geben. Etwas verspätet treffe ich ein: Zehn bis zwölf junge Leute - Studenten, denke ich - um einen Tisch, andächtig den Rosenkranz betend. Ich bin beeindruckt. Nach dem Gebet bin ich dran, spreche etwa ein Viertelstunde - und löse einen Aufruhr aus. Wodurch? Durch die Aussage, uns Christen sei die ganze Wahrheit anvertraut. Wir müßten sie allen weitererzählen.

Viele machen heute ähnliche Erfahrungen: In privaten Gesprächen darf man über alles mögliche und unmögliche reden, über Fragen nach dem Sinn des Lebens, über Wege der Heilung - aber wehe jemand läßt erkennen, er habe eine für alle gültige Antwort auf diese brennenden Fragen gefunden! Dann spürt man sofort: In der Runde baut sich Spannung auf, Widerstand wird spürbar.

Nach dem Sinn suchen - das schon. Ihn aber gefunden haben - das nicht. Behauptet dann jemand sogar in der Botschaft Jesu Christi könne jeder Mensch die Antwort auf sein Suchen finden - dann hört sich überhaupt alles auf.

Das sei Hochmut, Überheblichkeit, bekommt man dann zu hören. Woher nehme einer das Recht anzunehmen, er wisse es besser als die anderen. Jeder müsse ernstgenommen werden. All das wurde mir damals auch in meiner Jugendgruppe entgegengehalten.

Es ist nicht einmal so erstaunlich, daß der Relativismus heute die Sicht der Menschen, auch der Christen prägt. Schließlich wird gerade letzteren laufend nahegelegt, endlich von ihrem fundamentalistischen Anspruch, die Wahrheit mit dem großen Löffel gegessen zu haben, abzurücken.

Interreligiöse Gespräche und Gebetstreffen, an denen Vertreter unterschiedlichster Religionen teilnehmen, die vielen Differenzen innerhalb der Kirche über wesentliche Fragen des Glaubens und die in den Medien mit Applaus bedachten Bemühungen von Hans Küng, ein Weltethos auf der Ebene der UNO zu etablieren, tragen zur Verunsicherung bei.

Von Umberto Ecco, dem Autor von Der Name der Rose stammt die bezeichnende Aussage: “Die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien." - Ein Satz mit Absolutheitsanspruch, nebenbei bemerkt.

Wer sich also zur Wahrheit bekennt, den ziert alsbald die Punze Fundamentalist. Mit solchen Leute zahle es sich nicht aus zu reden, sie seien dialogunfähig, heißt es. Und damit sind wir bei einem folgenschweren Mißverständnis: Der Dialog mit Andersdenkenden, so die heutige Ansicht, erfordere, daß jeder seine Überzeugung auf diesselbe Stufe zu stellen habe wie die Ansichten der anderen. Jeder Überzeugung komme derselbe Wert zu.

Nur wer von dieser scheinbar demütigen Position aus in ein Gespräch eintritt, führe einen angemessenen Dialog. Daß einer der Beteiligten die bessere Quelle der Wahrheit kennen könnte, wenn es um die Grundfragen des Lebens geht, wird nicht angenommen.

Dem ist folgendes entgegenzuhalten: Gleichheit besteht nicht auf der Ebene der Bedeutung von Überzeugungen. Es gibt eben zutreffende und falsche. Gleichheit bezieht sich vielmehr auf die Würde der Personen. Jeder der am Dialog Beteiligten ist als Mensch voll und ganz ernstzunehmen - mag er aus meiner Sicht auch noch so falsch mit seiner Meinung liegen.

Auch muß man sich in einem Dialog keineswegs auf etwas einigen, etwa auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der vorgebrachten Ansichten. Es genügt vollauf, daß jeder offen zum Ausdruck bringen kann, was sein Herz bewegt, ohne vom anderen deswegen schief angesehen oder für dumm gehalten zu werden. Das aufrichtige Gespräch ist eine Form der menschlichen Begegnung, des Austauschs, in dem wir einander Einblick in unser Inneres, unsere Überzeugungen gewähren, einen Blick auf das, was unser Leben bestimmt. Für Christen ist der Dialog das ideale Vehikel der Verkündigung - nicht Zweck an sich.

Was ist nun das Einzigartige, das Christen in das Gespräch dieser und jeder Zeit einzubringen haben? Um diese Frage zu beantworten, scheint es angebracht, einen Gedanken zum Thema Wahrheit, auf die viele so allergisch reagieren, anzustellen.

Es stimmt schon, daß man kaum jemandem hilft, wenn man ihm aus dem Zusammenhang gerissene wahre Sätze an den Kopf wirft, womöglich noch mit leicht vorwurfsvollem Ton, damit der andere nur ja mitbekommt, wie sehr er danebensteht. Heute muß man zusätzlich bedenken, daß vielen Menschen das einfachste Rüstzeug fehlt, um die Lebensträchtigkeit einzelner christlicher Wegweisungen zu begreifen.

Darum ist es notwendig, sich auf den Grundauftrag des Christen für die Welt zu besinnen. Und dieser lautet, in alle Welt zu gehen und das Evangelium zu verkünden. Konkret bedeutet das zunächst davon zu erzählen, daß in Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist. Ein einmaliges Geschehen, umwerfend, wenn man es sich wirklich bewußt macht! Eine unüberbietbare Mitteilung Gottes. Gott, der alles geschaffen hat und lenkt, kommt dem Menschen ganz nah. Er liebt dich, ist für dich zu jedem Opfer bereit. Wenn du dich Ihm zuwendest, lenkt Er dein Leben zum Guten - für immer!

Wenn die Welt heute diese Tatsache gelangweilt zur Seite schiebt - liegt es nicht auch daran, daß wir Christen zu wenig erfüllt sind von der Größe dieser Wahrheit? Berührt sie uns selbst zu wenig? Begnügen wir uns nicht allzu leicht damit, ein paar Lebensrezepte weiterzusagen, ein paar Regeln für Wohlverhalten, die zweifellos ihre Meriten haben? Und beschränken wir uns in Diskussionen nicht allzu leicht darauf, die Sinnhaftigkeit solcher Regeln zu erklären und deren Einhaltung zu fordern?

Das mag in einer Welt gereicht haben, die von einem christlichen Grundkonsens getragen war. Heute wird das als lästiges Moralisieren abgewehrt. Damit sind wir herausgefordert, die Wahrheit wesentlicher zu verkünden. Das Johannes-Evangelium weist uns den Weg: “Ich bin die Wahrheit", sagt der Herr. Wer die Wahrheit verkünden will, muß Jesus verkünden. Die Wahrheit ist nicht eine Sammlung von wegweisenden Sätzen und Dogmen. Sie ist eine Person, Jesus Christus, vor dem sich jedes Knie beugen wird. Wir sind hineingenommen in ein Geheimnis, das überhaupt nicht zu vergleichen ist mit allem, was die Religionen der Welt zu bieten haben.

Das gilt es liebevoll in der Welt zu bezeugen: Wir Christen kennen den lebendigen Gott, wir haben erfahren, daß Er sehnsüchtig danach verlangt, in uns das Wunder zu wirken, daß wir nach Seiner Wahrheit ein gutes Leben führen - nicht durch unser Verdienst, sondern durch das wunderbare Wirken Seines Heiligen Geistes. Und wer offen genug für dieses Wirken ist, der wird auch befähigt, durch sein Wesen, sein Wirken, sein Tun und Reden anderen im rechten Moment das zu vermitteln, was der Herr ihnen an Wahrheit zugedacht hat.

Und es wird ihn dazu drängen.

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