VISION 20005/2013
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Nur in Freiheit kann man lieben

Druckansicht Über den Perfektionismus: Er lässt die Seele erstarren (Von Univ. Doz. Raphael Bonelli)

Unsere heutige Gesellschaft fordert die Perfektion, die Superlative, das Non-plus-Ultra: Der Star, der Superman, die Powerfrau werden anerkannt und nur ihnen wird Bewunderung gezollt…
 
Immer mehr Kinder werden zu kleinen Wolfgang Amadeus Mozarts, Boris Beckers und Vladimir Putins erzogen: von klein auf müssen sie aus Nützlichkeitsdenken einen Kurs nach dem anderen besuchen, zum Spielen bleibt keine Zeit mehr. Immer häufiger begegne ich Österreichern, die mit ihren einjährigen Kindern Englisch sprechen, damit diese später einen Startvorteil im unerbittlichen Kampf um Höchstleistung haben. Sagen Sie einmal Ihrem eigenen Kind in einer Fremdsprache, wie gern Sie es haben...
Ich habe sogar eine (außer Haus berufstätige) Mutter kennengelernt, die sich von ihrer 6-jährigen Tochter zum Geburtstag eine Powerpoint-Präsentation gewünscht hat – damit diese später leichter eine universitäre Karriere macht.
Immer mehr wird klar: Wer nichts leistet, ist in dieser Gesellschaft nichts wert. So wird Leistung zur „Selbstverwirklichung“, wenn sich das Selbst immer mehr auf die Leistung reduziert. Die hier nicht mithalten können oder diese Selbstverwirklichung behindern, werden von der Gesellschaft in Altersheime und Kinderkrippen abgeschoben – oder abgetrieben.
Die gesellschaftlichen Spielregeln drängen uns in eine Rolle, die uns nicht entspricht, da sie uns ein Plansoll für alle Lebenssituationen vorgibt. Dieser aufoktroyierte Zwang zur Leistung ist unmenschlich, weil darin die personalen Beziehungen keine Rolle mehr spielen. Und da die Räume, in denen wir als besondere Personen in Erscheinung treten und von besonderen Personen Wertschätzung und Annahme erfahren, ohne sie verdienen zu müssen, immer mehr an Bedeutung verlieren (z.B. die Familie), bleibt dem einzelnen nichts anderes übrig, als sich durch Leistung zu profilieren und damit – wenn schon nicht Liebe – so doch wenigstens Anerkennung zu erwirtschaften.
Die Folge dieser ungesunden Verabsolutierung der Leistung auf Kosten der Beziehungen ist eine krankhafte Fehlhaltung: der Perfektionismus. Er ist eine unfreie, neurotische Angst vor der eigenen Fehlerhaftigkeit, die die Seele erstarren lässt wie die Maus vor der Schlange.
Der Perfektionist ist ein Kind unserer Zeit: in ihm baut sich ein innerer Druck der Unzufriedenheit, Selbstverachtung und Verbitterung auf, unter dem er leidet und den er auch an seine Umgebung weitergibt. Das Bessere ist für ihn der Feind des Guten: nichts ist gut genug, alles könnte besser sein. So entwickelt er sich zum notorischen Pessimisten, Nörgler und Querulanten. Er weist ein Schwarz/Weiß-Denken auf, eine Alles-oder-Nichts Mentalität: entweder perfekt oder gar nicht.
Dem Perfektionismus zugrunde liegt sein krankhaftes Leistungsdenken, bei dem nur der zählt, der Tadelloses, Bewundernswertes und sogar Außergewöhnliches vorzuweisen hat. Häufig geht es um eine irrationale Angst vor Ablehnung (nicht gut genug zu sein), eine ängstliche Besorgtheit um den eigenen Ruf.
Damit bringt sich der Perfektionist in eine Sisyphos-Situation, die oft im Burnout endet: er läuft einem unerreichbaren Ziel nach, denn niemals kann man allen gefallen. Die fruchtbare Spannung zwischen dem „Soll“ und dem „Ist“ kann nicht mehr zum persönlichen Wachstum genutzt werden, die Persönlichkeitsentwicklung stagniert und spirituelle Unfruchtbarkeit stellt sich ein. Rigidität, Halsstarrigkeit, Besserwisserei und Intoleranz können die Folge sein.
Im Umgang mit ihrer Umgebung sind Perfektionisten mitunter überkritisch, übergriffig und versuchen, das eigene irrige „Ideal“ dem Nächsten überzustülpen. Sie verabsolutieren die eigenen Vorstellungen und wenden einen besonders strengen Maßstab an, dem sie aber meist selber nicht entsprechen können. Fremdes Abweichen von den eigenen Regeln ruft im Perfektionisten Unwohlsein hervor, das sich im Umgang mit anderen als genervte Belehrung oder aggressive Abwertung des anderen zeigt.
Der Perfektionist lebt im selbstgefälligen Selbstbetrug, dass er – im Gegensatz zu seiner Umgebung – eben hohe Ideale hat. Doch in Wirklichkeit strebt er nicht ein hohes Ideal an (das wäre normal), sondern idealisiert aus seiner Ichhaftigkeit heraus das Selbst in unerreichbarem Ausmaß. Die natürliche Spannung zwischen dem „Soll“ und dem „Ist“ erlebt der Perfektionist als bedrohlich und kann sie nicht ertragen, weil das „Soll“ zum „Muss“  geworden ist.
Die Lösung dieses Dilemmas ist das Ertragen der Unvollkommenheit als Weg zur inneren Freiheit und Widerspruch zum Zeitgeist: die Selbstannahme im Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit, Durchschnittlichkeit und Gewöhnlichkeit. „Demut gründet darin, dass der Mensch sich so einschätzt, wie es der Wahrheit entspricht,“  sagt der katholische Philosoph Josef Pieper.
Innere Freiheit ist das Gegenstück zum Perfektionismus und führt zum Freisein von Ichsucht, Machtstreben und Habgier, von Kontrollzwang und Anspruch auf Fehlerlosigkeit im eigenen Leben sowie von Launen, Verbitterung und Fremdbeschuldigung. Nur freie Menschen können sich bewusst für das Gute entscheiden, sich hingeben und an Werten orientieren. Innere Freiheit verleiht deshalb Unbeschwertheit und natürliche Autorität, sie macht flexibel und unabhängig. Innere Freiheit ist auch die Basis für eine gesunde Spiritualität: Nur in Freiheit kann man glauben, nur in Freiheit lieben.
Letztlich ist Perfektionismus also Ausdruck von Oberflächlichkeit und fehlender Innerlichkeit, auf gesellschaftlicher Ebene wohl auch eines Verlustes an Werten jenseits von Nützlichkeitskriterien. Trotzdem kann sich dieses zeitgeistige Phänomen auch bei einem religiösen Menschen einschleichen und zwar im Irrglauben, dass Gott nur Leistung erwartet.
Wer viel von christlichen Werten und wenig von Geborgenheit in der Liebe des Vaters spricht, fördert auch eine Haltung, die Leistungsstress im Glaubensleben produziert. Die Geborgenheit in der Liebe Gottes ist aber nicht von unserer Leistung abhängig, sie ist in erster Linie unverdient und wird denen geschenkt, die sich vertrauensvoll und eingedenk ihrer Unvollkommenheit an den liebenden Vater wenden.

Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Facharzt für Neurologie


Fachtagung
Gottesfurcht & Heidenangst ist Thema einer Fachtagung des Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie mit Referaten von namhaften Referenten:
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Reinhard Haller, Marianne Schlosser, Raphael Bonelli, P. Karl Wallner
Zeit: 19. Oktober
Ort: Stift Heiligenkreuz


Info & Anmeldung: RPP Institut,
Tel: 01 664 476 1222,

www.heidenangst.org

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