VISION 20001/2008
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Gott trägt das All

Artikel drucken Der Wiener Erzbischof über Schöpfung und Evolution (Von Christof Gaspari)

Das Thema Evolution ist wieder im Gespräch - besonders in den letzten Jahren. Wesentlich dazu beigetragen hat ein Artikel von Kardinal Christoph Schönborn, den die New York Times am 7. Juli 2005 veröffentlicht hat.

 

In diesem Artikel nahm der Wiener Erzbischof kritisch zu Erklärungsmodellen Stellung, die den Glauben an eine Schöpfung als veraltetes Ammenmärchen unter den Tisch wischen.

 

Eine heftige Polemik war die Folge, und der Wiener Erzbischof nützte das wiedererwachte Interesse am Thema, um seine monatlichen Katechesen im Wiener Dom Fragen der Schöpfungstheologie zu widmen.

 

Aus diesem Fundus schöpft das vorliegende, gut lesbare Buch. Es erinnert gleich zu Beginn an die ganz einfache Grundwahrheit: Unser ganzer Glaube hängt an der Überzeugung, daß Gott Schöpfer ist. Fällt diese Gewißheit, verliert alles andere an Bedeutung: der Glaube, “daß Jesus Christus der Erlöser ist, daß es den heiligen Geist gibt, daß es eine Kirche und ein ewiges Leben gibt."

 

Schönborn zeigt, daß dieser Glaube kein Sprung ins Dunkle, sondern durchaus vernünftig ist. Wer unvoreingenommen die Welt rund um sich betrachtet, den bringt seine Vernunft ganz selbstverständlich zu der Einsicht: Dieses Wunder muß aus der Hand eines allmächtigen Schöpfers hervorgegangen sein, “denn von der Größe und Schönheit der Geschöpfe läßt sich auf ihren Schöpfer schließen," zitiert Schönborn das Buch der Weisheit. Und er macht darauf aufmerksam, daß die moderne Forschung ohne die “Entgötterung der Welt", die durch die Botschaft Christi erfolgte, gar nicht denkbar gewesen wäre.

 

Selbstverständlich und unverkrampft entfaltet der Wiener Erzbischof dann die Grundaussage seines Buches: Schöpfungsglaube und wissenschaftliche Erkenntnis schließen einander nicht aus. Problematisch wird die Beziehung erst, wenn die Wissenschaft aus ihren Teileinsichten eine materialistische Ideologie bastelt. Für viele wird heute der Evolutionismus zu einem Glauben. Schönborn spricht von einer “eigenartigen ,Sakralisierung´ einer wissenschaftlichen Theorie", die in manchen Bereichen auf eine Fülle wertvoller Erkenntnisse verweisen kann - vielfach aber ideologisch überzogen worden ist.

 

Wo Wissenschaft hingegen demütig, im Wissen um ihre Grenzen, betrieben wird, führen ihre Einsichten zwangsläufig zum Staunen, sind sie sogar ein Weg zu Gott.

 

Klar, daß sich Schönborn vom “Kreationismus", also der Vorstellung, Gott habe die Welt in sechs Tagen geschaffen, distanziert. Das Buch Genesis, in dem die Schöpfung beschrieben wird, sei nicht als “protokollarischer Bericht" zu lesen. Zu behaupten, die Welt sei 6.000 Jahre alt, wie es Kreationisten tun, “ist unsinnig", hält der Kardinal fest und zitiert Thomas von Aquin: Man dürfe “den christlichen Glauben nicht mit Argumenten verteidigen wollen, die ihn lächerlich machen, weil sie offensichtlich der Vernunft widersprechen."

 

Wohltuend ist die Selbstverständlichkeit, mit der Schönborn die absolute Souveränität Gottes gegenüber Seiner Schöpfung betont. Sie impliziert nämlich, daß “alles, was existiert, von Gott abhängt." Damit wird ein Thema angesprochen, daß üblicherweise unter den Tisch fällt: daß Gott nämlich die Schöpfung auch im Dasein hält und daß Er fortwährend in Seiner Schöpfung am Werk ist. Schönborn dazu: “Sein Wirken (ist) nicht das eines deus ex machina, eines ,Lückenbüßers', der für das ,noch nicht Erklärbare' herhalten muß. Es geht nicht um ein ,fallweises Eingreifen' von außen, sondern um das transzendente Schöpferwirken Gottes, das allein möglich macht, daß diese Welt ,zusammenhält', und daß sie nach Seinem Plan, Schritt für Schritt höher steigt, daß in ihr wirklich Neues auftritt, bis hin zum Menschen."

 

Letztlich hänge alles an der Frage: “Ist die Welt, in der wir leben, und unser Leben in ihr Sinn-voll?" Steht also am Anfang die Vernunft, die alles nach einem sinnvollen Plan gestaltet? Auf diese Frage geht ja auch Papst Benedikt immer wieder in seiner Auseinandersetzung mit dem modernen Agnostizismus ein. Wer der Vorstellung anhängt, eine blinde Evolution habe uns und all das hervorgebracht, was uns umgibt, der leugnet unausgesprochen die Existenz der Vernunft - was paradox ist, wenn diese Sichtweise sich als die einzig vernünftige gebärden will.

 

Zu bedenken gibt Schönborn im letzten Kapitel auch, welche Folgen die Übernahme dieses Denkens für die Weltanschauung hat. Da ist zunächst die Geistesverwandtschaft von Neodarwinismus und Neoliberalismus: Wenn Höherentwicklung von der Auswahl der Tüchtigsten allein bestimmt wird, dann ist es nur naheliegend, dies auch für die Gesellschaft zu fordern, den Wettbewerb also zum allein seligmachenden Prinzip wirtschaftlicher Entwicklung hochzustilisieren. Mit wieviel Elend diese Option verbunden ist, hören wir täglich in den Nachrichtensendungen.

 

Eine weitere Folge des Neodarwinismus sieht Schönborn in der “Pädagogik der Fitneß": “Ein Grundparadigma von Bildung heute ist die Anpassung unter dem Aspekt der Nützlichkeit, vor allem der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt." Fragt sich nur: Wo kommen die Menschen her, die im Falle von auftretenden Widrigkeiten, Auswege suchen und Widerstand bei Fehlentwicklungen leisten, wenn jeder “sein Fähnchen nach dem jeweiligen Wind" dreht? Jede Gesellschaft sei aber auf die nicht Angepaßten angewiesen. Und so appelliert der Kardinal: “Der Widerstand gegen ideologische Ausprägungen des Evolutionismus ist eine der heutigen Formen, Freiheit und Verantwortung zu leben, auch wenn das seinen Preis hat."

 

Besonders wichtig sei dieser Widerstand in all den Fragen, die den Lebensschutz betreffen. Hier sei die Kirche eine Bastion, die unbeirrt daran festhalte, “daß so etwas wie die ,Sprache des Schöpfers´ in der Natur" erkennbar sei und es daher eine “sittlich verbindliche Schöpfungsordnung gibt, die auch in den bioethischen Fragen die Richtschnur bleibt."

 

Zusammenfassend: eine aufbauende, gut argumentierende und den Glauben stärkende Stellungnahme zu einem brennend aktuellen Thema, an dem sich die Geister heute scheiden.

 

Christof Gaspari

Ziel oder Zufall? Schöpfung und Evolution aus der Sicht eines vernünftigen Glaubens. Von Christoph Kardinal Schönborn. Herder, 187 Seiten, 19.90 Euro

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