VISION 20004/2008
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Plädoyer für eine geistige Revolution

Artikel drucken Ein Appell, zu einem lebensträchtigen Umgang mit der Schöpfung umzukehren (Von Heinrich Wohlmeyer)

Die rasante wirtschaftliche und technische Entwicklung im Westen hat schwerwiegende Folgen für viele natürliche Abläufe. Im folgenden ein Versuch, diese im bekannten Dreischritt: Sehen-Urteilen-Handeln zu bewerten.

Sehen

Wenn wir mit dem Sehen beginnen, müssen wir insbesondere fünf Tatsachen feststellen:

* Früher glichen die Eingriffe des Menschen in die Ökosysteme Nadelstichen, die rasch verheilen konnten. Gegenwärtig schlagen wir aber mit Großtechniken und den Systemen der Energieversorgung breitflächig Wunden, die nicht mehr heilen. Durch die enormen Materialströme (dazu gehört auch das vor allem aus der Verbrennung fossiler Energieträger stammende CO2) ändern wir die eingespielten ökologischen Gleichgewichte, an die wir angepaßt sind. Diese Entwicklung wird noch durch das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung und den sich ausbreitenden material- und energieintensiven “westlichen Lebensstil" verstärkt.

Die geometrisch wachsende Naturzerstörung macht den Untergang der Lebenswelten, die uns tragen, vorhersehbar. Es verhält sich wie im Gleichnis mit jener Seerose, die jedes Jahr den von ihr eingenommenen Raum verdoppelt: Im letzten Jahr ist der Teich noch halb offen. Wer diese Dynamik allerdings nicht durchschaut, sieht die Gefahr für sich als Teichnutzer und für den Lebensraum der Lebewesen, die eine offene Wasserfläche brauchen, nicht, obwohl schon im folgenden Jahr der ganze Teich zugewachsen sein wird.

* Ebenfalls geometrisch, also beschleunigt, wächst die Vermögenskonzentration im Weltfinanzsystem, wie es heute funktioniert. Die ungebremst wachsenden Großvermögen fordern immer größere und damit gegenüber der Natur gewalttätigere Energie-, Industrie- und Infrastrukturprojekte. Außerdem agieren sie ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Erfordernisse, weil sie keinen lokalen sozialen Bindungen, keiner demokratischen Kontrolle mehr unterliegen.

* Die zum “Rückblick aus der Zukunft" Fähigen schlagen innovative technische Lösungen und neue organisatorische Maßnahmen vor, die bis zu einer Welt-Umwelt-Polizei reichen. Ohne Änderung des Lebensstils werden diese energie- und materialsparenden Techniken aber durch einen “Bumerangeffekt" in ihrer Wirkung aufgehoben, ja sogar überkompensiert.

Das heißt: Werden die ökologisch an sich positiv wirkenden Techniken verstärkt eingesetzt, dann nimmt die Belastung dennoch weiter zu. Beispiel: Das 3-Liter-Auto wird Standard, aber mehr als doppelt so viele Menschen benutzen es, ja benützen es häufiger, da es ja spritsparend ist.

* Die Zahl der hungernden und armen Mitmenschen steigt, aber die gesellschaftlichen Muster, die das Elend hervorrufen, werden kaum infrage gestellt. Hunger und Armut sind aber bekanntermaßen die Wurzel kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Welt wird somit immer weniger friedensfähig.

* Die internationalen Erklärungen angefangen von der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 bis zum Hunger-Weltgipfel 2008 äußern immer dramatischer Warnungen, aber die tatsächliche Entwicklung ist gegenläufig. Damit gehen wir offenen Auges einen Weg, der kommenden Generationen die Lebensgrundlagen raubt. Hat nicht die Politik, wie sie derzeit verfaßt ist, ihre Glaubwürdigkeit verloren?!

Urteilen

Der 2005 verstorbene kritische Dichter Carl Amery hat das, was als Hauptstrom (main stream) abläuft, zurecht als “kollektives Selbstmordprogramm" bezeichnet. Wo ist aber der not-wendende Ausweg?

Mahatma Gandhi hat den Satz geprägt: “Die Welt hat genug für alle Menschen - aber nicht genug für die Gier weniger." Es geht also um eine innere Einstellung, die zu Bescheidenheit, Rücksichtnahme, liebevoller Begegnung und zum Teilen veranlaßt. Friedrich Schuhmacher hat dies den “TLC-Faktor" (tender loving care - zarte liebevolle Fürsorge) genannt. Mit anderen Worten: Zu den immer wieder beschworenen drei Säulen der Nachhaltigkeit (ökologisch, sozial, ökonomisch) gehört eine vierte: Die innere Nachhaltigkeit, die unser Handeln bestimmt.

Der Systemforscher Dennis Meadows meinte, als er letztes Jahr sein Buch Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update. Signal zum Kurswechsel vorgestellt hat: Von der auf kurzzeitige Gewinnmaximierung ausgerichteten Wirtschaft und der zu ihrer Magd gewordenen opportunistischen Politik ist die not-wendende Kurskorrektur nicht zu erwarten. Sollte da nicht die Kirche mit ihrem langfristigen Denken und ihrem Liebesgebot massiv in die Weltarena treten und die erforderliche innere Einstellung bewirken sowie die notwendigen Regeln einmahnen und einfordern?!

Es steht also eine geistige Revolution an, in der gerade wir Christen gefordert sind. Die christliche Wertordnung wird gegenwärtig auch zur physischen Überlebensmaxime. Es sind die Aussagen des heiligen Paulus im Römerbrief heute mehr denn je zutreffend: “Die Schöpfung stöhnt und liegt in Wehen" (8, 22) und weiter “Das Harren der Schöpfung ist ein Harren auf die Offenbarung der Kinder Gottes (8, 19/20).

Handeln

Wir Christen müssen in der Solidarität der gleichwertigen Kinder Gottes handeln. “Was ihr den geringsten eurer Mitmenschen tut, das habt ihr mir getan."

Hier geht es einerseits um das von Verantwortung und angeeignetem Sachwissen getragene Aufzeigen, daß die von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angebotenen Pseudo- und Vertröstungslösungen die Zukunft kriminell verspielen. Aussagen wie: “Wenn die Dinge knapp werden, dann wird der Markt entsprechend reagieren und die erforderlichen Produkte und Techniken abrufen", widersprechen der Realität.

Märkte reagieren nämlich leider immer kurzsichtig und daher erst, wenn es zu spät ist. Außerdem gleichen sie soziale Härten nicht aus. Andererseits geht es um das beharrliche Einfordern von not-wendenden Spielregeln - sei es gelegen oder ungelegen.

Hier gibt es einsichtige und klare Leitplanken. Die Welt kann nur zukunftsfähig bewirtschaftet werden, wenn bei der Gestaltung der Bedarfsdeckungssysteme insbesondre sieben Kriterien beachtet werden:

* Alle Aktivitäten müssen unbegrenzt lange fortsetzbar sein (Solidarität mit den kommenden Generationen).

* Alle Aktivitäten müssen im Grundsatz auf alle Menschen ausdehnbar sein (Solidarität mit allen Mitmenschen).

* Die Energieversorgung ist auf die direkte und indirekte Nutzung der reichlich einstrahlenden Sonnenenergie auszurichten (Wir verhungern vor der übervollen Schüssel, weil wir beharrlich die falschen Löffel in die Hand nehmen.).

* Materialien dürfen nur in Verkehr gebracht werden, wenn sie entweder geordnet in natürliche Stoffkreisläufe oder in gewerblich-industrielle Reparatur- oder Wiederverwertungskreisläufe eingehen (Kreislaufprinzip und Generierung von dezentralen Langzeitarbeitsplätzen).

* Energie und Materialien sind kaskadisch zu nutzen (Abnutzung der verschiedenen Niveaus statt thermischem und Material-Müll; Schaffung von dezentralen Verwertungskreisen).

* Biologische Vielfalt muß in der Landwirtschaft und den Kulturlandschaften Vorrang haben. Vielfalt macht stabiler und eröffnet Wege gegenseitiger Förderung (Synergie). Diese Vielfalt ist arbeitsintensiver, bringt dafür aber eine höhere Flächenproduktivität - und sie ist schöner.

* All dies ist nur zu erreichen, wenn wir intelligent dezentralisieren und vernetzen. Hierzu haben wir die technischen und organisatorischen Werkzeuge: die Mikroelektronik, Informatik, Telekommunikation und Biotechnologie. Diese wird derzeit falsch verwendet: zur Stützung von Großsystemen mittels risikoreicher Gentechnik.

Die Umsetzung dieser Ansätze fordert Opfer:

* Das Schwimmen gegen den reißenden Hauptstrom ist anstrengend.

* Die Demütigung und das Lächerlichmachen als “lästige Ruhestörer und Untergangspropheten" ist hart zu ertragen.

* Das Aneignen von Wissen, das zum Argumentieren und Handeln befähigt, ist zeitaufwendig.

* Der Aufbau von zukunftsfähigen, attraktiven Modellen ist mühsam und kostspielig.

Und dennoch müssen wir es wagen, denn die Schöpfung ist jedem von uns persönlich anvertraut und Gott wird uns, wenn wir in seine ewige Anschauung eintreten, fragen, wie wir mit den anvertrauten Talenten umgegangen sind.

Die wohl größte Seherin im deutschsprachigen Raum, Katharina Emmerick (1774 - 1824), deren Gesichte Clemens von Brentano aufgezeichnet hat, sah, daß Noah dreimal den Archenbau unterbrach, weil er die Behandlung als Narr und Ausbeuter seiner Sippe nicht aushielt. Gott ermahnte ihn immer wieder weiter zu machen. Geht es uns heute nicht ebenso? Da häufen sich die Zeichen an der Wand, da warnen uns Seher, da meldet sich Maria weltweit in einem dramatischen Crescendo ... und wir bauen keine “geistigen und materiellen Archen". Es sollte uns das Bibelwort (Paulus an die Römer: 8,31f), das Erzherzog Johann auf den Brandhof schreiben ließ, ermutigen: “Wenn Gott mit mir - wer dann gegen mich!"

Die Bibel beginnt mit den Worten: “ Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (Gen 1,1) und fährt fort: “...dann legte Gott, der Herr, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen..., damit er ihn bebaue und hüte (Gen 2,8 und Gen 2,15)." Die Schöpfung, der Garten Gottes, ist sein Geschenk an uns - ein Stück Himmel auf Erden. Der Schöpfungsgarten ist ein Sinnbild für das Wachsen und Werden, für unser Wachsen und Werden als Menschen.

Der Autor ist Honorarprofessor an die Universität für Bodenkultur in Wien.


Dann geht es uns gut

In der Not der unmittelbaren Nachkriegszeit bewirtschaftete mein Gastvater, der Bauer Franz Steindl, den sogenannten “Hausacker" arbeitsintensiv, wie einen großen Garten. Vielfältiges Gemüse, Erdäpfel und Fruchtstauden am Rand kultivierte er, um seine Familie und seine Mitbürger bestmöglich versorgen zu können. Man durfte nicht mit schwerem Gerät hineinfahren, “denn das würde dem Boden nicht gut tun". Als er eine Spatenprobe machte, nahm er die Erde in die Hand besah ihre Struktur und beroch sie. Dann sagte er: “Schau und riech, Bub, dem Boden geht es gut."

Eine klare Botschaft: Wenn es der Mitwelt gut geht, dann wird es auch uns gut gehen.

Heinrich Wohlmeyer

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