VISION 20005/2009
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Wer deutet die Zeichen der Zeit?

Artikel drucken Plädoyer für einen wachsamen Blick auf das Zeitgeschehen (Von Wolfram Schrems)

Die Kirche müsse endlich die „Zeichen der Zeit“ lesen lernen, heißt es oft. Und man meint damit: Sich an heutige Gegebenheiten anzupassen. Welche Herausforderung das Deuten dieser Zeichen tatsächlich darstellt, im folgenden Beitrag.
ach Mt 16, 3 ist dieser Ausdruck eine Aufforderung, sich um das Erkennen der Nähe des endgültigen Heils (und Unheils) zu bemühen. Offenbar werden jedoch diese Zeichen heute von einer großen Anzahl der Zeitgenossen nicht wahrgenommen, nicht verstanden oder gar uminterpretiert.
Ist es nicht so, daß viele dieser Vorzeichen schon seit langem vor aller Augen stehen, aber wenig globale Auswirkung zeitigen? Wer kennt schon beispielsweise die apokalyptischen Botschaften von Lourdes, La Salette und Fatima? Es ist nach menschlichem Ermessen völlig ausgeschlossen, daß die Seherkinder das alles frei erfunden haben könnten. Und wer bemerkt schon, daß die Vorhersage in Mt 24, 6 („Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören.“) sich erst auf unsere Tage beziehen konnte, weil wir erst über die Telekommunikation eine derart umfassende Kenntnis von Vorgängen in allen Teilen der Welt haben?
Für alle Zeichen der zu Ende gehenden Zeit trifft zu, was das vierte Gottesknechtslied prophetisch über Jesus sagt: „Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. ... Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick?“ (Jes 52, 13ff)
Ja, wen kümmert das Geschick von etwa 250 Millionen Christen, die in unseren Tagen der Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt sind? Die Christenverfolgung ist ein ausdrücklich angekündigtes Zeichen der letzten Zeit (Mt 24, 9). Sie kommt auf diskretem Weg über die Gesetze gegen „Diskriminierung“ und „Haßrede“ auch nach Europa. Kirchliche Amtsträger geraten mit dem Gesetz in Konflikt, wenn sie Homosexualität, Abtreibung oder den Islam kritisch analysieren. Konvertiten aus dem Islam werden auch in Europa verfolgt. Doch wen kümmert ihr Geschick?
Vor gut einem halben Jahr hat sich eine politische Macht erhoben, die von hysterischen Menschenmassen und gesteuerten Massenmedien wie ein Messias gefeiert wird. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, die Abtreibung noch mehr zu fördern. Aber die Mehrheit bekümmert das nicht. Auch viele Christen projizieren Hoffnungen in einen Menschen, die nur von Gott erfüllt werden können. Wieso sehen so wenige, daß in der Politik der große Gefühlsrausch niemals ein Zeichen des Guten ist?
Noch ein anderes „Zeichen der Zeit“ ist heute vor aller Augen, wird aber auch ignoriert: „In den letzten Tagen werden schwere Zeiten anbrechen. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, habgierig, prahlerisch, überheblich, bösartig ... rücksichtslos, roh, heimtückisch, verwegen, hochmütig...“ (2 Tim 3,1ff)
Die Überheblichkeit, ja eine ausgesprochen brutale Dreistigkeit, ist geradezu das Kennzeichen unseres Lebensgefühls geworden. Jeder glaubt, zu allem seine Meinung abgeben zu sollen, ob er informiert ist oder nicht. Die Kinder werden in der Schule schon zum „Diskutieren“ über unbekannte Wissensgebiete angehalten. Die Berufung auf die „Meinungsfreiheit“ scheint jeden Wahnsinn von vornherein zu immunisieren. Schon vor 80 Jahren hat ein unverdächtiger Zeuge, der spanische Philosoph Ortega y Gasset, in seinem Aufstand der Massen genau dieses Phänomen beschrieben. Er meinte, der Massenmensch sei auf seine dumme „Meinung“ auch noch stolz.
Wenn wir tiefer schürfen, entdecken wir, daß diese Dreistigkeit freilich von populären Philosophen der „Neuzeit“ bzw. der ach so aufgeklärten „Moderne“ inspiriert ist. Diese haben die „Autonomie der Vernunft“ ausgerufen und doch das Offenkundigste nicht begriffen. Aus einer vermeintlich „autonomen Vernunft“ stammt dann die „autonome Moral“ mit ihren Konsequenzen: Die von Paulus erwähnte Überheblichkeit in Verbindung mit Roheit und Bösartigkeit führte aber gerade zu den ungeheuren Greueltaten im 20. Jahrhundert und jetzt mitten unter uns. Eltern töten ihre Kinder heutzutage legal im Mutterleib. Sie töten sie seelisch, wenn sie sie einer staatlich verordneten Indoktrinierung übergeben. Und sie töten sie geistlich, wenn sie ihnen das Evangelium vorenthalten.
Umgekehrt sind die Kinder dazu übergegangen, ihre Eltern und Großeltern - ebenfalls schon legal - zu euthanasieren. Daß solche Praktiken bei heidnischen Völkern immer schon und immer noch existieren, ist kein Entschuldigungsgrund dafür, daß auch christliche Nationen gegen die ausdrückliche Weisung Gottes so handeln und das durch propagandistische Pseudo-Gründe und theologische Verrenkungen als gerechtfertigt betrachten.
Diese Katastrophen stehen eigentlich vor aller Augen. Aber wen kümmern sie? Kann man wirklich glauben, daß all die Greueltaten der Gegenwart tatsächlich für Gott unerheblich wären? Daß sie Ihn sozusagen „kalt lassen“ würden? Die Tötung der Ungeborenen, die Bürgerkriege, Völkermorde, die Ausbeutungen, die Verfolgung der Christen, die Beleidigungen Gottes in so vielfältiger Form?
Kann man glauben, daß all dies bald „von selbst“ gut wird? Daß ein wundervoller „evolutionärer“ historischer Prozeß das schon wieder einrenken wird?
Allerdings gibt es auch apokalyptische „Zeichen der Zeit“ mit positivem Inhalt. Dem aufmerksamen Beobachter fallen gewaltige Ereignisse auf, die man noch vor wenigen Jahrzehnten für völlig unmöglich gehalten hätte.
Da ist die Ausbreitung des Evangeliums in geographisch, kulturell und psychologisch praktisch unzugängliche Regionen. „Dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt gepredigt werden, zum Zeugnis für alle Nationen. Und dann wird das Ende kommen.“ (Mt 24, 14).
Ein anderes großes Zeichen ist die weltweite Verbundenheit der Christen (übrigens nicht nur katholischer) mit dem Heiligen Vater. Millionen junger Menschen haben sich jeweils zu den Weltjugendtagen der vergangenen 25 Jahre aufgemacht und Millionen kommen jährlich, um den Papst zu hören - ein Ereignis ohne Vorbild in 2000 Jahren Kirchengeschichte.
Weiters: Die zeitgenössische Wissenschaft ermöglicht offensichtlich eine klare Beweisführung, daß das Turiner Grabtuch, der Schleier von Manopello und das Bildnis von Guadalupe - wie seit jeher überliefert - eben wirklich „keine von Menschenhand gemalten“ Bilder sein können. Sie haben einen geheimnisvollen Ursprung, der auf ein Eingreifen von oben verweist. Aber wen interessiert das?
Und schließlich muß man mit Staunen registrieren, wieviele Bekehrungen weltweit geschehen, wieviele Juden zu ihrem Messias finden, wie große geistliche Aufbrüche in Afrika und Asien geschenkt werden, begleitet von Zeichen und Wundern, Krankenheilungen und Totenerweckungen, wie man hört. Wen kümmert es? Offensichtlich ist alles andere wichtiger.
Somit ist es nicht verwunderlich, daß Jesus sagt, der letzte Tag werde für die meisten überraschend kommen: „Es wird sein wie in den Tagen Lots: sie aßen und tranken, kauften und verkauften, pflanzten, bauten; aber an dem Tage, da Lot aus Sodoma fortging, ließ Gott Schwefel vom Himmel regnen und vernichtete sie alle. Genau ebenso wird es am Tag der Offenbarung des Menschensohnes sein“ (Lk 17, 28ff)
„Schwarzmaler“, „Unheilspropheten“, „Pessimisten“ sind bekannte Etikettierungen für die Warner und Mahner, schon im Alten Testament. Dort sind gerade die Heilspropheten die Lügenpropheten, diejenigen, die sagen: Es wird schon recht werden.
Man kann es nicht oft genug wiederholen: Gegenüber den Anmaßungen des Weltlichen ist Nüchternheit gefragt. Angesichts der Verdichtung der „Zeichen der Zeit“ Wachsamkeit. Gegen deren Ignorierung Warnung. Gegen die Uminterpretation der „Wehen“ in „evolutionäre Prozesse“ Einspruch. Nur so können alle erkennen, wo wir in der Geschichte stehen und was wir zu tun haben.

Wolfram Schrems

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