VISION 20001/2000
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Gott lieben wie ein Baby

Artikel drucken Die Provokation der Menschwerdung Gottes (P. Clemens Pilar, COp)

Ist die Menschwerdung ein Thema, das heute noch provoziert? Würde das Thema: "Und das Wort ist Fleisch geworden" - wenn man es plakatiert - Menschen in die Kirche locken? Die großen Massen wohl kaum.

Und doch war gerade dieses Thema, die Menschwerdung Gottes, vor 2000 Jahren die Revolution schlechthin, in der Antike etwas Anstößiges, Unerhörtes. Diese Wahrheit, die die junge Kirche in die Welt getragen hat, war wie ein Kometeneinschlag. Über Jahrhunderte hinweg hat das Stoßwelle um Stoßwelle hervorgerufen.

Nach den Stoß- und Flutwellen - so beschreiben Geologen, was bei einem Kometeneinschlag passieren würde -, nach der Klima- und Landschaftsveränderung begann sich aber die Situation wieder zu normalisieren. Die Vegetation überwuchert alles und man bemerkt gar nicht mehr, was passiert ist...

Genauso kommt es mir vor, wenn wir Christen nach 2000 Jahren Kirchengeschichte über die Menschwerdung nachdenken. Alles selbstverständlich. Jedes Jahr hören wir die Weihnachtslieder, sehen wir die Krippen. Die Provokation ging verloren. Viele ziehen aus, um anderswo nach Sinn, innerem Frieden und dem Absoluten zu suchen: im Sumpf der Esoterik und aller möglichen Irrlehren, in den Niederungen des Neuheidentums.

Wie aber können wir die Provokation auch heute erkennen?

Wir müssen versuchen, Abstand zu nehmen von dem Gewohnten, um zu sehen, welche ungeheuerliche Revolution vor 2000 Jahren stattgefunden hat, mit welchem Selbstbewußtsein und mit welchem "heiligen Stolz" die Christen damals in die Gesellschaft hineingegangen sind, um zu verkünden.

Versuchen wir zu sehen, wie der antike Mensch sich und die Welt verstanden hat. Die Frage nach dem Ursprung von allem und die Frage, warum der Mensch so elend ist, hat zu allen Zeiten die Menschen bewegt. Woher kommen Krankheit, Leiden, Schwäche und Tod?

Auch wenn es im einzelnen je nach Kultur verschiedene Antworten auf all das gab, so glaubte man in der Antike insgesamt an eine vollkommene, ideale himmlische Welt, eine Welt der Götter. Die irdische Welt sei aus einem Götterkampf entstanden, eine Art Abfallprodukt, ganz unten. Darunter nur die Unterwelt, die Hölle.

In dieser Vorstellung gibt es keine Liebe in der Götterwelt. Die Liebe galt als Triebregung der Unvollkommenen, der niederen Wesen. Der Mensch selbst war irgendwie eine Fehlkonstruktion. Zwar hat er einen Geist, der auf die Götter schauen kann, aber sein Körper - voller Schwäche - ist dem Verfall preisgegeben.

Das Leibliche am Menschen war ekelhaft. Im antiken China wird es drastisch ausgedrückt: Was ist der Mensch anderes als ein Sack voller Kot? Auch die gnostischen Strömungen bewerten das Leibliche total schlecht.

All diesen Vorstellungen war gemeinsam, daß Erlösung nur bedeuten könne, daß man diese Welt hinter sich läßt, um in eine Welt der Ideen oder der Götter aufzusteigen durch welche Technik und Gunst der Götter auch immer.

Diesen heidnischen Vorstellungen ist die jüdische schon entgegengesetzt: Da ist die Welt kein Abfallprodukt eines Götterkampfes, sondern Gott wollte sie. Sie war gut - etwas Einzigartiges in der antiken Welt. Auch vom Menschen wird gesagt, er sei sehr gut. Und doch trübt etwas die Beziehung der Welt zu diesem guten Gott: Von Satan verführt hat sich der Mensch von Gott abgewandt und sich die Natur zum Absoluten gewählt, wodurch die so gut geschaffene Schöpfung zerbricht.

Für den jüdischen Menschen bleibt Gott aber unendlich erhaben und voll Erbarmen und Liebe gegenüber den Menschen, die weit unter ihm existieren. Er spricht zu Seinem Volk und geht mit ihm. Er ist weit oberhalb des Menschen, allmächtig. Was die Erlösung anbelangt, glauben die Juden, daß der Messias kommen und die ursprüngliche Harmonie wieder herstellen wird. Die Juden erwarten also einen Retter, aber sie erwarten einen Menschen. Jemanden wie David.

In diese Welt schlägt der Komet ein: Gott kommt in diese gottferne Welt. Das allein wäre noch nichts Besonderes. Auch Zeus nimmt verschiedene Gestalten an, um in der Welt zu agieren. Aber daß Gott Fleisch annimmt, in eine Frau eingeht als Embryo, um geboren zu werden, das war unvorstellbar.

Er nimmt keinen Scheinleib an, sondern dieses niedrige und begrenzte Fleisch. Das Unendliche geht in das Endliche ein, der Allmächtige, der alles geschaffen hat, der alles durchwirkt, wird ein Säugling! Angewiesen auf das Stillen seiner Mutter. Sie muß Ihm den Popo putzen! (Ich sage das bewußt so!) Die Mutter muß ihn halten. Er ist total auf sie angewiesen.

Bei Lukas steht: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. (Lk 2)

Was soll das für ein Zeichen sein? Man erwartet sich etwas Außergewöhnliches. Aber nein: etwas ganz Normales, ein Kind in der Krippe mit Windeln. Gott wird ein Baby! Er kommt nicht von oben herab, sondern geht in die Welt ein. Nimmt alle Umstände des Menschseins an, kommt mitten in das Terrain des Feindes. Denn durch die Sünde hat sich der Mensch der Herrschaft des Teufels unterworfen, der zum Fürsten dieser Welt geworden war.

Und jetzt kommt Gott mitten in dieses feindliche Territorium!

"Das Wort ist Fleisch geworden", heißt es, "und hat unter uns gewohnt". Gott hat unser Dasein geteilt. Der Sohn nimmt alle unsere menschlichen Bedingungen an - außer der Sünde. An Ihm ist nichts außergewöhnlich.

Der Kirchenvater Tertullian betont, daß Jesus mit nichts Außergewöhnlichem ausgestattet war. Auch Seine Wunder gehen auf Seinen Glauben, Seine Hoffnung und Seine Liebe zurück. Immer bittet Er den Vater. Er lebt uns vor, was uns Menschen möglich ist. Er hat unter uns gewohnt, sagt Johannes.

Was bedeutet es, daß der unendliche Gott diese Grenzen annimmt, daß man Ihn sehen, ansprechen kann? Im Johannes-Prolog lesen wir, daß Gott so in die Welt kommt, daß die Menschen Gott finden und Ihn berühren können. Sie müssen die Welt, ihr Menschensein nicht verlassen, um dem unendlich erhabenen Gott zu begegnen.

Zum ersten Mal wird ausgesprochen, daß darin das Leben besteht, daß wir Menschen eine Beziehung zu Gott, also zum Leben aufnehmen. Das ist auch neu für den Juden. Für ihn war ewiges Leben so etwas wie die Belohnung für ein gesetzestreues Leben. Und jetzt heißt es: Wer Ihn aufnimmt, hat die Macht, Kind Gottes zu werden. Wer glaubt, wird ewig leben. Nicht wer die Gesetze erfüllt, sondern wer ja zum Leben sagt, hat das ewige Leben, auch wenn er oft versagt hat. Zuwendung und Beziehung - das ist das Leben.

Gott gibt nicht mehr etwas, um den Menschen glücklich zu machen, etwa das Paradies, sondern Er selbst ist das Geschenk. Er schenkt sich selbst, nicht etwas von sich!

Gott schenkt dem Menschen die Möglichkeit, Ihm zu begegnen, ohne daß der Mensch Großartiges können oder ein spiritueller Meister sein müßte. Er macht sich ganz klein, damit der Mensch in Beziehung zu Ihm treten und seine Herrlichkeit schauen kann.

Ich denke, daß ist der Kern der Botschaft, die wir im nächsten Jahr hinausrufen müssen: Gott läßt sich von den Armen, Kleinen, Unmündigen finden!

So viele Menschen versuchen heute die unterschiedlichsten Techniken und Praktiken, um in der Transzendenz die Erlösung zu finden. Und viele Christen beschreiten diesen Weg, um eine Gottesbegegnung zu erleben.

Wo aber findet die Gottesbegegnung statt? Zum ersten Mal in Bethlehem mit dem armen, ohnmächtigen Kind. Reale Gottesbegegnung. So real wie nie zuvor in der Geschichte. Was immer auch die Propheten erlebt haben mögen: Nichts kommt dieser Gottesbegegnung mit dem Kind in den Windeln gleich.

Gott wird ein Baby, damit wir lernen, wie wir mit Gott in einer heilen Beziehung leben können. Weihnachten ist die Schule der Anbetung. Wir müssen Gott lieben, wie wir ein Neugeborenes lieben. Mit ihm kann man nicht spielen, ihm keine Geschichten erzählen. Man kann es halten und anschauen. Und der Säugling läßt sich einfach lieben. Genauso will Gott von uns Menschen geliebt werden. Eine Anbetung, die auf all unser Können und Reden verzichtet. Ganz arm ist. Das Anbeten wird zum Sein. Gott macht sich klein, damit wir Ihm ohne Angst begegnen.

Am Ende Seines Lebens wird Jesus noch einmal ganz arm und ohnmächtig sein, am Kreuz, wenn Er Sein Leben aushaucht. Er wirkt keine Wunder mehr, Er lehrt nicht mehr, keine Brotvermehrung... Genauso wie der Säugling in Bethlehem ist Er ganz ohnmächtig geworden. Diese Endpunkte des Lebens Gottes als Mensch waren für die antiken Menschen die größte Provokation. Ein Leben von Ohnmacht zu Ohnmacht, auch wenn Jesus dazwischen viel getan hat.

Das Zentrum unseres Glaubens, das wir in jeder Heiligen Messe feiern, ist, daß Gott Mensch geworden ist. Die Erfüllung dieser Menschwerdung ist die Eucharistie. In ihr erreicht Gott, der Fleisch geworden ist, jeden, der es möchte. In dieser Eucharistie verbindet sich Gott mit jedem Menschen, mit dem elendsten und schwächsten - vorausgesetzt, dieser wendet sich Gott zu. Das ist das wunderbare Glaubensgeheimnis: Dazu muß man kein Könner, kein spiritueller Meister sein. Dazu muß man keine Techniken anwenden. Gott nimmt uns an, wie wir sind. Das ist die Frohe Botschaft, die wir gerade in diesem Jubeljahr betonen müssen: Gott ist ganz klein geworden, um uns erreichen zu können.

Auszug aus der Katechese "Das Wort ist Fleisch geworden" am 13.12.99.

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