VISION 20001/2014
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Eine Herzlichkeit, die an den Umgang Jesu mit den Menschen erinnert

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Ein Erlebnis hat mir die Persönlichkeit von Papst Franziskus nahegebracht und eine anfängliche Reserviertheit aufgelöst: Da unsere Hochschule den Namen Benedikts XVI. trägt, war es ein Anliegen unseres Abtes Maximilian Heim, der selbst „Premio-Ratzinger-Preisträger“ ist, den neuen Papst Franziskus so schnell wie möglich persönlich kennenzulernen und seinen Segen für den Ausbau unserer wachsenden Hochschule zu erbitten.
Die Audienz wurde für mich zu einer Offenbarung, denn bei der persönlichen Begegnung merkte ich sofort, dass Franziskus keinesfalls eine Rolle spielt. Unser Papst inszeniert sich nicht selbst, er ist – ähnlich wie Johannes Paul II. – kein Liebäugler mit den Medien, und wirkt eben deshalb so absolut authentisch.
Vor allem ist er ein Vollblutseelsorger. Seine Empathie ist physisch spürbar. Das ist das Geheimnis dieses Papstes, das wir bei seinen endlosen Begegnungen und Segnungen mit den Kranken und Leidenden bestätigt finden: Dieser Papst liebt die Menschen mit der Herzlichkeit, die an den Umgang Jesu mit den Kranken und Sündern im Evangelium erinnert.
In Evangelii gaudium appelliert Franziskus, dass wir seinen Stil der empathischen Menschenliebe „in allem, was getan wird, übernehmen“ sollen (EG 18). Papst Franziskus ist nach meiner Einschätzung ein „Marketing-Geniestreich“ des Heiligen Geistes.
Darum dürfen sich Gläubige die Freude an Papst Franziskus nicht dadurch verleiden lassen, dass er von den üblichen liberalen Interpreten und Meinungsmachern vereinnahmt wird. Vor schismatischen Texten wie etwa Die Warnung muss man ausdrücklich warnen! Es ist richtig, dass Franziskus die Fenster aufstößt, aber nicht deshalb, um den „Rauch Satans“ in die Kirche eindringen zu lassen, um das erschütternde Bild von Papst Paul Vl. zu bemühen, sondern im Gegenteil: damit endlich wieder die Schönheit unserer Botschaft hinausstrahlen kann.
Es ist verständlich, wenn papst- und lehramtstreue Katholiken verunsichert sind, weil plötzlich dieselben alten liberalen Nörgler und Zyniker, die an Johannes Paul II. und Benedikt XVI. kein gutes Haar ließen, Lobeshymnen auf Franziskus anstimmen.
Täuschen wir uns nicht: Es sind Sirenengesänge. Es handelt sich um bewusste Manipulationen und Instrumentalisierungsversuche: Der Papst wird als eine Art „Blue-Screen“, als eine Projektionswand für liberale Fantasien missbraucht. Ich vermute dahinter die Absicht, dass man einen unrealistischen Erwartungsdruck schüren möchte.

P. Karl Wallner OCist

Der Autor ist Rektor der Päpstlichen Hochschule in Heiligenkreuz, sein Beitrag ein Auszug aus einem Artikel in „Die Tagespost“ v. 21.12.13

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