VISION 20001/2000
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Wie kann Gott das zulassen?

Artikel drucken Der Mensch vor dem vielen Leid (Alain Bandelier)

Es gibt so viel Böses in der Welt. Ein Blick in die Zeitungen oder auf den Bildschirm genügt, und man wird mit Schreckensmeldungen konfrontiert. Muß man sich da nicht die Frage stellen: Wie kann Gott nur dem Widersacher so viel Spielraum lassen?

Dieser Frage muß man sich einfach stellen. Der besten theologischen Tradition zufolge gilt es, eine wesentliche Unterscheidung zu machen, zwischen dem, was Gott will, und dem, was Gott zuläßt. Da gibt es vieles, was nicht Seinem Willen entspricht. Daher müssen wir auch sehr vorsichtig sein, wenn wir über Leiden und Tod sprechen. Nicht zu rasch sagen: Das ist Gottes Wille.

Gleich aber taucht wieder die Frage auf: All das, was Gott nicht will, geschieht dennoch. Sollten es Seiner Macht entzogen sein? Ändert das überhaupt etwas, wenn wir sagen, Er lasse das zu?

Die Aussage: Gott läßt es geschehen, ist nicht einfach ein verbaler Trick. Es ist eine Möglichkeit (meiner Ansicht nach die einzige), die absolute Distanz zwischen dem Bösen und der Heiligkeit Gottes einerseits mit der Gegenwart Gottes mitten in der menschlichen Geschichte, wie sie sich nun einmal abspielt, andererseits in Einklang zu bringen. Selbst wenn diese nach dem Wort Shakespeares die von einem Idioten erzählte Geschichte von Wahnsinnigen ist.

Wir stehen dazu. An manchen Tagen, vor allem in manchen Nächten, allerdings bekennen wir uns gegen jeden Anschein, nur im nackten Glauben und aus der tief verankerten Überzeugung: Gott ist gegenwärtig, Er weiß, Er wirkt, Er leitet alles nach Seiner weisen Vorsehung.

Paulus bekräftigt es: "Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt" (Röm 8,28). Und er folgert daraus: "Denn ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges..., noch irgendeine Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn."

Jesus selbst, als Er von Kriegen und Unruhen, Erdbeben und Seuchen, schrecklichen Dingen und gewaltigen Zeichen am Himmel spricht, betont: "Laßt euch dadurch nicht erschrecken... Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden... Richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe." (Lk 21, 9-28)

Das heißt nicht, daß wir vor dem Walten des Bösen in der Welt - manchmal ganz in unserer Nähe, manchmal in uns - bewahrt sind. Aber nichts an uns, nicht einmal ein Haar, geht verloren: weder jetzt, weil Gott uns nicht verläßt; noch am Ende, weil alles im voraus durch den Tod und die Auferstehung Christi errettet ist.

"Ich weiß schon, daß der Wahnsinn der Geschöpfe für dieses jammernswerte Geschehen verantwortlich ist, und daß Gott stets das letzte Wort haben wird," bekommt man dann zur Antwort, "aber bis dahin, was für ein Elend!" ...

Es ist wahr: Man kann sich unmöglich mit diesen furchtbaren Verheerungen abfinden und es ist schwer, da Trost zu finden. Wie soll man da die Geduld Gottes begreifen?

Wie können wir selbst zu dieser geheimnisvollen Geduld gelangen? Sie ist ja keineswegs Gleichgültigkeit. Auch nicht Toleranz. Sie ist ein Ertragen.

In dieser Geduld herrscht das Leiden. In Jesus Christus wollte Gott selbst die schreckliche Macht der Bosheit ertragen, wollte er Spielball des Herrschers der Welt sein. Er hat uns durch einen tränenverschleierten Blick betrachtet. Er hat uns mit einem durchstoßenen Herzen geliebt: Uns, unschuldige Opfer, Lämmer nach dem Vorbild des Lammes. Und auch uns, unbarmherzige Henker, Nachkommen der Schlange, Söhne des Teufels (Joh 8,44).

Ja, Er hat die Macht, vom Bösen zu befreien; Er zerreißt die tödliche Fesselung; die Ketten jener, die leiden und die noch infernalischeren Ketten dessen, der Leiden zufügt. Er ist der Stärkere, der das in die Hände des Starken gefallene Haus zurückerobert. Die Fakten zeigen es: Mitten in den schlimmsten Höllen erwacht die unendliche Kraft der barmherzigen Liebe. Der Seinen. Der Unsrigen.

Auszug aus "Famille Chrétienne" v. 25.11.99

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