VISION 20004/2019
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Das Gebet ist lebenswichtig

Artikel drucken Zeugnis einer Missionarin unter Muslimen in Niger

Sr. Marie-Catherine Kingbo ist Senegalesin, war mit 35 Jahren Oberin ihres Ordens und verantwortlich für alle Frauenorden Westafrikas. 2001 bekommt die ehemalige Ordensoberin ein Stipendium: Unter anderem wird sie in Paris als Katechistin für Muslime ausgebildet . Eines Tages nimmt sie wahr, wie ihr der Herr sagt: „Jetzt, da Du all das begriffen hast, mach Mein wahres Antlitz unter Muslimen erfahrbar.“ Sie folgt diesem Ruf  und gründet 2006 im Niger eine florierende Ordensgemeinschaft, die dort unter  Muslimen missioniert. Wir sprachen mit ihr über die Bedeutung des Gebets.

Welche Bedeutung hat das Gebet für Dich?
Sr. Marie-Catherine Kingbo: Für uns Schwestern ist das Gebet sehr wichtig, denn wir leben in einem Raum, wo fast nur Muslime leben. Und sie halten ihre Gebetszeiten ein. Genauso achten wir auf das gemeinsame Gebet: Laudes, Mittagsgebet, Rosenkranz, Vesper und Komplet gehören zu unserem Tagesablauf. Auch halten wir eine Zeit der Stille. Mittlerweile habe ich das Beten auch in unserer Schule eingeführt. Denn in den katholischen Schulen im Niger wird nicht gebeten. So habe ich ein einfaches Gebet zusammengestellt, das wir am Ende des Unterrichts um 14:30 beten. Wir Katholiken beten, halten uns an der Hand bei der Landesfahne und dann geht es nach Hause. Ein paar muslimische Kinder schließen sich da an.

Und für Dich persönlich?
Sr. Kingbo: Man kann nicht Missionar sein, ohne zu beten. Es ist das Gebet, das uns hält. Es ist eine Kraft, setzt uns in Beziehung zu Gott. Und es gestaltet unsere Persönlichkeit. Im Gebet erfahre ich, wie ich von Ihm Zeugnis geben kann und soll. Von dort her beziehe ich die Worte, die ich sagen soll. Nur durch das Gebet kann ich den Muslimen Sein Angesicht enthüllen. Im Gebet öffnet sich mein Geist und mein Herz. Wenn wir zu den Muslimen, in ihre Häuser kommen, ist es die Art, wie wir mit den Menschen umgehen, die ihnen zeigt, dass Jesus Christus für alle gekommen ist. Dass Er keinen ausschließt.

Was heißt das, den Muslimen das Angesicht Christi zu zeigen?
Sr. Kingbo: Wir versuchen es, in unseren Werken zu enthüllen, in der Art, wie wir miteinander und mit unserer Umgebung umgehen. Ich gebe den Muslimen zu verstehen, dass ich Botschafterin Christi bin, Seine Verbündete. Dass ich mich für die Frauen, für die Kinder, für die Hilfsbedürftigen einsetze – das geschieht alles, um Jesu Christi willen. Dass ich mein Land verlassen habe – das geschah Jesu Christi wegen. Und als wir einmal in ein Dorf kamen und die Leute uns freudig erwarteten, rief jemand in Haussa (die Landessprache) – man hat uns das später übersetzt –: „Jesus Christus ist da!“ Man denke: ein Muslim! Das hat uns sehr betroffen gemacht.
Einmal gab es bei uns ein Fest, zu Weihnachten, damit die Kinder eine gute Mahlzeit bekommen. Dabei hat ein Dorf eine Stelle aus dem Evangelium gesungen, getanzt, gemimt – die Stelle vom Letzten Gericht: Ich war hungrig – du hast mir zu essen gegeben, durstig, du hast… Muslime! Da wird deutlich: Das Antlitz Christi wird auf diese Weise enthüllt.

Ist Caritas die einzige Form, in der ihr Sein Angesicht zeigt?
Sr. Kingbo: Wir halten regelmäßig Treffen ab. Sie sind wirklich erfolgreich. Sie tragen zu einer Bewusstseinsänderung in unserer Umgebung bei. 2008 haben wir damit angefangen, die Imame und die Leiter der Dörfer zu Versammlungen einzuladen. Beim ersten Mal waren es 24, die gekommen sind. Mittlerweile sind es rund 100. Diese Treffen dauern einen Tag lang. Ich wähle ein Thema aus. Vor drei Jahren ging es um die unterschiedliche Sichtweise, die der Koran und die Christen von Maria haben.

Wie sind die Reaktionen?
Sr. Kingbo: Gut. Beim letzten Treffen hat mich z.B. eine Frau gefragt: „Mama, warum lieben Sie uns hier im Niger?“ Das gab mir die Gelegenheit, über meine Berufung zu sprechen – und über Gott, der mich gerufen hat. Ich habe ihnen erzählt, warum ich in den Niger gekommen bin: „Ich bin Senegalesin,“ sagte ich, „und war für die Orden in Westafrika verantwortlich, eine wichtige Tätigkeit. Damals bin ich nach Frankreich, um aufzutanken. Dort habe ich an einem Kurs über den Islam teilgenommen und eines Tages hörte ich in meinem Herzen, wie Gott mir sagte, ich sollte das Gesicht Jesu bei Muslimen bekanntmachen.“ Und alle haben das gehört.

Hast Du viel gebetet, um zu erkennen, ob dieser Auftrag, in den Niger zu gehen, wirklich vom Herrn stammte?
Sr. Kingbo: Ein Jahr lang habe ich gerungen. Überwiegend in der Stille. Will der Herr das wirklich? Gleich zu Beginn hat P. Michel, mein Seelenführer, gemeint, das sei ein Auftrag des Herrn. Ich sollte mich aufmachen. Dennoch habe ich noch ein Jahr lang hingehört, Aufzeichnungen über mein Ringen gemacht und das Konzept für die zu gründende Gemeinschaft entworfen. Das wollte ich dem Studienleiter des Kurses, an dem ich teilnahm, vorlegen bei einem Gespräch, das an einem Mittwoch im September vorgesehen war. Am Sonntag davor betete ich in meinem Zimmer vor dem Kruzifix. In mir ein Unruhe: Wohin soll ich gehen? Und dann höre ich in meinem Inneren ganz deutlich: „Geh in den Niger!“ Sofort war da ein tiefer Frieden. Beim Treffen mit dem Studienleiter, sagt er, nachdem er das Papier gelesen hatte: „Marie-Catherine, der Herr ruft dich und du solltest nicht im Senegal bleiben.“ Dann erzähle ich ihm, was ich am Sonntag erlebt hatte. Worauf er: „Marie-Catherine, mach dich in den Niger auf!“ Dann brauchte ich noch die Zustimmung meines Ordens. An einem 11. November hatte ich mir vorgenommen, an meine Ordensobere zu schreiben. Der 11. November ist für mich ein wichtiger Tag: Denn da machte ich einmal beim Gebet vor dem Kreuz die Erfahrung der Gegenwart Christi, der mir dreimal eindringlich sagte: „Hab Vertrauen!“ Und seit damals habe ich keine Angst mehr empfunden. Das Gebet ist lebenswichtig.

Das Gespräch führten Alexa & Christof Gaspari. Mit Spenden auf das Konto IBAN: AT92 3628 1000 3008 0972   BIC: RZTIAT22281,  Kennwort Sparbuch Maradi kann Missionsarbeit von Sr. Kingbo unterstützen.

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