VISION 20001/2000
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Das Alter: eine günstige Zeit

Artikel drucken Aus dem Brief des Papstes an die alten Menschen (Erzbischof Paul Josef Cordes)

Auch ich bin mittlerweile alt geworden. So verspüre ich den Wunsch, mit euch alten Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich tue dies vor allem aus der Dankbarkeit heraus, die ich Gott für die Gaben und Möglichkeiten schulde, mit denen er mich bis zum heutigen Tag reichlich beschenkt hat.

In meiner Erinnerung ziehen die Etappen meines Lebens vorüber, das mit der Geschichte eines langen Stücks dieses Jahrhunderts verflochten ist.

Vor meinem inneren Auge gewinnen die Gesichter unzähliger Personen Konturen, von denen mir einige besonders teuer sind: Erinnerungen an gewöhnliche und außergewöhnliche Ereignisse, an frohe Augenblicke ebenso wie an Begebenheiten, die von Leid gezeichnet sind. Doch sehe ich, wie sich über allem Gottes väterliche Hand ausbreitet. Mit Umsicht und Erbarmen "sorgt er bestmöglich für alles, was ins Dasein gerufen ist". Er erhört uns, wann immer wir etwas erbitten, das seinem Willen entspricht (vgl. 1 Joh 5, 14).

Mit dem Psalmisten sage ich zu ihm: "Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf, und noch heute verkünde ich dein wunderbares Walten. Auch wenn ich alt und grau bin, o Gott, verlaß mich nicht, damit ich von deinem machtvollen Arm der Nachwelt künde, den kommenden Geschlechtern von deiner Stärke" (Ps 71, 17-18).

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn wir mit unseren Gedanken in die Vergangenheit zurückkehren und gleichsam eine Bilanz zu ziehen versuchen, dann liegt das in unserem Alter nahe. Diese Rückschau erlaubt uns eine gelassenere und sachlichere Beurteilung von Personen und Situationen, denen wir auf unserem Weg begegnet sind. Im Laufe der Zeit verschwimmen die scharfen Konturen der Ereignisse, und ihre schmerzhaften Kanten erscheinen in milderem Licht.

Leider gibt es im Leben eines jeden Menschen reichlich Kummer und Leid. Manchmal handelt es sich um Probleme und Schmerzen, in denen die seelische und körperliche Belastbarkeit auf eine harte Probe gestellt wird. Sogar der Glaube kann erschüttert werden. Doch die Erfahrung lehrt uns, daß mit der Gnade des Herrn gerade die täglichen Mühen oft den Menschen erst reifen lassen und den Charakter stärken.

Über die einzelnen Ereignisse hinaus macht man sich besonders Gedanken über die Zeit, die unerbittlich verrinnt. "Unwiederbringlich entflieht die Zeit", urteilte der antike lateinische Dichter Vergil. Der Mensch ist in die Zeit eingetaucht: In die Zeit wird er hineingeboren, in ihr lebt und stirbt der Mensch. Mit der Geburt wird ein Datum gesetzt, das erste seines Lebens, und mit dem Tod ein weiteres und letztes: Die beiden Daten markieren Alpha und Omega, Anfang und Ende seiner irdischen Geschichte, wie es die christliche Tradition dadurch unterstreicht, daß sie diese Buchstaben des griechischen Alphabets in die Grabsteine einmeißelt.

Wenngleich die Existenz eines jeden von uns so begrenzt und zerbrechlich ist, tröstet uns doch der Gedanke, daß wir kraft der Geistseele über den Tod hinaus leben. Der Glaube eröffnet uns darüber hinaus eine "Hoffnung, die nicht zugrunde gehen läßt" (Röm 5, 5)

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Der 92. Psalm faßt die glänzenden Zeugnisse alter Menschen, die wir in der Bibel finden, gleichsam zusammen: "Der Gerechte gedeiht wie die Palme, er wächst wie die Zedern des Libanon; ... Sie tragen Frucht noch im Alter und bleiben voll Saft und Frische; sie verkünden: Gerecht ist der Herr" (13.15-16).

Der Apostel Paulus stimmt dem Psalmisten zu, wenn er im Brief an Titus schreibt: "Die älteren Männer sollen nüchtern sein, achtbar, besonnen, stark im Glauben, in der Liebe, in der Ausdauer. Ebenso seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem Verhalten...; sie müssen fähig sein, das Gute zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und Kinder zu lieben" (2, 2-5).

Im Licht dessen, was die Bibel lehrt, und in der Wahl der Worte, die sie auszeichnet, stellt sich somit das Alter als "günstige Zeit" vor, um das Abenteuer des Menschen zu vollenden. Das Alter gehört in den Plan, den Gott mit jedem Menschen hat. Es ist der Zeitraum, in dem alles zusammenläuft, damit der Mensch den Sinn des Lebens besser erfassen und zur "Weisheit des Herzens" gelangen kann.

"Ehrenvolles Alter besteht -- wie das Buch der Weisheit darlegt -- nicht in einem langen Leben und wird nicht an der Zahl der Jahre gemessen. Mehr als graues Haar bedeutet für die Menschen die Klugheit, und mehr als Greisenalter wiegt ein Leben ohne Tadel" (4, 8-9). Das Alter stellt die entscheidende Etappe der menschlichen Reife dar und ist Ausdruck des göttlichen Segens.

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Die christliche Gemeinschaft kann von der Gelassenheit, mit der die älteren Menschen ihr Leben gestalten, viel empfangen. Ich denke vor allem an die Evangelisierung. Ihre Wirksamkeit hängt nicht in erster Linie von der Arbeitsleistung ab. In wievielen Familien empfangen die Enkel von den Großeltern die ersten Grundlagen des Glaubens! Aber es gibt noch viele andere Bereiche, wo sich der Beitrag alter Menschen wohltuend auswirken kann.

Der Geist handelt, wie und wo er will. Dazu bedient er sich nicht selten menschlicher Wege, die in den Augen der Welt wenig zu zählen scheinen. Wieviele Menschen finden Verständnis und Trost bei alten, einsamen oder kranken Personen, die aber fähig sind, durch liebevollen Rat, durch das stille Gebet und durch das Zeugnis des mit geduldiger Ergebung angenommenen Leidens Mut zuzusprechen!

Gerade während die Kräfte schwinden und die Leistungsfähigkeit nachläßt, werden diese unsere Brüder und Schwestern um so wertvoller im geheimnisvollen Plan der Vorsehung. Auch unter dieser Hinsicht und nicht nur wegen eines offensichtlichen psychologischen Bedürfnisses des alten Menschen selbst ist der natürlichste Ort, um den Zustand des Altseins zu leben, die Umgebung, in der er "zu Hause" ist, also unter Verwandten, Bekannten und Freunden, und wo er noch einige Dienste leisten kann.

Ich bin euch, meine lieben betagten Brüder und Schwestern, die Ihr Euch aus gesundheitlichen oder warum auch immer in einer schwierigen Lage befindet, voll Zuneigung nahe. Wenn Gott unser Leiden, das durch Krankheit, Einsamkeit oder anderen Gründen, die mit dem vorgerückten Alter verbunden sind, zuläßt, schenkt er uns immer die Gnade und die Kraft, daß wir uns mit noch mehr Liebe mit dem Opfer seines Sohnes vereinen und noch intensiver an seinem Heilsplan teilnehmen. Sind wir davon überzeugt: Er ist unser Vater, ein Vater reich an Liebe und Barmherzigkeit!

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