VISION 20004/2008
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Ein Privileg, für Gott zu wirken

Artikel drucken Schwester Marese Ramsl: ein erfülltes Leben als Hebamme, Missionarin, Managerin, Lebensschützerin... (Von Alexa Gaspari)

Mit gesenktem Kopf, still Rosenkranz betend: so kennen sie viele, die in Wien bei der Abtreibungsklinik am Fleischmarkt vorbeikommen. Schwester Marese Ramsl selbst hätte allerdings nie gedacht, daß sie eines Tages diesen scheinbar undankbaren Dienst, für ungeborene Kinder und deren Mütter in aller Öffentlichkeit zu beten, übernehmen würde. Als geistliche Schwester hatte sie nämlich einen anderen Weg eingeschlagen. Welcher das war, erzählt sie mir auf eine erfrischende, sehr lebendige und interessante Art im Lebenszentrum gleich ums Eck, neben der Abtreibungsstätte.

Geboren ist sie im salzburgischen Kuchl - und zwar in eine große Familie: sechs ihrer sieben Geschwister leben noch. Sie ist das dritte Kind. Auf Kinderfotos sehe ich, was für ein süßes Mäderl sie war. Sie wird in eine schwere Zeit hineingeboren. Die Eltern sind Bauern. Der Vater hat im I. Weltkrieg ein Bein verloren, es gibt kaum Hilfskräfte, die Mutter verrichtet die Arbeit im Stall, der Vater kocht.

Nach der 8jährigen Volksschule besucht Marese einen Koch- und einen Nähkurs, damit sie eine gute Bäuerin wird. Allerdings entspricht das nicht ihren Vorstellungen, denn, seit sie 11 ist, möchte sie Missionsschwester werden. Den Glauben leben ihr die Eltern vor, denen es gelingt, den Kindern trotz aller materiellen Nöte eine wunderschöne Kindheit zu ermöglichen.

Oft dürfen die Kleinen auf dem Schoß des Vaters sitzen, während er Geschichten aus der Bibel erzählt. Jeden Herz-Jesu-Freitag geht er beichten und kommunizieren. Liebevoll, ohne Schlagen und Schreien strahlt er eine natürliche Autorität aus, der - meist jedenfalls - gefolgt wird! Die Schwester erzählt heiter: “Geht's mir nur ja jeden Tag in die Kirch' hat er uns immer g'sagt. Wir haben das aber nicht eingesehen: Warum täglich in die Messe - und die anderen Kinder nicht! Da haben wir dann die Kirche oft nur durchquert und waren Auslagen anschauen. So konnten wir auf die Frage: ,Wart ihr in der Kirch?' mit ja antworten," lacht die Schwester.

So sicher die 11jährige Marese war, Missionsschwester zu werden, so sehr kommen ihr dann Zweifel, als sie älter wird. Der Vater ist einverstanden, daß die jungen Leute tanzen gehen. Den Töchtern aber rät er, genau zuzuhören, was die jungen Männer miteinander reden, vor allem wenn sie Alkohol getrunken haben. Dann könnte man hören, was sie wirklich denken. “,Werft euch nicht weg, ihr seid kostbar,' hat er uns gesagt," fügt die Schwester hinzu. Für sie ist ohnedies klar: “Der Herrgott sieht uns überall, Er geht immer mit uns. Da möchte ich mich nicht in Seiner Anwesenheit blamieren. Das hätt' ich nicht fertig gebracht."

Als sie sich verliebt, scheint der Wunsch, Ordensschwester zu werden, in weiter Ferne. Eine Familie zu haben, wäre doch sehr schön - und der Herrgott kann sich ja eine andere Missionsschwester suchen. Allerdings: Immer wenn eine Beziehung ernster wird, kommt in ihr Unruhe auf, ihr innerer Friede geht verloren. Nach langer, reiflicher Überlegung ist sie endlich sicher: Sie will in die Mission. “Wenn Du, Jesus, mir den Hof machst, was sind dann alle anderen Männer neben Dir?", ist die entscheidende Frage, die sie sich selbst beantwortet. Eine Pilgerfahrt nach Lourdes löscht endgültig alle Zweifel.

Am 8. September 1958 sucht sie um Aufnahme bei den Dienerinnen des Hl. Geistes an.: “Jetzt hast du den Frieden gefunden," spürt sie, als sie das Kloster betritt.

“Wie haben die Eltern reagiert?" frage ich. “Als ich weggegangen bin, hat der Vater gemeint, das sei so schlimm, wie wenn man ihm sein zweites Bein ausgerissen hätte. Und sollte ich draufkommen, daß dies doch nicht das Richtige sei, stünden alle Türen immer für mich offen. Die Mutter war sicher, ich würde nicht mehr wiederkommen. Ich hätte ja lange genug Zeit gehabt, mich zu entscheiden. ,Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist des Himmelreichs nicht würdig', hat sie gemeint und: ,Mir war auch oft nach Davonlaufen von euch, Bande. Aber wo wärst du jetzt, wenn ich davongelaufen wäre?!'" Noch ein anderer Ausspruch der Mutter hat sich dem Mädchen eingeprägt: “Wenn wir etwas beginnen, führen wir das auch zu Ende."

Diese mütterlichen Worte haben ihr im Leben öfter geholfen - als sie z.B. als Postulantin in Stockerau war und schrecklich Heimweh bekam. Damals tröstet die Oberin: “Freu' Dich, daß Du so ein schönes Zuhause hattest - und das Heimweh, haben alle am Anfang. Es geht vorüber." So war es auch: Als die Eltern sie besuchen kommen, ist das Schwerste schon überwunden. “Da taugt's dir, da g'hörst her," weiß sie von nun an.

Auch in ihrem ersten Jahr in den USA, schon nach dem Konzil, fallen ihr die Worte der Mutter ein. Damals verlassen Mönche und Schwestern scharenweise ihre Klöster und es hieß: Die Dummen bleiben, die Gescheiten gehen, die Heiligen sterben... Hatte sie damals Zweifel? “Ich habe meine Wahl nie bereut. Es hatte mich viel gekostet, sie zu treffen und ich dachte mir damals: Ich habe mich für Dich entschieden und dabei bleib' ich."

Wie war nun ihr Ordensleben verlaufen? Ein Jahr Postulat, zwei Jahre Noviziat. In dieser Zeit macht sie den Hauptschulabschluß in Wien. Gar nicht so angenehm mit 14jährigen die Schulbank zu drücken. Weil sie aber Krankenschwester werden möchte, muß sie da durch. Dann folgen die Gelübde: dreimal für ein Jahr, einmal für drei Jahre. Dann darf sie die ewigen Gelübde ablegen. 2011 wird sie die “goldene Hochzeit" feiern. Schließlich schickt man sie in die USA, nach Illinois, um dort die “secondary school" - wieder mit weitaus Jüngeren - zu absolvieren und dann die Krankenpflegeschule. Warum auf Englisch? “Weil die Chancen, daß man dann in einem anderen Land arbeiten kann, größer sind."

Schon im ersten Jahr in Amerika geschieht ein Unglück: Bei der Arbeit im Park wird sie von einer Spinne, der gefährlichen “schwarzen Witwe", gebissen, ein Biß, dessen Folgen sie bis heute spürt. Sie kann von Glück sagen, daß sie dabei nicht ihr Bein verliert. Die Ärzte in der berühmten Mayo-Klinik geben ihr Bestes, später wird sie operiert, aber es heißt, sie werde nie einen Beruf ausüben können, bei dem sie längere Zeit stehen müsse. Jahrelang kann sie keine normalen Schuhe anziehen.

Trotz dieser schweren Beeinträchtigung geht sie den Weg konsequent weiter: Nach der Krankenpflegeschule ein Jahr Praxis in den USA, dann ein Jahr Hebammenschule in Irland. “Die Schwestern dort haben mir alles Wichtige beigebracht, auch das, was sonst ein Arzt macht. Sie wußten: In Afrika, wohin ich kommen sollte, ist nicht immer ein Arzt bei der Hand."

Und dann geht es auf nach Ghana, wo sie insgesamt 21 Jahre bleiben wird. Zunächst wirkt sie vier Jahre in einer Klinik im Süden des Landes: Die drei Schwestern sind dort auf sich allein gestellt, pro Monat bis zu 230 Geburten und kein Arzt in der Umgebung. Dankbar blickt Sr. Marese zurück: Keine Mutter starb, obwohl sie wohl bei tausenden Geburten in dieser Zeit assistierte. “Jede Geburt ist ein neues, wunderbares Erlebnis," strahlt sie.

Die Verantwortung für die Station lastet auf ihr. Es mangelt an so vielem, anfangs sogar an Wasser. Eine Begebenheit wird sie wohl nie vergessen: Als sie gerade eine Frau entbunden hatte - ohne Handschuhe, weil es keine gab -, bittet sie die Helferin, ihr Wasser über die blutigen Hände zu schütten. Aber auch Wasser gibt es keines. “Ich war dann richtig frech mit meiner Bemerkung nach ,oben'. Erbost habe ich gesagt: ,Da habe ich in Amerika die Krankenpflege-, in Irland die Hebammenschule gemacht, und jetzt gibt es nicht einmal Wasser für meine blutigen Hände?! Ich bin viel zu gut für diesen Platz!' In meinem Inneren hörte ich plötzlich eine klare Botschaft: ,Es ist für Dich ein Privileg für Mich zu arbeiten, egal wo!' - Das hat gesessen."

Wo immer sie seitdem für den Herrn arbeitet - sie weiß: Das ist ein besonderes Privileg. Und das bestätigen die vielen kleinen und größeren Wunder, die sie erleben darf: bei einer Zwillingsgeburt liegt ein Baby verkehrt. Ein Kaiserschnitt ist nicht möglich. Was tun? Ein Stoßgebet um Hilfe - das Baby dreht sich, die Kinder kommen normal zur Welt. Auch bei drei Drillingsgeburten geht alles gut, und, und...

In Ghana tragen heute viele Mädchen dankbarer Mütter den Namen Marese.

Eine Fülle von Aufgaben gilt es zu bewältigen: Opfer von Verkehrs- und anderen Unfällen werden in der Klinik versorgt, die Schulen werden medizinisch von den Schwestern betreut, in einer Hebammenschule wird unterrichtet, interessierten Leuten Buchhaltung beigebracht. Weiters pflanzt die Schwester hunderte Bäume mit den Frauen: Mango, Orangen, Grapefruit, Zitronen. Damit bringt sie auch die Bienenzucht in Schwung ... Schön ist, daß hier viele katholisch sind und daß die Schwestern in einer Kapelle, die ein österreichischer Priester betreut, täglich die Heilige Messe mitfeiern können.

Da das kranke Bein der Schwester schlimm aussieht und dick ist, bekommt sie den Namen: “The sister with the leg" - die Schwester mit dem Bein. Aber es bleibt nicht bei dieser Behinderung, hinzu kommen Erkrankungen: unter anderen, zweimal Typhus, dann Malaria, die immer wieder in Schüben auftritt.

Nach diesen vier Jahren meldet sie sich für einen Einsatz in einem Spital im Norden des Landes, dessen Leitung sie übernimmt. Es gehört zwar der Regierung, wird aber auch von geistlichen Schwestern betreut. Pro Tag 250 Patienten: Malaria, Fieber, Geschwüre, Unfälle, schwangere Frauen...

Hier im Norden kommt sie erstmals mit dem Problem Abtreibung in Berührung. Im großteils katholischen Süden war das kein Thema gewesen. Doch hier erfährt sie eines Tages von einem Mitarbeiter, daß ein Arzt heimlich in Operationssaal des Spitals Abtreibungen durchführt und dafür Geld kassiert. Da kennt die entsetzte Schwester kein Pardon. Bei uns nicht! Dem Arzt wird das Handwerk gelegt.

Nach diesem Einsatz übernimmt Sr. Marese für sechs Jahre die Leitung des Ordens in Accra. Dann aber reicht es ihr: genug der Leitungsaufgaben, als ganz normale Hebamme will sie arbeiten.

Aber es kommt anders: Nach einem Heimaturlaub heißt es: Wir brauchen dich dringend für ein Spital. Sr. Marese ist unglücklich. Wieder die Sorgen: Werde ich einen Arzt bei der Hand haben, wird es Gas geben, Mittel zum Sterilisieren, genug Infusionen, Medikamente, für jede Abteilung eine Schwester, ist Wasser in den Tanks, gibt es Sprit fürs Auto?

In ihrer Verzagtheit erlebt sie eine wunderbare Gotteserfahrung: “Was sorgst du dich so um das Spital, versuche nur, mir Freude zu bereiten", hört sie eine Stimme. Und plötzlich ist ihr klar: “Ja, warum nimmst du dich so wichtig?" Schließlich sagt sie sich: “Der ganze Laden ist ja für Dich und nicht für mich." Und da fällt eine schwere Last von ihr ab und sie macht die Erfahrung, daß der Herr tatsächlich sorgt, nicht zuletzt durch die Unterstützung, die ihr von ihrer Heimatpfarre zuteil wird. Aus Kuchl bekommt sie Medikamente, Geld für das Bohren von Brunnen für das Spital und vieles mehr.

Besonders deutlich merkt sie diesen Schutz, als sie eines Tages besonders flott mit einem VW-Bus unterwegs ist. Mit vier Insassen saust sie über einen Steinhaufen, einen Busch und haarscharf an zwei Bäumen vorbei und landet in einem Graben. Keiner ist verletzt! Aber wie herauskommen? Da kommt ein Landrover mit acht jungen Leuten vorbei. Sie heben den Bus einfach wieder auf die Straße. In der Werkstätte, wo das Auto überprüft wird, heißt es: “Schwester, jemand hat den Bus beim Fliegen gehalten, das muß ihr Schutzengel gewesen sein. Nirgends ein Kratzer!"

Die 21 Jahre in Ghana gehören zu den schönsten ihres Lebens, beteuert die Schwester mit ihren strahlenden Augen. Die Menschen dort, ihr starker Glaube, ihr Gottvertrauen, haben es ihr angetan: “Der Herrgott spielt im Alltag jedes einzelnen eine große Rolle. Vor Beginn der Arbeit wenden sich die Menschen immer an Gott, mit Lobpreis und Gebet."

1993 verläßt Sr. Marese Ghana und geht nach Deutschland. Dort braucht man eine Schwester für die afrikanischen Asylanten. Ein schwerer Abschied. “I have decided to follow Jesus", singt ein blinder Patient bei der Abschiedsfeier. Vier Jahre wirkt sie nun in Aachen, hilft den Afrikanern, wo sie kann: wenn sie krank, im Spital sind, Probleme mit dem Einschulen der Kinder haben, wenn sie ins Gefängnis kommen. Einmal gelingt es ihr, einen Mann - er war aufgrund einer falschen Zeugenaussage inhaftiert - aus dem Gefängnis zu holen. Wieder hilft die Heimatgemeinde, kommt für die Kosten des Anwalts auf, der den Fall des Afrikaners neu aufrollt.

Schließlich landet Sr. Marese 1997 in Wien. Sie soll sich hier selbst eine Arbeit aussuchen. Erst macht sie Krankenhausseelsorge (nach wie vor einmal wöchentlich in der Rudolfsstiftung). Gerne würde sie auch seelsorglich im Gefängnis arbeiten. Das klappt aber nicht. Schließlich nimmt eine Mitschwester sie zu einer Gebetsvigil für ungeborene Kinder mit. Sehr angetan, erkundigt sie sich, ob sie hier mitarbeiten könnte. “Sie sind ein Geschenk des Himmels," bekommt sie zur Antwort. Wie wahr das doch ist, denke ich mir.

Und so bleibt die Schwester bei den Lebensschützern. Sie versucht zunächst den Geist, der hinter der Arbeit der Lebensschützer steht, kennenzulernen: Gebet und viel Liebe zu den Mitmenschen sind Voraussetzungen für diese Arbeit, sonst hält man es nicht aus. Das weiß ich aus Begegegnungen mit Mitarbeitern des Lebenszentrums im 1. Wiener Bezirk.

Seit 11 Jahren ist Sr. Marese nun treu dabei. Zuerst machte sie Straßenberatung: spricht Frauen und Paare, die auf dem Weg zur Abtreibungsklinik sind, an, bietet Informationsmaterial über das ungeborene Kind, über Abtreibung und mögliche Hilfe im Lebenszentrum an. Bald erkennt sie: entscheidend ist das Gebet.

Ihm widmet sie sich fortan: zunächst in der Kapelle des Zentrums und nun schon seit langem draußen auch auf der Straße, direkt neben dem Eingang zur Abtreibungsklinik. Sie, die eigentlich nie lange stehen sollte, steht nun fast täglich stundenlang auf einem Fleck! Sie erzählt: “Ich bin so dankbar, daß ich so viel Zeit zum Beten habe, weil ich laufend das Gnadenwunder erleben darf, daß sich eine Frau doch für ihr Kind entscheidet. “Herr, geh' mit ihr auf ihrem Weg, schau', daß sie mit dem Kind wieder herauskommt", betet sie da. “Wie herrlich, wenn dann eine heiter und gelöst herauskommt und sich später bedankt: ,Danke, daß Sie da waren, für mich gebetet haben. Ich konnte es doch nicht tun'."

Unwillkürlich denke ich mir da: Ist es nicht so, daß für viele Frauen hier vor der Abtreibungsklinik vielleicht zum ersten Mal im Leben gebetet wird? Sollte das ohne Wirkung bleiben? Ich betrachte diese warmherzige, mütterliche Schwester, deren tiefe und echte Liebe zu den Menschen ich deutlich spüren kann. Und daher fühle ich mich bei ihr jetzt so wohl.

Welche Erfahrungen sie da beim Beten auf der Straße macht? Wunderbare, gute, weniger gute, aber auch schlimme. “Man lernt die Gesellschaft recht gut kennen, sieht wie viele innerlich krank sind," seufzt sie. Entsetzt höre ich, was sie sich alles anhören muß: elende Heuchlerin, Bettelweib, Trampel, um nur das zu nennen. “Frauen, meist ältere, die vorbeigehen und ihren Aggressionen freien Lauf lassen, sind oft Betroffene, vielleicht tiefverletzt, die hier an ihre Geschichte erinnert werden," erklärt Sr. Marese und ergänzt verständnisvoll: “Aber wir verurteilen ja niemanden."

“Beten's lieber für die lebenden Kinder," hat ihr unlängst eine Frau böse zugerufen. “Aber die leben ja, habe ich ihr geantwortet," erzählt die Schwester nicht ohne eine Spur von Humor. Und sie schickt dem Mann, der ihr den Rosenkranz entrissen und ihn dann zerrissen hat, dem, der sie angespuckt hat oder dem der sie auf die Straße gestoßen hat, einen Segen, ein Gebet nach. Über diese und schlimmere Erfahrungen spricht sie nicht gerne - sieht darin auch das Gute: “Wenn man das erträgt, entsteht daraus immer auch etwas Gutes, eine Bekehrung vielleicht, ein Frau, die mit ihrem Kind wieder herauskommt, eine Belohnung gewissermaßen für die ausgehaltene Aggression." Man glaubt es ihr, wenn sie ergänzt: “Was hat sich der Herr nicht alles gefallen lassen."

Mir fällt ein, was Paulus sagt: “In meiner Schwachheit, bin ich stark," weil Gott stark sein kann, wenn wir Ihm unsere Schwäche schenken.

Es gibt sie aber auch, die schönen Erfahrungen: “Es tut so gut, daß Sie da stehen. Vergelt's Gott," sagt die eine. Ein anderer: “Ich finde das super, was Sie da machen." Und es ist super: Tausende Kinder wurden schon durch die Arbeit im Lebenszentrum gerettet. So spricht eine junge Mutter eines Tages die Schwester ganz glücklich auf der Straße an: “Sie haben mir vor Jahren geholfen, ich habe jetzt geheiratet, einen guten Mann, der das Kind angenommen hat. Wir haben noch zwei Kinder bekommen..."

Ein anderes Beispiel: Einmal kommt ein Nachbarskind vom Kloster zu ihr und sagt, der Mutter gehe es schlecht, sie erbricht. Sr. Marese begleitet das Mädchen und sieht, daß die Mutter schwanger ist, aber meint, das Kind nicht behalten zu können. “Doch, das behalten wir auf jeden Fall. Morgen kommst du mit ins Zentrum," ermutigt die Schwester. Dort wird der Frau wirklich geholfen: mit einer Anstellung als Köchin, einer anständigen Wohnung. Später kommt die junge Mutter zur Schwester und erzählt: “Dieses Kind, das ich nicht wollte, hat uns nur Segen gebracht."

Und eine andere junge Frau erzählt ganz glücklich: Das Kind, das sie ursprünglich abtreiben wollte, habe sie dank des Gebets und der Beratung bekommen. Nun habe sie auch ihre schwangere Nachbarin überzeugen können, sich ebenfalls im Lebenszentrum beraten zu lassen. Auch dieses Kind werde leben. Sehr zurecht hat diese so mütterliche Frau eines Tages auf die Frage: “Haben Sie Kinder?" mit: “Ja, viele", sehr zutreffend geantwortet.

Die Anliegen aller, die sich Sr. Marese anvertrauen, sie um ihr Gebet bitten, kommen in ein Plastikrucksackerl, das die Wandermuttergottes bei ihr zu Hause umhängen hat. Die Schwester ist fest überzeugt: die Mutter des Herrn bringt alle zu ihrem Sohn. Und Ihn bittet die Schwester: “Du gehst einen jeden Weg mit. Du hast für sie Blut geschwitzt. Laß sie nicht fallen." Bei Exerzitien hat sie einmal genau diese Erfahrung gemacht. Sie sollte schriftlich einen Satz vollenden der mit den Worten begann: “Ich bin getragen von der Überzeugung, daß..." Eigentlich will sie etwas anderes schreiben, doch der Herr gibt ihr ein, was dort stehen soll, nämlich: “...daß ich dich nie fallen lassen werde."

“Und das beweist er mir jeden Tag aufs neue. Aber wir müssen uns alle einbringen. Als Christen sind wir alle Missionare. Jeder geht uns etwas an." Daher betet sie immer wieder: “Herr segne alle, laß keinen verloren gehen. Du hast ja schon für alle bezahlt."

Wenn ich der Schwester sage, wie sehr ich ihre Arbeit und ihren Mut bewundere, kann sie das kaum verstehen. Fröhlich meint sie und strahlt mich an: “Daß ich für die Ehre Gottes da sein, für Ihn arbeiten darf, egal wo, ist schließlich ein Privileg."

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