VISION 20002/2018
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Ich gebe mich dir ganz

Artikel drucken Es geht um die ganze Annahme, die ganze Hingabe (Von Maria Eisl)

„Besonders mit der Enzyklika Humanae vitae hat der selige Papst Paul VI. das innere Band zwischen der ehelichen Liebe und der Weitergabe des Lebens ans Licht gehoben.“
(Papst Franziskus)


Mittlerweile sind 50 Jahre vergangen, seit Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae (HV) über die Weitergabe des menschlichen Lebens verkündet hat. Papst Johannes Paul II. untermauerte mit der „Theologie des Leibes“ die Lehre von HV und Papst Benedikt XVI. bekräftigte: „Die Wahrheit, die in HV ausgedrückt ist, verändert sich nicht.“ Die folgenden Satzpassagen und Gedanken sollen aufzeigen, dass die Botschaft von HV die eheliche Beziehung bereichert.

Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen: von Gott, der „Liebe“ ist.
(Humanae vitae  8)


Des Menschen Leben ist ohne Sinn, wenn er der Liebe nicht begegnet, sie erfährt. Der Mensch findet sich nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst. Die Liebe ist die grundlegende und naturgemäße Berufung jedes Menschen, weil er Abbild Gottes ist. Alle wahre Liebe stammt von Gott. Gott selbst befähigt uns zur Liebe, Er befähigt uns zur Ganzhingabe und Ganzannahme trotz all unserer Begrenztheiten und Schwächen. Als christliches Ehepaar darf man nie aufhören, Gott zu suchen, um so das Erlösungswerk Jesu für sich, seine Ehe und Familie anzunehmen.

Wer seinen Gatten wirklich liebt, liebt ihn um seiner selbst willen, nicht nur wegen dessen, was er von ihm empfängt.
(Humanae vitae 9 )


Die Einheit von Körper, Seele und Geist ist wohl das größte Geheimnis des Menschen, das Gott selbst in ihn hineingelegt hat. Sie gilt es zu achten, wenn wir uns selbst und unseren Mitmenschen in Liebe begegnen wollen. Wenn wir einem trauernden Menschen ins Gesicht blicken, seine Körpersprache beobachten, brauchen wir keine Fragen mehr zu stellen, um zu wissen, dass seine Seele einen tiefen Schmerz erleidet. Der Körper ist die Offenbarung unserer Seele. Papst Benedikt XVI drückt dies  so aus: „Es liebt nicht Geist oder Leib – der Mensch, die Person, liebt als ein einziges und einiges Geschöpf, zu dem beides gehört. Nur in der wirklichen Einswerdung von beidem wird der Mensch ganz er selbst.“
Wenn der Leib aber als abgesonderter Teil angesehen wird, über den der Geist nach Gutdünken verfügen kann, nehme ich dem Leib seine personale Würde. Achte ich aber diese Einheit, so achte ich damit auch seine Menschenwürde. „Du ganz“ – diese Einheit in der Zärtlichkeit und Achtsamkeit des Körpers, der Seele und des Geistes macht das eheliche Einswerden von Mann und Frau zum Ausdruck des Höhepunktes ihrer Liebe. Ohne ganzheitliches Verschenken und Annehmen der Person wird die leibliche Hingabe zur Unwahrheit.
Ich möchte dies in zwei Beispielen verdeutlichen: Wenn ein Partner sich auf welche Weise auch immer vom anderen nicht wertgeschätzt, nicht wahrgenommen fühlt, wird die dabei erlebte Sexualität die Liebe dieses Paares nicht vertiefen, sondern schwächen, ja verletzen. Erfährt das Paar jedoch ein harmonisches Miteinander, wird die körperliche Hingabe zur tiefsten Ausdrucksform ihrer Liebe. Die Zugehörigkeit zum anderen wird gestärkt.

Diese … oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten, unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung – die beide dem ehelichen Akt innewohnen.
(Humanae vitae  12)


Der eheliche Akt verbindet die Ehegatten nicht nur aufs innigste in der liebenden Umarmung miteinander, zugleich ist dem Einswerden von Mann und Frau von Natur aus die Möglichkeit zur Zeugung neuen Lebens eingeschrieben. Die Zeugungskräfte sind von ihrer innersten Struktur nach auf die Weckung menschlichen Lebens angelegt, dessen Ursprung Gott ist. Ebenso spiegelt das Ehepaar in seiner Ganzhingabe und Ganzannahme die Liebe Christi zu Seiner Kirche wider.
Die Liebe Gottes ist freiwillig, ganzheitlich, treu und lebensspendend. Deshalb erklärte HV jede Form von Verhütung, Sterilisation oder Handlungen, die absichtlich den ehelichen Akt unfruchtbar machen, als verwerflich. Die Wogen gingen hoch, und Papst Paul VI. wusste um die zu erwartende Gegenwehr.
Warum tat er sich diese Klarstellung an, wo er doch genau erahnen konnte, dass er dafür nur Spott und Hohn ernten würde? Er tat es, weil er Hirte war. Er tat es, weil Gott selbst diese beiden Sinngehalte in die eheliche Vereinigung hineingelegt hat. Er tat es, weil es um die Schöpfungsordnung Gottes ging, der für uns immer ein Leben in Fülle will.
Der Geschlechtstrieb ist von Natur aus in jeden Menschen eingeschrieben und strebt danach, Leben zu schenken und so die Menschheit zu erhalten. Diese Gabe, menschliches Leben weiterzugeben, macht das Ehepaar zu Mitarbeitern des Schöpfergottes und ist mit großer Freude, aber auch mit Bedrängnissen verbunden.
Die Leidenschaft (Erotik, Lust…), die beim Einswerden erlebt wird, kann gespeist sein von zwei Beweggründen. Sie kann einerseits genährt sein von der Begierde, die nur ihre eigene Befriedigung sucht, ohne auf das Wohlergehen des anderen zu achten. Diese selbstbezogene Gier führt letztlich zur Erniedrigung des Partners und zur Einsamkeit. Andererseits kann die Leidenschaft genährt sein von einem aufrichtigen Begehren, das den ganzen Menschen im Blick hat. Das Versprechen, „dich zu ehren“, wird dann in der leidenschaftlichen, sexuellen Begegnung erlebbar, weil es Ausdruck tiefster Verbundenheit und ganzheitlicher Liebe ist. Trieb und Leidenschaft durch Wille und Verstand zu kultivieren, ist zu jeder Zeit eine Herausforderung.
Dies fällt nie leicht, weil Wille und Verstand stets im Spannungsverhältnis zwischen Begierde und Begehren stehen. Nur die Liebe verankert Trieb und Leidenschaft in die geistigen Tiefen des Menschen und macht den Geschlechtstrieb zu einem typisch menschlichen Erleben. Wo der Mensch ganzheitlich liebt, wird er fähig Leben zu schenken, nicht nur in geschlechtlicher Hinsicht, sondern in jeder Form menschlicher Liebe.

Bei gerechten Gründen … ist es nach kirchlicher Lehre den Gatten erlaubt, dem natürlichen Zyklus der Zeugungsfunktionen zu folgen…und so die Kinderzahl zu planen.
(Humanae vitae  16)

Josef Rötzer ist Begründer der sympto-thermalen Methode, der modernsten Form der „Natürlichen Empfängnisregelung“ (www.iner.org). Er zeigte, dass die Lehre von HV lebbar ist. Die Lebensweise der NER lässt den Zusammenhang zwischen liebender Umarmung und Fruchtbarkeit bestehen, indem das Paar bei Kinderwunsch die fruchtbaren Zeiten, bei Vermeidung einer Schwangerschaft die unfruchtbaren Zeiten im Zyklus der Frau nützt. Der natürliche Ablauf bleibt gewahrt und die Fruchtbarkeit unangetastet.
Hier machen die Eheleute für die verantwortete Elternschaft von einer naturgegebenen Möglichkeit rechtmäßig Gebrauch. Die periodische Enthaltsamkeit in den fruchtbaren Tagen bei der Lebensweise der NER ist für jedes Ehepaar eine große Herausforderung.
Sie entwickelt aber auch ihre eigene Dynamik der Liebe, sodass es trotz Verzichts letztendlich zur Förderung der ehelichen Liebe kommt, weil das sexuelle Begehren stets wach bleibt und Wege des zärtlichen Miteinanders entwickelt werden.
NER ist zudem gesund, preiswert, leicht anwendbar und zuverlässig. Unser Leben wird geprägt vom ununterbrochenen Wechsel, in dem Spannungen stets neu auf- und wieder abgebaut werden (Tag/Nacht, Hunger/Sättigung, Ruhe/Stress…). Wir können den weiblichen Zyklus auch in diesem Auf- und Abbau von Spannungen betrachten. Fruchtbaren Zeiten folgen unfruchtbaren Zeiten. Und mit diesem Wechsel baut sich „von Natur aus“ auch die sexuelle Spannung auf, die zur körperlichen Liebeshingabe drängt.
Bei Verwendung von hormonellen Verhütungsmitteln wird das natürlich wechselnde hormonelle Gefälle nivelliert. Ist dies wirklich ein Gewinn? Führt der physische Spannungsabbau nicht irgendwann zu einem psychischen Spannungsabfall?
Dies wirkt sich nicht selten nach vielen Ehejahren verhängnisvoll auf das Intimleben des Paares aus. Bei Scheidungen wird oft sexueller Frust als Grund angegeben.

Nur wenn der Mensch sich an die von Gott in seine Natur eingeschriebenen und darum weise und liebevoll zu achtenden Gesetze hält, kann er zum wahren, sehnlichst erstrebten Glück finden.
Humanae vitae  31

Die internationale Rhomberg-Studie (siehe Dynamik der Liebe) zeigt auf, dass die Scheidungsrate nur drei Prozent beträgt, wenn Paare für die Gestaltung der verantworteten Elternschaft die NER wählen. Diese Lebensweise eröffnet und vertieft das Gespräch über Sexualität, fördert die gegenseitige Wertschätzung und stärkt so die eheliche Liebe. Sie bestätigt im Grunde, was HV den Ehepaaren ans Herz gelegt hat: Liebe, die aufs Ganze geht.
Maria Eisl

Die Autorin ist Mitarbeiterin des Referats für Ehe und Familie der Erzdiözese Salzburg.

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