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Altar und Kirche

Artikel drucken Blick eines Historikers auf die Aufgabe des Altars (Christian Dick)

Die These einiger Bibelforscher, dass die frühen Christen keinen Altar kannten und es sich in den ersten Jahrhunderten des Christentums nur um einfache Esstische bei gemeinsamen Mahlfeiern gehandelt habe, widerlegt Stefan Heid, Professor für Liturgiegeschichte und Hagiographie am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie in Rom, in seinem aktuellen Buch Altar und Kirche – Prinzipien christlicher Liturgie.

Erst im 5. Jahrhundert starben die antiken Opferreligionen der Griechen und Römer aus. Damit verschwanden laut Heid auch die Schlachtopferaltäre, von denen sich viele nur archäologisch erhalten haben und heute in den Museen stünden. Hingegen sei seit frühester Zeit kein Kirchenbau denkbar ohne den Altar als der wichtigste Einrichtungsgegenstand.
Heid nennt weiterhin den Ersten Klemensbrief (um 96 oder um 64 – 70), der sich an die Christengemeinde in Korinth gewendet habe, in dem schon die Rede vom Altar im alttestamentlichen Kontext gewesen sei. Die Verwendung sakraler Begriffe wie „Tempel“ und „Altar“, so Heid, habe schon bei Bischof Ignatius von Antiochia Schule gemacht. Dieser habe um 110 - 120 nach Christus in sieben Briefen an Gemeinden in Kleinasien und an die Christengemeinde in Rom bereits vom Altar gesprochen und diesen mit dem Opfermahl, der Eucharistie in Verbindung gebracht.
Stefan Heid legt dar, dass es vom Mittelalter bis zum 2. Vatikanischen Konzil 1000 Jahre Wandaltäre, also an die Kirchenwand herangerückte Altäre gab. Es gab weiterhin die tridentinische Messe mit der Ausrichtung des Priesters nach Osten (daher das Wort „Orientierung“), bei welcher der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde, also dem Kreuz zugewandt, die heilige Messe zelebrierte. Seit dem 2. Vatikanischen Konzil sei es sozusagen zu einer Blütezeit von Altären gekommen. Es seien mit der Mess­zelebration versus populum, also der Priester hinter dem Altar und dem Volk zugewandt, die Volksaltäre entstanden, die offen im Kirchenraum stünden.
Heid legt dar, dass die „Hauskirchen-Theorie“ ganz stark mit der Frage des Altars verbunden ist. Der Hauskirchen-Theorie zufolge habe sich „das werdende Christentum in Städten in privaten Wohnhäusern wohlhabender Christen ausgebreitet“ und dort sei die Eucharistie im familiären Kreis von 20 bis 40 Personen gefeiert worden, führt Heid aus. Als Gegenargument für die Existenz solcher Hauskirchen legt Heid allerdings dar, dass es keinerlei archäologische Funde für solche Hauskirchen gebe. Und so macht Heid deutlich, dass er strikt die Gegenmeinung dazu vertritt, die „Eucharistie“ sei eine jedermann verfügbare Mahlhandlung gewesen.“ Stattdessen ist Heid der Ansicht, die Eucharistie sei der heiligste Kultvollzug der Christen, den allein apostolisch autorisierte Personen vollziehen durften.
Bei einer Abwägung zwischen diesen beiden Formen der Feier der Heiligen Messe kommt Heid zu folgendem Fazit: „Neue Altäre, also Volksaltäre, sollten ihren Frieden mit der alten Liturgie machen. Das Gebot der Stunde sind Toleranz und Respekt. Die alte Liturgie ist nichts Böses, sie hat 1000 Jahre den Menschen Segen und Heil gebracht. Neue Altäre neben die alten zu stellen und alte Altäre zu zerstören, bringt nicht einen einzigen Menschen zum Glauben. Mancher Reformeifer würde sich erledigen, wenn man einfach auf die Statistik der Got­tesdienstbesucher vor und nach dem Konzil schaut. Umgekehrt, hat nicht der Volksaltar, sondern doch eher das herzlose Gebaren der Priester die Gläubigen aus den Gottesdiensten getrieben.
Als Historiker bin ich für das Bewahren unserer Kultur. Man muss heute mit einer dramatischen Ignoranz hinsichtlich unserer eigenen Geschichte rechnen. Welche immense Kul­turleis­tung das Christentum gebracht hat, ist auch an den Altären ablesbar. Sie sind in ihrer historischen Gestaltung ein Fingerabdruck christlichen Glaubens. Die bei weitem meisten Heiligen der 2000-jährigen Kirchengeschichte haben ihre Spiritualität aus den Texten und Gebeten des Mess­buchs an den Stufen jener Altäre genährt, die wir nunmehr zertrümmern. Kann man aber Birgitta von Schweden, Franz von Assisi und Therese von Avila ohne die Heilige Messe verstehen?“

Altar und Kirche – Prinzipien christlicher Liturgie. Von Stefan Heid, Verlag: Schnell & Steiner, 82 schwarz-weiße und 73 farbige Abbildungen, 496 Seiten, 51,40 €

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