VISION 20004/2001
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Persönliches interessiert immer

Artikel drucken (Bischof Joachim Wanke)

Am Beginn jeder Evangelisierung der Welt steht unsere “Selbstevangelisierung". Wir sind als Christenmenschen auf einem Weg. Wir stehen nicht am Anfang. Wir haben schon vom Evangelium “geschmeckt". Wir haben schon gute Erfahrungen mit Gott und dem Christsein gemacht. Und genau diese durchaus anfanghaften und scheinbar so unbedeutenden eigenen Erfahrungen sind die Grundlage für unsere Befähigung das Evangelium für andere interessant werden zu lassen.

Für mich kann ich bezeugen: Die geistige Armut des alten ideologischen Systems im Osten Deutschlands hat mich meinen katholischen Glauben als Bereicherung erfahren lassen: sein Menschenbild, seine Welt- und Lebensdeutung, seine sittlichen Grundsätze und kulturellen Ausprägungen.

Ich habe mich als katholischer Christ in den DDR-Jahren “freigesetzt" gefühlt, nicht “kirchlich gebunden". Nach zehn Jahren Erfahrung mit der “Nachwende-Gesellschaft" und ihren (zugegeben!) andersartigen “Torheiten" habe ich bis heute noch keinen Grund gefunden, diese Einschätzung zu revidieren. sind ähnliche Erfahrungen nicht auf andere Weise auch im Westen gemacht worden?

Meine Erfahrung ist: Nichtkirchliche Zeitgenossen reagieren dort sehr aufmerksam, wo Christen in Gesprächen, in Alltagsbegegnungen mit eigenen Lebenserfahrungen herausrücken. Persönliches interessiert immer!

“Wie hast Du das gepackt?" “Wie ist es Dir damit ergangen?" Christen, die andere an ihrem Leben teilhaben lassen, gerade auch, wenn es nicht glatt und problemlos verläuft, sind für ihre Umwelt interessant. Unser eigener, ganz persönlicher Gottesglaube, auch mit seinen zweifeln und Fragen, muß “sprechend" werden - in Worten und Taten. Wer die Höhen und Tiefen seines eigenen Lebens mit österlichen Augen ansehen und deuten kann, kann auch anderen helfen, die eigene Biographie in neuem Licht zu sehen.

Wo dieses Zeugnis des Lebens gegeben wird, da öffnen sich Türen und Herzen. Da bekommen andere Mut, ebenfalls christliches verhalten zu “erproben". Da erhalten alte Worte auf einmal wieder neuen Glanz, Worte etwa wie: Ehrfurcht und Staunen, Mitleid und Fürsorge, Selbstbegrenzung und Maß, um nur einige christliche Grundhaltungen zu nennen, die derzeit wieder hochaktuell sind.

Wir sind reicher, als wir meinen. Christen wissen um Hoffnungsgüter, von denen die Zukunft leben wird.

Bischof Joachim Wanke

Aus dem Hirtenbrief des Erfurter Bischofs über den Missionsauftrag der Kirche für Deutschland.

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