VISION 20006/2017
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Geborgen auch in Notlagen

Artikel drucken Über Pessimismus, Optimismus – und Hoffnung (Christof Gaspari)

Was wird morgen sein? Und: Wie kann ich heute vorsorgen, dass es mir morgen gut geht? Das sind Fragen, die wohl die meisten Menschen beschäftigen. Daher wird prognostiziert, werden Orakel befragt und Experten konsultiert…

Diese Haltung ist menschlich verständlich. Wir wollen uns nämlich in einem halbwegs überschaubaren Umfeld bewegen, um Entscheidungen treffen zu können, die uns und anderen zuträglich sind. Im Grunde genommen beruht darauf das moderne Fortschrittskonzept: Lasst uns an einer Welt bauen, die wir in ihrer Funktionsweise möglichst perfekt durchschauen und daher beherrschen, in der so wenig wie möglich unvorhergesehen passiert! Daher werden die Abläufe programmiert, viele Vorgänge automatisiert, Roboter ersetzen den fehleranfälligen Menschen… All das erzeugt ein Gefühl der Sicherheit. Es soll so wenig wie möglich zufällig geschehen.
Dementsprechend sind die Heilsvorstellungen in unseren Tagen: Dem Menschen geht es gut, wenn rundherum alles reibungslos klappt und er versorgt wird mit allem, was er braucht: materieller Wohlstand, Gesundheit, Vergnügen… Daher  werden Meldungen wie jene, dass die EU-Länder in „eine Phase robusten Wachstums von 2,4% – erstmals seit 10 Jahren – eingetreten sind“, als Heilsbotschaft verkündet. Damit scheint unsere Sehnsucht nach erhofftem Wohlstand gestillt, nach sicherem Glück.
Man braucht jedoch nur einen Blick auf die Schlagzeilen der Medien werfen, um zu erkennen, wie weit wir von der Erfüllung dieses Wunsches entfernt sind: irritierende und alarmierende Meldungen aus unterschiedlichsten Bereichen. Eine Auswahl vom 10. November: bedrohte Umwelt, Firmenpleite, Chaos am Flughafen, Kostenüberschreitung, Fahrerflucht, Sexhandel, Budgetstreit, „Grapsch“-Vorwürfe, Amok­lauf, Gewaltandrohung…
Zugegeben: Die Medien lieben es, ihre Kundschaft durch Alarmmeldungen in Atem zu halten, sie räumen diesen unverhältnismäßig viel Platz ein. In dieser Form setzt sich VISION2000 jedenfalls nicht mit dem Zeitgeschehen auseinander. Wenn wir auf negative Erscheinungen hinweisen, so nicht um gruselige Gefühle oder Angst oder schlechte Stimmung zu verbreiten. Uns geht es um die grundsätzliche Frage, wie sich die vom Zeitgeist geprägte Entwicklung auf den Wert und die Würde des Menschen in der Gesellschaft auswirkt.
Und da registrieren wir nun einmal eine Fülle von bedrohlichen Erscheinungen, auf die wir immer wieder hinweisen: auf das –zig millionfache Umbringen ungeborener Kinder, die Destabilisierung der Familie, die Verstaatlichung der Erziehung, die Leugnung der Geschlechterpolarität, die um sich greifende Eu­thanasie… Vor dieser Zerstörung des Menschen zu warnen, wird vielfach als Kulturpessimismus interpretiert. Auf diese Weise nehme man dem Menschen die Hoffnung, so wird uns manchmal vorgeworfen. Wir würden übersehen, dass unsere Entwicklung letztendlich trotz aller zwischendurch auftretender Probleme doch aufwärts führe. „Ihr seid eben Kulturpessimisten.“
Zu diesem Kulturpessimismus bekenne ich mich. Ja, es lässt sich an allen zehn Fingern ausrechnen, dass die derzeit prägende Kultur, der heilige Papst Johannes Paul II. hat für sie den Begriff „Kultur des Todes“ geprägt, letztendlich im Chaos enden muss. Wer auf ihre verheerenden Folgen hinweist, predigt deswegen noch keineswegs die Hoffnungslosigkeit. Denn die Hoffnung spielt gewissermaßen in einer anderen Liga als der Pessimismus oder der Optimismus.
Pessimisten und Optimisten geht es um Prognose, um die Beurteilung der gegenwärtigen Lage und eine begründete Vermutung, was deren absehbare Folgen für morgen sein wird. Auf dieser Ebene der Betrachtung zähle ich mich zu den Pessimisten: Der gottlose Zeitgeist muss uns früher oder später ins Chaos führen. Ich halte mich da an die Worte des Herrn: „Ohne mich könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15,5) Die Geschichte Isra­els, die uns im Alten Testament erzählt wird, ist eine Illustration der Wahrheit, dass ohne Gott nichts geht. Und Gleiches gilt für die neuzeitlichen, gottlosen Heilsverheißungen: den Terror der Französischen Revolution, den Kommunismus in Russland, den Nationalsozialismus in Deutschland, die Schreckensherrschaften von Mao oder Pol Pot… Gottlosigkeit ist ein „Tod sicheres“ Rezept.
Wie gesagt, wer das klarzustellen versucht, landet deswegen keineswegs in der Hoffnungslosigkeit. Das zeigen ja gerade die Christen, die unter solch mörderischen Regimen leben mussten. Ihre Hoffnung war jenseits der unmittelbaren, oft entsetzlichen Lebensumstände angesiedelt. Sie war verankert in dem Vertrauen, dass das Geschehen in der Welt nicht nur von menschlichen Akteuren geprägt wird, sondern vor allem auch in den Händen Gottes liegt. Wahre Hoffnung ist in Gott verankert.
Lassen Sie, liebe Leser, mich an dieser Stelle wiederholen, was ich zu diesem Thema vor 10 Jahren geschrieben habe: „Bei der Hoffnung geht es nicht primär um ersehnte, lebensfreundliche künftige Zustände – so sehr die Sehnsucht nach diesen berechtigt sein mag –, sondern um das Vertrauen auf die Zusagen Gottes. Christen wissen, dass der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist unablässig und mächtig am Werk sind. Jenseits menschlicher Möglichkeiten und ohne Beeinträchtigung unserer Freiheit wirkt der Herr das Heil in der Geschichte und in unserem Leben.“ Paulus hält dies ausdrücklich fest: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die Ihn lieben, alles zum Guten führt…“ (Röm 8,28)
Dass dies nicht fromme Sprüche sind, illustriert die Geschichte von Kardinal Nguyen Van Thuan (siehe VISION 6/07, 3/12). Sie zeigt, dass wir in jeder Lebenslage Grund zur Hoffnung haben. Sie lässt die geheimnisvolle Art erkennen, in der Gott das Heil mitten in äußerster Bedrängnis wirkt. Neun Monate allein in einer fensterlosen, modrigen Zelle eingekerkert, verzweifelt wegen seiner Untätigkeit hört er plötzlich eine Stimme in seinem Herzen: „Wenn Gott will, dass du all das hinter dir lässt, so tu das auf der Stelle und vertraue auf Ihn.“ Die Hingabe, die Thuan dann vollzieht, ist der Wendepunkt in seinem Leben: Viele seiner Bewacher finden zum Glauben, er wird verlegt und kann unter leichteren Haftbedingungen im Geheimen seel­sorglich wirken, zuletzt wird er freigelassen und sein Zeugnis bewirkt bis heute weltweit Glaubenserneuerung und –vertiefung. Seine Seligsprechung ist eingeleitet.
Weil uns die widrigen Lebens­umstände oft so eindrucksvoll vor Augen stehen und uns bedrängen, fällt es uns schwer, diese Hoffnung zu mobilisieren. Charles Péguy (siehe Text nebenan) hat das Erstaunen über die Hoffnung wunderbar beschrieben. Gerade sie ist es, die unser Leben trägt: Immer wieder das Vertrauen zu erwecken, dass Gott nur geschehen lässt, was uns an Seiner Hand zum Heil gereicht.
In den Lesungen zum Ende des Kirchenjahres und zu Beginn des Advents wird unser Horizont über das rein irdische Geschehen hinaus geöffnet. Es geht um die Wiederkunft des Herrn und um das ewige Leben bei Ihm. Allzu leicht verlieren wir ja aus den Augen, dass wir zu weit mehr berufen sind als nur dazu, hier auf Erden erfüllte Tage zu verbringen. Unsere Heimat ist im Himmel, verkündet uns die Heilige Schrift. Auf diese Heimat gehen wir zu. Und dass wir dort auch gut ankommen, ist unsere eigentliche Hoffnung. Und Gottes Wirken in unserem Leben ist darauf ausgerichtet, dass wir dieses Ziel erreichen. Und dieses erreichen wir oft erst auf mühsamen Umwegen – auf denen uns der Herr jedoch nie verlässt.
Es zahlt sich aus, sich wieder einmal vor Augen zu führen, worauf sich unsere Hoffnung letztendlich ausrichten sollte. Der Seher Johannes berichtet es: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und Er, Gott wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,2-4)


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