VISION 20001/2014
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Edite Estrela und Mia-Sophie

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Mia-Sophie ist das süßeste Baby der Welt. Sagen ihre Eltern. Sie hat drollige Augen, putzige Händ­chen und ein hübsches Lächeln. Mia-Sophie ist neun Monate alt. Sie hat das Down-Syndrom. Trotzdem lebt sie gerne und fühlt sich sehr wohl bei ihrer Familie. Es scheint ihr egal zu sein, dass sie ein Chromosom mehr hat. Und einen Herzfehler.
Ihre Eltern wussten das und haben sich trotzdem für das Kind entschieden. Sie lieben ihre Tochter über alles. Aber sie machen sich Sorgen wegen des Herzfehlers. Deswegen baten sie mich, vor ihrer schweren Operation für sie zu beten. Es stehe Einiges auf dem Spiel und man wisse nicht, wie es ausgeht.
An diesem Montag, dem 9. Dezember, war ich mit einem Kollegen auf dem Weg nach Straßburg. Mit Plakaten, Schildern und Transparenten standen etwa 150 Menschen vor dem EU-Gebäude und protestierten laut gegen den Estrela-Report (siehe S. 26). Auch Jugendliche waren vertreten.
Währenddessen kämpfte die kleine Mia-Sophie im Krankenhaus um ihr Leben. „Unser Sonnenschein ist auf jeden Fall eine Kämpferin und beweist immer wieder, dass sie leben will“, sagen die Eltern.
Per SMS teilen sie mir mit, dass sie ihre Tochter notgetauft haben. „Sie darf noch nicht gehen“, schreibt der junge Vater und ringt mit Gott, dass Er das irdische Visum seiner Tochter verlängern möge.
Am nächsten Tag kommt es in Straßburg zur Entscheidung. Beim Studium des Dokuments ist mir bewusst geworden, dass es dort nicht nur um ein paar Gesetze oder die finanzielle Unterstützung dubioser Abtreibungsorganisationen geht. Nein. Dort geht es auch um Mia-Sophie.
Glaubt Estrela, dass Menschen mit Behinderung kein lebenswertes Leben haben? Müssen sich mein Freund und seine Frau dafür rechtfertigen, Mia-Sophie auf die Welt gebracht zu haben? Muss sich Mia-Sophie dafür entschuldigen, weil sie trotz Trisomie 21 leben will?
Kurz vor halb zwei Uhr Nachmittag ist es so weit. Mit einem denkbar knappen Ergebnis von 334 zu 327 Stimmen lehnt das EU-Parlament den Estrela-Report ab. Edite Estrela, so berichten Parlamentsangehörige, schäumt vor Wut und beschimpft ihre politischen Gegner. „Sie tobte wie Rumpelstilzchen,“ berichtet jemand.
Emotional war es auch für meinen Freund. „Wir mussten uns zwangsläufig mit dem Gedanken befassen, sie loszulassen. Das war hart.“ Mia-Sophie geht es jetzt etwas besser, auch wenn die Sache noch nicht überstanden ist. Doch genau wie die Straßburg-Demonstranten hat auch er neuen Mut gefasst. Aber der Kampf um Leben und Tod geht weiter: Für die Lebensschützer – und für Mia-Sophie.

Rudolf Gehrig
Der Autor, 20, ist Volontär bei EWTN in Köln. Sein Artikel erschien in Die Tagespost v. 14.12.13

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