VISION 20004/2001
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„Wir wollen die Taufe - sofort!“

Artikel drucken Der Heilige Geist weht, wo Er will (Kardinal Francois Xavier Nguyen Van Thuan)

Während meines langen Aufenthaltes im Gefängnis, aller menschlichen Möglichkeiten beraubt, habe ich mich noch tiefer überzeugt von der Kraft des Heiligen Geistes, wie sie uns in der Apostelgeschichte geschildert wird. Diese Kraft ist auch heute unentbehrlich für die Kirche, damit sie jede Art von Prüfungen überstehen kann. Darum habe ich von 1975 an bis jetzt - zum Jahr 2000 - von denen, die bei mir beichteten, als Buße nach der Beichte immer verlangt, aufmerksam ein Kapitel aus der Apostelgeschichte zu lesen.

Ja, der Heilige Geist lebt und handelt in den Herzen der Armen und der Demütigen, in der Volksfrömmigkeit, in der Solidarität, im Leiden. Er ist da, als Anwalt und Wortführer der Sehnsüchte und der Gebete.

Ich erinnere mich an einen Vorfall. Eines Tages sah ein Pfarrer aus Nordvietnam eine Gruppe aus dem Stamm H'Mong auf sich zukommen. “Woher kommt ihr?", fragte er die Leute. “Aus Lai-Chau. Sechs Tage lang sind wir zu Fuß durch das Gebirge gegangen." “Mein Gott! Und wozu?" “Wir möchten gern getauft werden. Jetzt gleich."

“Das ist unmöglich! Es gibt bei euch weder Priester noch Katecheten, ihr wißt nichts über die Religion, noch kennt ihr die Gebete." “Wir haben alles von einem philippinischen Radiosender gelernt." “Aber was für ein Radio ist denn das? Es gibt keinen katholischen Sender, der in eurem Dialekt überträgt!" “Es war das Radio ,Quelle des Lebens'!" - “Ein protestantischer Sender, und nun seid ihr hier, um katholisch zu werden? Was für eine Überraschung!" Tief bewegt rief der Pfarrer aus: “Ein neues Pfingsten! Das Werk des Heiligen Geistes! Der Heilige Geist!" Und er fragte sie: “Könnt ihr nicht ein bißchen länger hierbleiben?" “Pater, das ist unmöglich, wir haben nur Reis für 14 Tage mitgenommen: zwölf Tage Reise und zwei Tage Studium und Gebet."

Sie wurden also getauft und gefirmt, haben zum ersten Mal der heiligen Messe beigewohnt und die Eucharistie empfangen. “Zu Hause werdet ihr keine Messe mehr feiern können, ihr werdet keine Kirche haben. Was werdet ihr tun?" “Am Abend hören wir in Gruppen von drei, vier Familien das Radio, um zusammen zu beten und die Religion besser kennenzulernen. Sonntags arbeiten wir in den Reisfeldern, aber um 9 Uhr 30 unterbrechen wir die Arbeit, spannen die Büffel aus und verfolgen über “Radio Veritas" aus Manila die Messe."

Inzwischen sind die H'Mong in der glücklichen Lage, ein Programm in ihrer eigenen Sprache zu haben. Mittlerweile haben diese zuerst Getauften den Glauben an 5.000 Mitbrüder weitergegeben. Der Heilige Geist läßt sie nicht als Waisen zurück.

Von Kardinal Francois Xavier Nguyen Van Thuan

Auszug aus “Hoffnung, die uns trägt - Die Exerzitien des Papstes", Herder Verlag, Freiburg 2000

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