VISION 20005/2013
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Ich bin immer bei Euch

Artikel drucken Trotz Verfolgung und Leid die Hoffnung und Geduld nicht verlieren (Von Urs Keusch)

Auch wir Christen sind versucht, unser Glück von guten Lebensbedingungen: Gesundheit, Wohl­stand, Anerkennung… zu erhof­fen. Jesus hingegen hat uns Schwierigkeiten und Kampf vorhergesagt, aber auch die Zusicherung gegeben: „Ich bin bei euch – alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Neulich las ich ein Buch über den letzten Starzen im russischen Kloster Optina, den seligen Nektarij, der als heiligmäßiger Mönch dort gelebt hat und dann gefangen genommen wurde. Das war im Jahre 1923, zu der Zeit, als die antichristliche Revolution gegen die Kirche und das gläubige russische Volk ihr mächtiges und grausames Haupt erhob. „Kommt jetzt der Antichrist, kommt jetzt das Ende der Welt?“– mit dieser Frage bedrängten die Menschen den seligen Nektarij. Sie mussten zusehen, wie tausende Mönche und Priester umgebracht, viele Klöster geschlossen und zerstört wurden, und die Prophezeiungen über das Weltende sprossen wie Pilze aus dem Boden.
Und was war die Antwort dieses heiligen Mannes? „Es gibt viele Menschen, die sich mit der Erforschung der Anzeichen des Endes der Welt beschäftigen, doch über ihre eigene Seele machen sie sich keine Sorgen. Den Menschen ist es nicht nützlich, die Zeit der zweiten Ankunft zu wissen. ‚Wachet und betet‘ (Mt 26,41), sprach der Erretter. Das heißt, es ist nicht nötig, Ereignisse vorauszuahnen. Zur entsprechenden Zeit wird den treuen Dienern Gottes alles offenbar werden.“
Diese Antwort des erleuchteten Mannes ist heute so wahr und gültig wie damals. Wir Menschen wollen wissen, was in Zukunft geschieht, doch über unsere eigene Seele machen wir uns keine Sorgen…
Wie wahr! Bei vielen frommen Christen ist heute eine förmliche Weltendestimmung verbreitet, die dem christlichen Geist der Hoffnung doch so entgegensteht, ein schweres Lebensgefühl, in dem die beseligende Gegenwart des Herrn nicht mehr wahrgenommen wird. Und wo dieses Dunkle in ein Haus einzieht, da vergiftet es die ganze Familie, macht die Kinder mutlos und später meist voll Widerspruch, ja Hass gegen Eltern und Kirche. Es ist eine fast nicht heilbare Krankheit der Seele, von der Papst Franziskus sagt: „Traurigkeit ist Satans Zauberkunst, die unser Herz verhärtet und verbittert.“
Seit der Mönch Nektarij gelebt hat, sind fast 100 Jahre vergangen – und Christus ist noch nicht gekommen. Die Welt ist seither von weiteren Revolutionen und Bürgerkriegen zerrissen worden. Ein neuer Weltkrieg schlug das Angesicht der Welt blutig. Das „Mysterium der Bosheit“ entfaltet fast ungehindert mit allen Mitteln der Technologie seine satanische Wirklichkeit und etabliert sich zusehends auf der ganzen Welt in allen Bereichen des menschlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens. Weitverbreitet wendet man sich heute verächtlich von Christus ab oder gegen das Christentum als „das größte Unglück der Menschheit… Es bleibt dem Kritiker des Christentums nicht erspart, das Christentum verächtlich zu machen.“ So Nietzsche in Der Antichrist.
Aber das alles ist uns in der Bibel vorausgesagt, zu unserer Tröstung, zu unserer Ermutigung, und darum haben wir keine Ursache zu Panik, Pessimismus und unseliger Angst, wie jene sie haben, die ohne Hoffnung sind. Auf keiner einzigen Seite der Bibel steht geschrieben, dass wir hier auf Erden ein gemächliches Leben haben werden, wenn wir zu Christus gehören.
Es wird uns vielmehr gesagt, dass, wenn die Zeiten dem Ende zu drängen, die Macht Satans zunehmen wird, dass der Kampf gegen Christus (in Gesellschaft und Kirche) sich verstärken wird. Der Katechismus fasst sehr gut und in knappen Worten zusammen, was die Bibel darüber sagt:
• „Vor dem Kommen Christi muss die Kirche eine letzte Prüfung durchmachen, die den Glauben vieler erschüttern wird.
• Die Verfolgung, die ihre Pilgerschaft auf Erden begleitet, wird das ‚Mysterium der Bosheit‘ enthüllen: Ein religiöser Lügenwahn bringt den Menschen – um den Preis ihres Abfalls von der Wahrheit – eine Scheinlösung ihrer Probleme.
• Der schlimmste religiöse Betrug ist der des Antichrists, das heißt eines falschen Messianismus, worin der Mensch sich selbst verherrlicht, statt Gott und seinen im Fleisch gekommenen Messias.“ (675)
• Das Kommen des verherrlichten Messias hängt zu jedem Zeitpunkt der Geschichte davon ab, dass er von ‚ganz Israel‘ anerkannt wird, über dem zum Teil ‚Verstockung liegt‘, so dass sie Jesus ‚nicht glaubten‘.“ (674)
Man muss sich diese vier Sätze immer wieder vor Augen halten, liebe Leser, man muss die entsprechenden Bibelstellen aufschlagen und lesen, die der Katechismus dazu anführt. Wir werden davon ausgehen dürfen, dass die Verfolgung der Kirche im 20. Jahrhundert mit seinen Millionen Märtyrern Teil der „letzten Prüfung“ war, aber was uns noch bevorsteht, ist uns verborgen.
Starez Nektarij äußerte sich einmal so: „Unsere tiefsten Betrübnisse gleichen Mückenstichen verglichen mit dem Gram des künftigen (3.) Jahrtausends.“ Dass heute nur noch wenige Christen (im Westen) mit ganzem Herzen zur Kirche als dem Licht Christi und der Mutter unserer Freude, ja, als dem verborgen anwesenden auferstandenen Christus selbst halten, ist tägliche Erfahrung, sonst würden Pfarrer in ansehnlichen Landpfarreien nicht die Werktagsmessen streichen, weil niemand mehr kommt.
Dass sich weltweit der Geist des Antichrists durchsetzt – der Geist der Lüge, der Scheinheiligkeit, der Abwesenheit von Freude im Denken und Sinnen der Menschen, der Regierungen, Theologien, in vielen Teilen der verweltlichten Volkskirche – das kann jeder sehen, der noch Augen hat.
Dieser Geist der Lüge findet über die Medien seit Jahrzehnten Eingang in jede Wohnstube, auch in unsere, in jedes Herz, auch in unser Herz, er dringt vor bis in die entlegenste afrikanische Hütte und vernebelt und zersetzt selbst die „guten, frommen Christen“, lähmt sie und entfremdet sie dem Geist der Freude, dem Geist Jesus Christi und der Wahrnehmung Seiner beseligenden Gegenwart.
Wie viel Depressivität und Resignation wird am Bildschirm erzeugt, wie viel Abneigung gegen das Heilige, die Wahrheit, die Kirche! Aber wer will schon auf das uferlose Angebot und schillernde Blendwerk von Bild und Infoverzichten und der Bequemlichkeit absagen?
Was die Bekehrung der Juden angeht, die dem herrlichen Kommen unseres Herrn vorausgeht: Wer hätte es je für möglich gehalten, dass einmal (seit dem II. Vaticanum) ein versöhntes, ja freundschaftliches Gespräch zwischen Juden und Christen in Gang käme und von allen Päpsten seither intensiv gepflegt wurde und wird. Das aber ist erst ein Anfang von dem, was dem herrlichen Kommen des Herrn vorausgehen wird. Geduld ist heute angesagt, Beharrlichkeit und Geduld! Doch es tut sich heute Unglaubliches für die, die im Lichte Christi die Dinge betrachten.
Machen wir uns darum keine falschen Hoffnungen, liebe Leser, mit denen wir die Realität der Bibel verschleiern und uns dem Anspruch Christi zu Wachsamkeit und Gebet, zu Treue und beharrlicher Geduld im Leiden entziehen wollen. Halten wir uns vielmehr die Mahnung des hl. Augustinus vor Augen, die er schon im 5. Jahrhundert vielen Christen gegenüber anbringen musste, die sich in bedrängter Zeit utopischen Hoffnungen von Frieden und Triumph hingegeben haben: „Wenn ihr wahre Christen seid, dann macht euch auf Drangsale in dieser Welt gefasst. Hofft nicht auf bessere und ruhigere Zeiten. Ihr täuscht euch. Was das Evangelium euch nicht verspricht, das versprecht euch nicht selbst.“
Doch das verspricht uns das Evangelium: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) An jedem Tag, zu jeder Stunde! Und: „Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt.“ (Joh 12,46) Ich bin Dein Licht! Wenn Du glaubst, wirst Du nicht mehr in der Dunkelheit Deiner Mutlosigkeit und Traurigkeit sein. Doch bedenke: „Der Glaube ist nicht ein Licht, das alle Finsternis vertreibt, sondern eine Leuchte, die unsere Schritte in der Nacht leitet, und dies genügt für den Weg.“ (Papst Franziskus in der Enzyklika Lumen fidei). Und dies genügt für den Weg – auch für Deinen!
Verlange nicht nach andern Lichtern, die sich als Irrlichter erweisen werden und Dich in tiefere Mutlosigkeit stürzen. Und was die Zukunft betrifft, was Du wirklich wissen musst, das wird Dir zur rechten Zeit der Geist des Herrn kundtun. „Er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird“ (Joh 16,13). „Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren … Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.“ (Lk 21,34-36)
Hilf, o Mutter, unserem Glauben! Öffne unser Hören dem Wort, damit wir die Stimme Got­tes und Seinen Anruf erkennen … Hilf uns, dass wir uns Ihm ganz anvertrauen, an Seine Liebe glauben, vor allem in den Augenblicken der Bedrängnis und des Kreuzes … Erinnere uns daran: Wer glaubt, ist nie allein. Lehre uns, mit den Augen Jesu zu sehen, dass Er Licht sei auf unserem Weg; und dass dieses Licht des Glaubens in uns immerfort wachse, bis jener Tag ohne Untergang kommt, Jesus Christus selbst, dein Sohn, unser Herr! (Gebet am  Schluss der Enzyklika Lumen fidei)

Der Autor ist emeritierter Pfarrer. Das zitierte Buch: Nektarij, Starez von Optina, Edition Hagi Sophia.  

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