VISION 20005/2009
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Jerôme Lejeune

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Christof Gaspari)
Wir schreiben das Jahr 1969. Der französische Arzt, Wissenschafter und Pionier der Genforschung Jerôme Lejeune ist in die USA gereist, um in San Francisco die höchste Auszeichnung der US-Gesellschaft für Genetik, die „William Allen Memorial Award“ entgegenzunehmen. Diese Auszeichnung war ihm verliehen worden, weil er 1958 eine bahnbrechende Entdeckung gemacht hatte: Im Zuge seiner Forschungstätigkeit hatte er erkannt, daß die Ursache für den „Mongolismus“, heute „Down-Syndrom“ oder „Trisomie 21“ genannt, ein genetischer Defekt ist. Kinder, die an diesem Syndrom leiden, haben ein zusätzliches Chromosom auf dem 21. der 23 Chromosenpaare, die den genetischen Code des Menschen ausmachen.
In seiner Festrede vor den Spitzen seines Fachs kommt Lejeune auch auf das Thema Abtreibung zu sprechen und hält ein flammendes Plädoyer für deren Recht auf Leben, besonders auch für das seiner Schützlinge, die an Down-Syndrom leidenden Kinder. Wer einen kleinen kranken Menschen töte, verstoße gegen das Sittengesetz und die Wissenschaft, erklärte er der anwesenden Versammlung.
Am Ende seines Vortrags - eisiges, verlegenes oder feindseliges Schweigen. Denn die Legalisierung der Abtreibung von Down-Syndrom-Kindern war damals so gut wie beschlossene Sache. In einem Brief an seine Frau schreibt er: „Heute habe ich meinen Nobelpreis für Medizin verloren.“
Es war das große, sein ganzes Leben währende Leiden dieses Forschers, daß seine Entdeckung zur massenweisen Abtreibung von genetisch beeinträchtigten Kindern führen sollte und nicht - wie er erhofft hatte - zur Behebung deren Schädigung. Noch auf seinem Sterbebett belastete ihn diese Frage: „Oh mein Gott! Ich hätte sie doch heilen sollen, und ich verlasse sie, ohne gefunden zu haben… Was wird nur aus Ihnen werden?“
Wenden wir uns jetzt aber dem Lebensweg dieses großen Mannes zu: 1926 kommt er in Montrouge, im Großraum Paris gelegen, zur Welt. Mit seinen beiden Brüdern wächst Jerôme in einer gläubigen Familie heran, in der klassische Bildung und Musik geschätzt werden. Nicht zuletzt aufgrund der Lektüre von Balzacs „Der Landarzt“ zieht es den Heranwachsenden hin zum Medizinstudium, das er nach dem Weltkrieg beginnt.
Schon während des Studiums wird ihm klar, daß die Forschung sein Weg sein wird. In dieser Zeit verliebt sich Lejeune in Birthe, eine junge Dänin, die er am 1. Mai 1952 heiratet, nachdem er im Jahr davor seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt hatte. Mit ihr wird er fünf Kinder haben, denen er sich - so gut es eben seine zahlreichen Verpflichtungen zuließen - vor allem in der Ferienzeit liebevoll zuwendet.
Eine entscheidende Weichenstellung in seinem Leben ist der Vorschlag seines Lehrers Raymond Turpin, an einem Werk über das Down-Syndrom mitzuarbeiten. Im Zuge dieser Tätigkeit nützt Lejeune neue fotographische Verfahren und entdeckt so die oben erwähnte genetische Anomalie bei Trisomie-21-Kindern. Diese Entdeckung macht ihn mit einem Schlag berühmt und er bekommt 1965 den ersten Lehrstuhl für Grundlagengenetik in Paris.
Aufgrund seiner Begabung und seines Engagements wird er ein Forscher von Weltruf. 1974 wird er zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften berufen, 1981 in die „Académie des Sciences morales et politiques“ gewählt, 1983 in die „Académie nationale de médicine“ und schließlich wird er 1994, in seinem Todesjahr, erster Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben. Mehrere Ehrendoktorate werden ihm verliehen.
Ein großer Mann also. Aber einer, dem diese Ehren keineswegs zu Kopf gestiegen sind, wie wir, meine Frau und ich, bei mehreren Gelegenheiten feststellen durften. Herzlich, offen, interessiert - so haben wir ihn anläßlich mehrerer Familienkongresse in den Jahren zwischen 1986 und 1989 erlebt. Auch bei diesen Veranstaltungen tritt er stets vehement für den Schutz der ungeborenen Kinder ein.
In seinen Vorträgen gelang es ihm hervorragend, mit einfachen Worten zu zeigen, daß Glaube und Wissenschaft sich nicht feindlich gegenüberstehen oder einander fremd sind. Er vermittelte seinen christlichen Zuhörern auf diese Weise die Einsicht, daß sie als Christen gegenüber der Fortschrittsgläubigkeit der Epoche keine Minderwertigkeitskomplexe haben müßten.
So erinnere ich mich an eine Passage aus seinem Vortrag beim Familienkongreß 1989 in Zagreb, damals noch unter kommunistischer Herrschaft: „Der Geist bewegt die Materie. Lebende Materie existiert nicht einfach von sich aus, sondern weil Information sie ,animiert'. Das bezeichnen wir als Genetik. Am eindrucksvollsten ist der Mechanismus, der im Gehirn selbst funktioniert. Submikroskopische Partikeln, Ionen und manchmal Elektronen, ,laufen' einzeln durch dieses feine Netzwerk. Die Gehirnfunktion besteht nun darin, Ordnung in das Chaos dadurch zu bringen, daß die Partikeln einzeln gesteuert werden. Jedes Mal, wenn wir denken oder uns etwas in Erinnerung rufen, jedes Mal, wenn wir eine Bewegung durchführen oder eine Absicht verfolgen, ordnen wir den Strom von Milliarden von Partikeln. Daraus wird ersichtlich, daß unser Geist die Materie bewegt.“
Daß am 3. April 2007, seinem 13. Todestag ein Seligsprechungsprozeß für Jerôme Lejeune eingeleitet wurde, ist jedoch nicht primär seinen wissenschaftlichen Erfolgen zuzuschreiben, sondern zunächst seinem tapferen Kampf für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder, der ihm viele Feinde zugezogen hat.
Es war sein tiefer Glaube der ihn dazu befähigt hat. Ein Erlebnis 1967 anläßlich einer Reise ins Heilige Land dürfte wesentlich zu dessen Vertiefung beigetragen haben. Lejeune schildert: „Ich betrat eine kleine geschmacklose Kapelle, warf mich auf den Boden, um die imaginäre Fußspur dessen zu küssen, der dort gegenwärtig war.“ In diesem Augenblick habe ihn ein unbekanntes Gefühl überkommen, „als würde ein Sohn seinen geliebten Vater wiederfinden, einen endlich erkannten Vater, einen verehrten Meister, ein sakrosanktes, entblößtes Herz, es war etwas von all dem dabei und noch viel mehr.“
Diese Erfahrung wird ihm die Kraft geben, die Botschaft, daß das Leben des Menschen eindeutig mit der Befruchtung beginnt, überall hinzutragen: Er mobilisiert die Öffentlichkeit, als in Frankreich das Abtreibungsgesetz parlamentarisch beraten wird (mit seiner Frau sammelt er 18.000 Unterschriften von Ärzten, Forschern, Juristen, Bürgermeistern gegen dieses Attentat auf das Leben), er beteiligt sich an Fernsehdiskussionen, tritt vor dem Rechtsausschuß des US-Senats auf oder vor US-Gerichten, die über das Los tiefgefrorener Ungeborener zu entscheiden hatten...
Vor allem aber ist es sein fortgesetzter Dienst an den Down-Syndrom-Kindern. Als Leiter einer Zytogenetischen Klinik betreut er Tausende von ihnen und deren Eltern. Aus aller Welt reisen Hilfesuchende nach Paris, um Lejeune zu konsultieren. Mit seiner Mannschaft betreut er mehr als 9.000 Kinder, berät deren Eltern, entwickelt Programme, um die Kinder bestmöglich zu fördern...
Als Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften lernt Professor Lejeune auch Papst Johannes Paul II. kennen - und es entwickelt sich zwischen beiden eine persönliche Freundschaft, deren Tiefe beim Frankreichbesuch des Papstes 1997, drei Jahre nach Lejeunes Tod offenkundig wird. Während seines Aufenthaltes anläßlich des Weltjugendtages in Paris besteht der Papst darauf, das Grab des Professors zu besuchen.
Welche Botschaft dieser große Franzose für uns hat, ist dem Brief zu entnehmen, den Johannes Paul II. anläßlich des von Lejeunes Tod an Kardinal Jean-Marie Lustiger geschrieben hat. Darin heißt es: „Die demokratisch gewählten Parlamente, maßen sich das Recht an, zu entscheiden, wer ein Recht auf Leben hat und wem wiederum dieses Recht auf Leben ohne jegliches Verschulden abgesprochen werden kann. (…) Professor Jerôme Lejeune hat die besondere Verantwortung des Wissenschaftlers in vollem Umfang auf sich genommen. Er war bereit, zum ,Zeichen des Widerspruchs' zu werden, ohne sich um den Druck seitens der freizügigen Gesellschaft zu kümmern oder um die Verfemung, der er ausgesetzt war.“
Den Seinen gab Lejeune vor seinem Tod auch noch folgende wichtige Einsicht mit: „Meine Kinder, wenn ich euch eine Botschaft hinterlassen soll, dann diese wichtigste aller Botschaften: Wir sind in Gottes Hand. Ich habe es mehrmals erlebt.“
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