VISION 20005/2006
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Ein „Tropfen“ Maria reicht schon

Artikel drucken Richard Borgman wird nach 25 Jahren als evangelikaler Pastor katholischer Missionar (Von Alexa Gaspari)

Guten Morgen. Da ich mich vor so vielen Menschen fürchte, müßt ihr mich jetzt alle anlächeln. Vor allem der Bischof, da vorne rechts," beginnt Richard Borgman seinen Vortrag vor dem Jugendforum in Altötting und gewinnt die Herzen der Zuhörer. Mitreißend, ernst, oft aber auch heiter erzählt er wie Gott aus einem Mann, der 25 Jahre evangelikaler Pastor war, einen missionarischen Katholiken gemacht hat. Wir haben unseren Urlaub unterbrochen, um diesen interessanten Mann zu treffen. An ihm fiel mir - sei es beim Essen und Plaudern mit der Jugend oder auch beim Interview - auf, wie intensiv und interessiert er sich dem jeweiligen Gesprächspartner zuwendet. Sein Humor sorgt für Entspannung bei ernsten Themen. Er ist es gewohnt, Zeugnis zu geben. So antwortet er gern auf meine Fragen.

Sein Eintritt ins Leben im Jahr 1947 scheint recht hoffnungslos: Richard ist ein frühgeborenes, schwächliches Kind, das an einer schweren Krankheit (Pinks disease) leidet. Seine Mutter - Vater unbekannt - will ihn nicht, läßt ihn zum Sterben in der Klinik. Für die Ärzte ist das Baby dem Tod geweiht. Doch da erscheint ein Ehepaar, das ein Kind adoptieren will. Es gibt einige zur Auswahl, doch die Frau zeigt auf Richard. Sinnlos, meint der Arzt, das Kind lebt nicht lange. Doch die Frau beharrt. “ Ich war wohl das häßlichste Baby dort und sterbenskrank," sagt Borgman lächelnd, “aber ich habe am stärksten geschrien, was soviel wie: ,nimm mich mit' heißen sollte." Zwei Stunden Bedenkzeit und die leibliche Mutter unterschreibt die Adoptionspapiere.

Kaum zu Hause, erbricht der kleine Richard Blut. Also wieder ins Spital und wieder meint der Arzt, die Frau solle sich doch lieber ein anderes Baby aussuchen. Nein, sie will dieses, erklärt die neue Mutter. Mit drei Monaten wird sein Blut ausgetauscht. “Ein Feuerwehrmann hat mir das Leben gerettet," strahlt Richard.

Seine Adoptiveltern, Methodisten, leben in Colorado Springs. Hier verbringt Richard seine Kindheit und Jugendzeit. Er ist ein aufbrausendes, bei jeder Gelegenheit revoltierendes Kind. Klein und kränklich - “Pinks disease" hinterläßt meist lebenslange Nervenschäden - begnügt er sich mit verbalen Attacken. Nach der Schule beginnt er zu studieren: Neurologie. Trotz schwacher Konstitution geht der junge Mann gerne klettern. Eines Tages stürzt er bei einem Ausflug von einer zehn Hausetagen hohen Klippe auf eine Granitplatte. Als er auf dem Boden aufschlägt, springt sein Körper zweimal auf. “Als ich die Augen aufschlug, war ich immer noch am Leben - ohne nennenswerten Schaden. Ab da war ich sicher, daß es einen Gott gibt und daß Er mich gerettet hatte. Einige Zeit davor war ein junger Mann an derselben Stelle tödlich verunglückt." Der Glaube an diesen Gott, der ihn vor dem Tod bewahrt hatte, hat aber noch keine große Bedeutung.

Noch sehr jung lernt Richard Danelle kennen und lieben. Als beide heiraten, ist sie gerade 19, ihr Ehemann 20. Schon sehr bald kriselt es allerdings gewaltig in der jungen Ehe: Danelle ist nicht bereit, Richards Härte und seinen rechthaberischen Charakter hinzunehmen. Sie ist nahe daran, ihn zu verlassen. Nach dem Besuch eines Treffens von Evangelikalen, zu der die junge Frau eingeladen wird, gewinnt sie ungeahnte Kräfte. “Es war, als gäbe es zwei Danelle: eine, die ich kannte und eine andere Person. Diese andere war übernatürlich geduldig, voller Liebe, lächelte die ganze Zeit. In ihr war ein Leben, eine Präsenz, die ich nicht kannte," erinnert sich Richard.

Noch etwas Auffallendes geschieht: Vor dieser Erfahrung trug Danelle Brillen. Von da an kam sie ohne aus. “So sah ich, daß Jesus auf wunderbare Weise heilen konnte." Da nun auch Richard zum Gelingen der Ehe beitragen will, geht er ebenfalls zu einer solchen Veranstaltung und bittet Gott, in sein Leben zu kommen. Und auch er fängt Feuer. Lächelnd erzählt er: “Mein Herz hat gesungen. An der Universität begann ich, allen Kollegen von Jesus zu erzählen."

Es folgt ein entscheidender Einschnitt in Richards Leben. Wegen mangelnder Vorbereitung scheitert er bei der Abschlußprüfung. Obwohl sein Professor das zutiefst bedauert, verläßt Richard daraufhin die Universität und den guten Job, den er dort schon hatte, um sich ganz dem Missionsauftrag, den er verspürt, zu widmen: Das Ehepaar Borgman schließt sich einer evangelikalen Gemeinschaft an, wird neu getauft und übersiedelt auf eine große Farm, die im Besitz der Vereinigung ist. Der Erlös von Landwirtschaft und Viehzucht kommt evangelikalen Missionaren zugute. Richard beginnt mit einer Bibelschule.

1975 schickt ihn die Gemeinschaft für eine Woche an die Elfenbeinküste. “ Eine schreckliche Woche: heiß, feucht, Schlangen und Moskitos," erinnert er sich noch heute. “Ich war froh, als ich wieder im Flugzeug saß. Und dankte Gott, daß ich nie wieder hin muß." Ein gewaltiger Irrtum, denn fast im selben Moment vernimmt er einen Ruf des Herrn, Ihm in Afrika zu dienen. Danelle empfängt denselben Auftrag daheim. Und beide sagen ja: “Wenn Gott zu uns spricht, haben wir immer die Wahl zwischen Ja und Nein. Übrigens hat der Heilige Geist stets bei uns gleichzeitig gewirkt," freut sich Richard.

Er übersiedelt also als evangelikaler Pastor mit Frau und Kindern - drei haben sie mittlerweile - für sechs Jahre in ein Armenviertel von Abidjan. Eine beinharte Sache, denke ich, als ich erfahre, daß die Borgmans hier keinerlei Komfort kennen: kein Auto, kein Ventilator. Und Richard kann noch nicht einmal Guten Morgen auf Französisch sagen!

Das einzige, was das Ehepaar trägt, ist die Überzeugung, daß der Heilige Geist sie nach Afrika gerufen habe. “Wie hören Sie die Stimme des Herrn?" unterbreche ich neugierig seine Erzählung. “Wie ein Haar, das auf die Suppe unseres Geistes fällt. Das heißt, ich denke gerade an etwas - und plötzlich ist da ein Satz oder eine Frage: wie hineingeworfen", lautet die originelle Antwort.

17 Jahre bleibt die Familie in Afrika. 1978 beginnt Richard mit der Mission unter Strafgefangenen in einem Gefängnis mit 4.500 Insassen. Dort sind die Lebensbedingungen, da nur für 1.500 Häftlinge konzipiert, miserabel. Viele sterben an Lungenentzündung, Aids oder einfach an Unterernährung.

Was die Katholische Kirche anbelangt, teilte Borgman damals die Sichtweise seiner evangelikalen Vereinigung: Sie sei die schädlichste Sekte der Welt. “26 Punkte gegen die katholische Kirche hatte ich einmal für einen Vortrag zusammengetragen," bekennt Richard. Nun lernt er aber im Gefängnis den katholischen Geistlichen der Anstalt kennen, dessen Verhalten ihm imponiert und ihn zwingt, seine Meinung zu revidieren: “Ich konnte zwar gut predigen, aber der Geistliche lebte das, was ich nur predigte. Ich dachte: Hauptsache die Gefangenen hören von Gott und bekehren sich. Wie es ihnen geht, war mir nicht so wichtig."

Betroffen stellt der Missionar fest: das Leben des Geistlichen und der ihn begleitenden Nonnen war dem Leben Jesu weit ähnlicher als sein eigenes. “Sie haben die Menschen zwar nicht durch die Kraft des Heiligen Geistes zum Umfallen gebracht, aber sie hatten eine Sanftheit und eine Zärtlichkeit, die mir fehlte," bekennt mein Gegenüber.

Richard freundet sich mit dem katholischen Geistlichen an: “Wir haben gemeinsame Aktionen ins Leben gerufen, Mahlzeiten an die Gefangenen verteilt. Ich habe ihn gebeten, mir zu helfen, ein Diener wie er zu werden. Er hat mich dann gelehrt die Bibel mit einem offenem Herzen zu lesen. Einmal blieb ich bei Mt. 25,31-46 hängen, beim Endgericht: ,Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan...' Das hat meine Theologie und meinen Lebensstil verändert," erinnert er sich. “Und plötzlich sind die Gefangenen auch zu mir gekommen. Sie haben gespürt, daß bei mir im Tiefsten etwas zu sprudeln begann: meine Bekehrung."

Gott gibt ihm nun viele Möglichkeiten, auf dem Weg zur katholischen Kirche voranzuschreiten: Einmal hört er in seinem Inneren die Aufforderung, statt den Gefangenen über das Gericht Gottes zu predigen - der Gott der Evangelikalen ist ein sehr strenger Gott -, ihnen doch lieber etwas über die Liebe zu erzählen. Diese Predigt findet jedoch kein Echo. Gott erklärt ihm warum: “Wenn du über die Liebe reden willst, mußt du erst Erfahrung mit meinem Erbarmen und meinem Mitleid gemacht haben." Von da an beginnt er zu beten: “Herr öffne mein Herz, durchdringe es mit Deiner Liebe und Deinem Erbarmen. Da ist mein Herz, mach' es neu!"

Da sind weiters schreckliche Kopfschmerzen und Migränen, unter denen er seit der Erkrankung als Neugeborenes leidet, “Anfälle die immer schon mindestens vier Tage anhielten. Ein Schmerz in Kopf und Augen, den man nicht beschreiben kann. Beten war dann unmöglich. Die Schmerzen zwangen mich, in mein Herz zu schauen: Dort habe ich mit Jesus zu leben und den Schmerz quasi zu transzendieren gelernt, obwohl ich nie vom Heiligsten Herz Jesu gehört hatte. Ich habe es im eigenen Herzen entdeckt." Wieder ein Schritt näher zum katholischen Glauben.

Eine wunderbare Entdeckung macht er, als er mit dem neuen “offenen" Herzen Joh. 6 liest: “Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben..." Ab da begreift er die eucharistische Präsenz des Herrn in der Heiligen Kommunion so gut, daß er in der Welt herumfährt und den evangelikalen Gemeinden verkündet, daß Jesus in der Eucharistie anwesend ist. Diese fragen sich allerdings, ob er zuviel afrikanische Sonne abbekommen habe, denn bei den Evangelikalen gibt es keine Eucharistie.

Ökumene wird nun sein großes Anliegen. In den fast 10 Jahren, die die Borgmans dann in Frankreich leben, organisiert der Pastor mehr als 6.000 ökumenische
Missionstreffen. Er sieht sich als Brücke zwischen den Christen. Jeder soll vom anderen lernen. “Was ich damals nicht verstand: Die wertvollen Elemente der einzelnen Konfessionen sind auch in der katholischen Kirche zu finden." Schmunzelnd fügt er hinzu: “Vielleicht nicht überall."

1997 hat Richard den Eindruck, eigentlich alles getan zu haben, was der Herr von ihm wollte. Er legt daher seine Erfahrungen aus 25 Jahren Dienst für den Herrn schriftlich nieder, meint, nichts mehr lernen zu müssen. Gerade da nähert sich der Moment des “Gnadenstoßes" (Coup de grâce ist auch der Titel eines seiner Bücher).

Was geschieht? Wie jedes Jahr bittet er im Dezember 1997 den Herrn, ihm einen Vers für das kommende Jahr zu geben. Das Ergebnis: “So spricht der Herr der Heere: Haltet gerechtes Gericht, jeder zeige seinem Bruder gegenüber Güte und Erbarmen..." (Sach 7,9f) Richard weiß sofort: Güte und Erbarmen - das ist für ihn bestimmt. Hat er nicht seit 50 Jahren ein ungelöstes Problem: es mangelt ihm an Güte, an “sanfter Güte", wie er sagt - vor allem gegenüber denen, die ihm am nächsten stehen: Frau, Kinder, gute Freunde.

Schonungslos erzählt er: “Von der ganzen Welt waren sie gekommen, meine Worte zu hören, Gottes Barmherzigkeit aus meinem Herzen hervorquellen zu sehen, aber die Menschen, die täglich mit mir zu tun hatten, kannten vor allem einen Mann, der schnell zornig, ungeduldig, grob, hart und cholerisch war." Wie soll er weiter verkünden, was er selbst nicht lebt? So betet er: “Herr, hilf mir. Ich bin grausam und böse. So kann ich nicht weiterleben."

Während er so betet, erlebt er sich plötzlich in Jesu Todesstunde - nicht als Außenstehender, sondern mittendrin, selbst sterbend. “Ich blickte auf Jesus: Er verblutete wegen meiner Sünden.
Neben Jesus hängend hatte ich nur mehr die Zukunft, die Er mir geben würde. Ich war bereit zu hören, wieso ich so hart zu meinen Liebsten war." Und der Gekreuzigte verkündet ihm: “Dein Problem ist, daß du deine Mutter, die du nie gekannt hast, die dich nach der Geburt verlassen hat, haßt." Das ist wahr, erkennt er schlagartig: Obwohl von den Adoptiveltern geliebt, hatte nichts dieses Loch, das durch dieses Verlassensein entstanden war, in seinem Herzen stopfen können. Im Unterbewußtsein hatte er Angst vor Ablehnung und daher ließ er niemanden näher als 50 cm an sein Herz heran.

Auch Jesu Mutter, Maria, lehne er ab, läßt ihn der Herr wissen (die Gottesmutter ist ja bei den Evangelikalen so gut wie nicht präsent). Und Jesus zeigt ihm: die Lösung seiner Probleme ist jedoch bei Maria zu finden. “Nun sah ich Maria am Fuße des Kreuzes ausharren, ihre Augen voll sanfter Güte. Sie machte ihrem Sohn Mut, für mich zu leiden und zu sterben." Richard beginnt zu weinen und bittet Gott, ihm die 51 Jahre Haß gegen die eigene und die Mutter des Herrn zu verzeihen. “Mit einem Schlag löste sich die Verbitterung. Ich wurde geheilt, war frei. In einem einzigen Moment hatte mich Jesus, am Kreuz befreit. Er hatte sich im Innersten meines Hasses, meiner Verletzungen, der tiefen Wurzeln meiner Verbitterung bemächtigt und alles ausgerissen. Härte und Grausamkeit verließen mich schlagartig." “Siehe Meine Mutter, ich teile sie mit dir," hört er den Herrn sagen. Und Maria wird Richards Mutter.

Jetzt, da er seiner Mutter verzeihen kann, ist er bereit, verletzbar zu werden, Danelle und die anderen in sein Leben einzulassen. So hat Jesu Sein Kreuz in die Wunde seines Herzens hineingestellt und die Bitterkeit in Barmherzigkeit gewandelt. Zu dieser Erfahrung kommt ein paar Tage später ein anderes wunderbares Erlebnis hinzu, bei dem Maria das Ehepaar Borgman “in ungeahnter Mächtigkeit und mit einer wunderbaren weiblichen Präsenz umhüllt. Es ist das sanfteste, liebevollste Da-Sein, stärker und greifbarer als alles, was wir uns vorstellen hätten können", ergänzt Richard, dem nun die “sanfte Güte", nach der er sich gesehnt hatte, zuteil wird. Mein Gegenüber strahlt: “Ich habe mich damals in Maria verliebt und somit in alles rund um die katholische Kirche, deren Mutter sie ist."

Klar, daß die Borgmans nach all den Erfahrungen nicht mehr ohne Eucharistie, ohne Maria leben, sondern katholisch werden wollen. Die Neutralität, wie Richard sie gerne gelebt hätte, als Brücke zwischen den Christen, reicht nicht. So treten Richard und Danelle am 2. Februar 1999 in der Kapelle des Bischofs in die Kirche ein und empfangen das Sakrament der Firmung.

Es folgt eine Reise in die USA, um der evangelikalen Gemeinschaft, die Richards Dienst durch Gebet und finanzielle Mittel unterstützt hatte, Rechenschaft über ihr Wirken zu geben. “Viereinhalb Stunden haben wir unseren Eintritt in die Katholische Kirche zu erklären versucht. Man hat uns zugehört, sich bedankt und uns dann entlassen." Die Türe schließen sich: Borgmans verlieren Anstellung, Alterssicherung, Heim und Freunde. Selbst heute sagt Richard: “Ich habe keine Ahnung, wie ich nächstes Jahr leben werde. Aber meine Erfahrung ist: Ein Tropfen Maria ist besser als 25 Jahre mit der Aura des Pastors." Er lacht herzlich und trommelt mit den Händen auf den Tisch.

Zurück in Paris geht jedoch eine Türe auf: Dominique Rey, Pfarrer der Kirche Trinité, der eines der Borgman-Bücher gelesen hatte, lädt Richard zur Mitarbeit in der Pfarre ein. Die Borgmans lassen sich in Pigalle auf 14 Quadratmetern nieder - neben den Prostituierten. “Wir haben unter den Armen der Pfarre gewirkt, die Lehre weitergegeben, ich war schließlich sehr bibelfest und ergriffen von einer großen Liebe zu Maria und zur Kirche," erinnert sich Richard dankbar für diesen Neubeginn.

Als Rey Bischof von Fréjus-Toulon wird, bittet er die Amerikaner mit ihm zu kommen. Sie sollen die Laienmitarbeiter, Priester, Seminaristen in die Evangelisation einführen. “Drei Jahre haben wir mit dem Bischof in Toulon gelebt, sind rasch in die Kirche hineingewachsen. Doch dann wurde es Zeit, in die USA zurückzukehren, um für die Gemeinschaft Emmanuel eine Schule der Evangelisation durch Barmherzigkeit zu gründen. Mittlerweile gibt es zwei in Brasilien und eine entsteht eben in Atlanta."

“Was geschieht da konkret?", erkundige ich mich. “Auf die anderen zuzugehen - und das nicht nur in Massenveranstaltungen, sondern durch Hausbesuche, Begegnungen mit Menschen auf der Straße. Oft habe ich das acht Stunden pro Tag gemacht, ganz allein mit dem Johannes-Evangelium - und dabei vor Angst gezittert", erzählt Richard über die Anfänge. “Jetzt bilde ich Teams aus, die zu zweit Hausbesuche machen. Die Schüler kommen für ein Jahr, sind fünf Stunden pro Tag unterwegs. Klar, daß nur wenige dazu bereit sind. Doch wie wichtig ist das: Wir klopfen an die Türe, sagen, daß wir von einer Evangelisationsschule kommen und bitten die Leute, uns zu helfen: besser zu begreifen, wie man Gottes Barmherzigkeit empfängt! Das haben sie noch nie gehört."

Ein Trick?, frage ich. “Nein, keine Technik. Wir gehen nicht, um zu geben, sondern um von den Menschen zu empfangen. Wie Bettler. Indem man zu den Armen, den Leidenden, den Prostituierten in den Elendsvierteln geht, wird man selbst bekehrt. Meine Schüler sollen primär nicht bekehren, sondern durch das Leid und das Elend der anderen bekehrt werden. Barmherzigkeit empfängt man von dem, der im Leben gelitten hat."

Nach den Besuchen setzen sich alle zusammen und besprechen, was sie während der Evangelisation bewegt hat: “Unglaublich und ergiebig, was sich da abspielt! Die Schüler erzählen dann, was sich in ihrem Herzen in der Begegnung mit der leidenden Menschheit abgespielt hat. Das ist dann die Gelegenheit, den Katechismus, die Enzykliken zu lehren."

Ich könnte Borgman stundenlang zuhören. Besonders gefällt mir, was er über die Heiligen, die nun sein Leben bevölkern, sagt: “Unsere Gebete nicht mit denen der Heiligen zu verbinden, heißt, nur ein mageres Drittel der Möglichkeiten auszuschöpfen, die uns zur Verfügung stehen."

Ober einen Tip für unsere Leser habe, frage ich. Da zitiert er seinen Lieblingsheiligen, Philipp Neri, der von drei Ebenen der Spiritualität spricht. “Die erste ist eine Spiritualität des Gefühlslebens: gefühlsbetont und mit Spektakel. Auf dieser Ebene bewegen sich häufig die Evangelikalen. In stundenlangen Treffen fallen die Menschen wie die Stöcke um. Sich täglich ,spirituelles Kokain' zu verpassen, reicht nicht für ein spirituelles Leben. Es geht darum, auf einer zweiten Ebene der Sünde widersagen und auch ohne wohlige Gefühle aus den Sakramenten leben zu lernen - aus dem Wissen, daß es gut so ist. Und dann das dritte Niveau: Erfolg, Mißerfolg, Sonne, Regen, Leiden, Freuden sind nicht mehr entscheidend. Man lebt gottverbunden, in einer Art Paradies im Herzen, jedoch mit beiden Beinen auf dem Boden: Man lebt, arbeitet, lacht, evangelisiert, singt, redet... Es sind nicht mehr die Ereignisse, die uns verändern - es ist Gott in uns, der die Ereignisse verändert."

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