VISION 20002/2001
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Da hilft nur noch beten!

Artikel drucken Gebet: Zwischen Routine und Quelle der Inspiration (Christof Gaspari)

“Da hilft nur noch beten." Wie oft hört man diesen Satz! Meist klingt er resigniert. Man hat schon alles andere versucht. Jetzt probiert man es halt noch mit dem Gebet. Wenn es nicht hilft, so wird es wenigstens nicht schaden...

In unsereren Breitengraden ist diese Einstellung zum Beten gar nicht so selten anzutreffen: das Gebet als Ritual. Aufgewachsen in einer Familie, in der nie gebetet wurde, ist es mir genau so begegnet, nämlich im Religionsunterricht. Dort gehörte es ebenso zum Beginn der Unterrichtsstunde wie das Aufstehen der Schüler beim Hereinkommen des Lehrers. Wir sprachen eine Formel, deren Inhalt mir nicht recht verständlich erschien. Aber so war es eben. So lernte ich die Grundgebete - ohne Bezug zu ihrem Inhalt.

Zwiespältig blieb meine Haltung zum Gebet aber auch nach meiner Umkehr zum Glauben als 30jähriger. Zwar war da einerseits die beglückende Erfahrung, daß ich dauernd einen Ansprechpartner hatte, nämlich den lebendigen Gott, der mich liebevoll begleitete und führte, dem ich alles erzählen, mit dem ich meine Freuden teilen und dem ich meine Sorgen sagen konnte. Auf der anderen Seite aber blieb eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit dem Formelgebet. Da kam ich merkwürdigerweise von der Einstellung aus der Kindheit nicht ganz los, daß man beim Beten ein Ritual absolviere.

Das machte es uns, meiner Frau und mir, auch schwer, nach unserer Umkehr zu einer gemeinsamen Form des Gebetes zu finden. Zunächst einmal entdeckten wir eine gewisse Scheu, miteinander zu beten. Sich darauf einzulassen, eröffnet nämlich eine neue Form der Intimität: Der andere darf nun teilhaben an einem ganz persönlichen Geschehen - meiner Begegnung mit Gott.

Wir merkten, wie schwierig es ist, diese neue Dimension der Intimität so zu erschließen, daß sie auch wirklich zu einem gemeinsamen vor Gott-Stehen wird. Erst Jahre nach unseren ersten Gehversuchen wurde mir bewußt, daß ich in meinem Bemühen, die Familie zum Gebet zu bewegen, große Fehler begangen hatte: Unsere Tisch- und Abendgebete waren eher Gebetsübungen als ein Hintreten vor Gott. Das, was mir tagsüber selbstverständlich war, nämlich mit Gott ganz natürlich in Beziehung zu treten, wollte bei diesen Gelegenheiten nicht so recht gelingen.

Heute habe ich begriffen, daß es auch bei dieser Form des Betens, beim Formelgebet darum geht, daß ichbete, mich vor Gott stelle, Ihn anspreche - und nicht ein Ritual abführe. Man merkt es ja oft schon an der Stimmlage, welcher Zugang im jeweiligen Fall den Ton angibt.

Damit will ich das Formelgebet keineswegs abwerten. Im Gegenteil: Täglich ist es meine Zuflucht, etwa beim Rosenkranz, und immer dann, wenn sich die eigenen Worte abnützen, wenn die Kraft nicht zum Aufschwung der Seele reicht.

Wenn Kinder allerdings keinen Zugang zum Gebet finden: liegt das nicht vielfach daran, daß sie zwar so manche Gebetsübung mitmachen mußten, aber zu wenig oft auf wahrhaft betende Menschen trafen, an denen und durch welche die verändernde Kraft des Gebets hätte erlebt werden können?

Und damit bin ich bei der eingangs gemachten Feststellung: “Hier hilft nur noch beten" hat für viele eben einen resignativen Charakter, weil sie nie wirklich die alles verändernde Kraft des wahren Gebetes erfahren und erlebt haben. Dann wird Beten eben zum allerletzten Rettungsanker, den man zwar auswirft, von dessen Wirkung man sich aber nichts erhofft.

Gerade in unserer Zeit aber müssen wir diesen Satz in einem neuen Licht sehen. Die Appelle der Gottesmutter, ihre unermüdliche Aufforderung: “Betet, betet, betet!" sollten uns darauf aufmerksam machen, daß wir in einer Zeit leben, in der wirklich nur mehr das Gebet hilft. “Hier hilft nur noch beten" ist da keineswegs resignativ, sondern es weist den einzigen Ausweg aus den Sackgassen, in die sich unsere Gesellschaft manövriert hat. Es macht uns auf das einzig wirksame Mittel aufmerksam.

Stimmt es nicht? Wir haben zwar tolle Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft gemacht. Aber mit immer mehr Aufwand und Hektik erzeugen wir immer weniger Zufriedenheit, Geborgenheit, innere Erfüllung. In unseren mächtigen, durchorganisierten wirtschaftlichen und sozialen Systemen droht der Mensch unter die Räder zu kommen, ja abgeschafft zu werden. Wir haben die Orientierung, den Sinn unserer Existenz aus den Augen verloren. Indem unsere Gesellschaft Gott aus ihrem Mühen und Streben eliminierte, hat sie sich der Sinn- und Planlosigkeit verschrieben.

Daher ist der einzige Ausweg aus dieser Misere, Gott wieder in das Geschehen hereinzuholen. Und das geschieht überall dort, wo wirklich gebetet wird. Diese einzigartige Rettungsaktion für unsere todkranke Zeit ist in der Reichweite von jedermann. Wer betet, zieht Gottes heilsames Wirken machtvoll auf diese Erde herab. Es sind nur die Beter, die diese Welt retten können. Ich habe genug Wunder des Gebets in unserem Leben erlebt, um bezeugen zu können, daß diese Feststellung kein frommer Spruch ist, sondern eine Realität, die zu jeder Hoffnung berechtigt.

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