VISION 20005/2013
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Wenn Eltern Abschied nehmen

Artikel drucken Über die Bedeutung der Versöhnung vor dem Tod (Urs Keusch)

Neulich erzählte mir eine Frau, die vor einem Jahr ihre Mutter verloren hat: „Nie hätte ich mir vorstellen können, dass der Tod meiner Mutter meine Seele so tief aufwühlen, mich in so ein Ge­fühlschaos stürzen könnte. Ich dachte immer: Wenn jemand 80 Jahre alt ist, ist es doch nor­mal, dass er stirbt, man nimmt das so hin. Aber das Gegenteil war der Fall: Mir ist der Boden unter den Füßen eingebrochen“.

Mit dieser Erfahrung ist diese Frau nicht allein. Vielen Angehörigen, Söhnen und Töchtern, ergeht es ähnlich. Es ist tatsächlich so, dass der Tod der alten Eltern viele Söhne und Töchter in eine schwere innere Krise hineinbringen kann. Bei Barbara Dobrick, die sich in ihrer psychotherapeutischen Arbeit eingehend mit Trauerarbeit bei Angehörigen beschäftigt hat, las ich in ihrem Buch Wenn die alten Eltern sterben – das endgültige Ende der Kindheit (Kreuz-Verlag): „Mit den Eltern wird die eigene Kindheit endgültig zu Grabe getragen und gleichzeitig in der Erinnerung belebt, mit allem Schönen und Schrecklichen. Noch einmal wird spürbar, wie bedeutungsvoll, wie bestimmend die Beziehungen zu Vater und Mutter waren und bleiben. Traurigkeit ist ein wesentliches, aber nicht das einzige Gefühl, mit dem Söhne und Töchter auf das Ende dieser Beziehung antworten. Ohnmacht, Verzweiflung und Angst, Wut, Hass und Schuldgefühle, Erleichterung, Liebe und Sehnsucht können sie ergreifen, manche in ein schwer erträgliches Gefühlschaos stoßen“.
Wo das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern schmerzvoll war: wo Kinder von ihren Eltern kaum die nötige Liebe und Achtung erfahren haben, wo seelenlose Autorität vorherrschte, Kinder ungerecht behandelt, vielleicht sogar in ihrer Würde herabgesetzt wurden, wo Eltern ihren erwachsenen Söhnen und Töchtern den gebührenden Respekt versagt haben, in der (religiösen) Erziehung der Enkelkinder ungebührend dreingeredet haben, usw.: Da bleiben beim Tod der Eltern tief verletzte Menschen zurück, die mit diesen Erfahrungen oft kaum mehr fertig werden. (Wie viel schmerzvolles Leid kann erzieherische Blindheit über eine Familie bringen!)
Wenn dann solche tief verletzte Angehörige keine verständnisvolle und kompetente seelsorgerische oder therapeutische Hilfe erfahren, bleiben viele von ihnen nicht selten für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Dann kommt hinzu, dass gerade dann, wenn Söhne und Töchter ihren alten, ihren sterbenskranken Eltern beistehen und ihnen helfen wollen, sie wieder in die Gefühlswelt ihrer eigenen Kindheit zurückfallen und dann alles das in ihnen aufsteigt, von dem sie glaubten, es sei längst vergessen und verziehen...
Kaum eine andere Herausforderung im Leben erfordert mehr innere Größe – und bei Christen Barmherzigkeit – als der endgültige Abschied von den eigenen Eltern, wenn die Beziehung zu ihnen von schmerzvollen kindlichen und zwischenmenschlichen Erfahrungen überschattet war. Nicht selten folgen dann solchem Abschied entwürdigende Erbstreitigkeiten, denn „Geschwister können selbst im hohen Alter noch vor allem durch Neid und Eifersucht verbunden sein“ (Barbara Dobrick). Und alles hat dann, wie jemand einmal sagte, „ein bisschen was mit Wahnsinn zu tun. Von außen kann man das überhaupt nicht kapieren“. Manche, die sich als Christen verstehen, verlieren dann nicht selten auch noch das Höchste, das sie besitzen: den inneren Frieden mit Gott, für den, so sagt der Hl. Franz von Sales, kein Preis zu hoch sei, auch nicht der freiwillige Verzicht auf eine Erbschaft.
Eltern, die bei ihrem Tod den Frieden in Gott finden wollen, dürfen es nicht unterlassen (soweit es in ihrer Macht steht, leider ist es nicht immer möglich!), rechtzeitig alles zu tun, was den wahren Frieden zwischen ihnen und ihren Kindern fördern kann. Dasselbe gilt in gleicher Weise für Söhne und Töchter ihren Eltern gegenüber. Es ist nie zu spät, solange wir leben, miteinander zu sprechen, einander ein ehrliches, verzeihendes, gutes, dankbares Wort zu sagen.
Eine Frau erzählte mir kürzlich, dass sie es mit ihrer Mutter sehr schwer gehabt habe, weil diese sehr autoritär, dominant und eigenwillig gewesen sei und kaum einmal ein Gefühl zeigen konnte. Aber sie habe sich trotzdem immer gerne an ihre Kindheit erinnert. Wenige Monate vor ihrem Tod habe sie zu ihr gesagt: „Mutter, ich möchte dir danken, dass ich eine so schöne Kindheit hatte“. Darauf habe die Mutter, nach vielen Jahren wieder einmal, geweint und gesagt: „Oh, dass Du das sagst... Nun dachte ich, ich hätte alles in meinem Leben falsch gemacht.“
Oft bietet sich gerade in den letzten Monaten und Wochen noch die Gelegenheit, mit dem Vater, der Mutter ein Gespräch zu finden, das für beide Seiten zur Befreiung und Heilung führt: „Ich war meinem Vater nie so nah wie in der Klinik. Wir haben schöne Zeiten verbracht, weil wir allein waren und viel bereden konnten, er mir viele Dinge erklärt hat, um die ich vorher nicht wusste. Ich konnte nun manches besser verstehen. So konnten wir uns in Liebe verabschieden“.
Es ist hingegen sehr schmerzhaft, wenn ein Sohn, eine Tochter zurückbleiben muss, ohne dass solche Verständigung und Versöhnung möglich wurde. Aus langer therapeutischer Erfahrung heraus sagt jemand: „Oft hoffen die Angehörigen beim Abschied ihres Vaters oder ihrer Mutter auf ein letztes Wort, so wie im Film, aber die wenigsten sagen noch was zum Schluss.“ Und das bedeutet eben Schmerz für die Zurückgebliebenen, oft tiefe Traurigkeit.
Altwerden ist einfach, das geht von selbst und meistens viel schneller, als uns lieb ist. Aber alt sein und im Alter liebenswürdig sein, mild und warm wie die Sonne im späten Herbst, ja, wie ein „Martinisömmerli“, an dem sich alle freuen können, Groß und Klein, sich aufwärmen, ehe die langen kalten Tage des Winters kommen: Das ist hohe Lebenskunst, das meinte auch unser Herr, als Er sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!“
Es ist hohe christliche Lebenskunst, als alte Mutter der Tochter Respekt und Anerkennung entgegenzubringen und ihr zur rechten Zeit ein gutes, ein anerkennendes Wort zu sagen, an das sie gerne zurückdenkt, wenn die Mutter einmal nicht mehr da ist – und umgekehrt.
Es ist hohe christliche Lebenskunst, als alter Vater seinem Sohn ein gutes Wort mitzugeben (oder es ihm zu schreiben), das zum Ausdruck bringt, er sei stolz auf ihn – ein Wort, an das der Sohn immer wieder gerne denken wird, wenn sein lieber Vater einmal im Himmel ist… Wie vieles könnte mit wenigen Worten, die aus einem reinen, im Gebet durchwärmten Herzen kommen, gesagt und in kurzer Zeit gutgemacht werden, ohne dabei unwahrhaftig zu sein!
Aber das alles ist nur möglich, wenn Eltern ihr Leben auf Gott hin leben, auf den herrlichen Christus hin, wenn wir alles, was wir hier auf Erden tun, es im Angesicht unseres Vaters im Himmel tun. „Bei allem, was du tust, denk an das Ende“(Sir 7,36).
Immer soll der Tag lebendig vor unseren Augen stehen, der letzte Sonnenuntergang, an dem wir hier abberufen werden, an dem wir alles – wenn möglich bereinigt! – zurücklassen müssen, um vor unserem heiligen Gott zu erscheinen und von Ihm gerichtet zu werden in Heiligkeit und Gerechtigkeit.
Nichts ist so wichtig für ein gelingendes, für ein frohes und ein heiligmachendes Leben, als sich immer die eine ganz sichere Tatsache lebendig vor Augen zu halten, dass unser Leben kurz ist, dass es für uns (vielleicht bald) zu Ende geht und dass jeder Augenblick eine Gnade ist, mit dem wir von hier aus an unserer ewigen Wohnung bauen dürfen. „Siehe, ich komme bald!“

Der Autor ist emeritierter Pfarrer.

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