VISION 20004/2008
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Zusammenarbeit der Religionen?

Artikel drucken Respekt vor den Menschen, aber nicht vor falschen Systemen (Von Wolfram Schrems)

Der Aufruf zum Dialog mit Andersgläubigen und zur Wertschätzung Andersdenkender wird oft mißverstanden. Viele deuten ihn als Appell, alle Sichtweisen für gleichwertig zu halten, jede Religion als Heilsweg anzusehen. Der folgende Beitrag kritisiert diesen Zugang.

In den letzten Jahrzehnten hört man immer öfter vom “Respekt gegenüber den anderen Religionen", von einer für den Weltfrieden notwendigen “Versöhnung der Religionen", von “Dialog" und “Zusammenarbeit" und ähnlichem mehr. Viele sagen, daß Wahrheit “in allen Religionen" zu finden sei oder daß alle Religionen von Gott kommen bzw. zu Gott hinführen würden. Viele kritisieren die Kirche und manche nicht-katholische Gemeinschaften für ihren “Fundamentalismus". Was soll man von all dem halten? Mit welchem Recht werden diese Tendenzen heute so stark propagiert? Dazu drei Überlegungen eines kritischen Katholiken für seine Mitchristen.

1. Wir müssen uns zunächst die grundlegende Frage stellen: Was heißt überhaupt “Religionen"? Mit welchem Recht werden so unterschiedliche Gebilde unter diesem Sammelbegriff zusammengefaßt? Spricht man von “Religionen" in der Mehrzahl, dann schwingen automatisch falsche Vorstellungen mit:

Es wird nämlich der Eindruck vermittelt, es würde sich um Lehren mit im Grunde gleichen oder doch ähnlichen Absichten und Zielvorstellungen handeln.

Daß das aber nicht der Fall ist, zeigt ein kritischer, ein “unterscheidender" Blick: Die “Religionen" unterscheiden sich, in dem was sie fordern, wollen und verheißen, vollständig. Was etwa die Kirche dem Gläubigen als ewige Erfüllung verspricht, die Gemeinschaft mit Jesus Christus und die Teilhabe am Leben des dreieinigen Gottes, ist mit den grobsinnlichen Paradiesvorstellungen Mohammeds oder mit dem Ausstieg aus dem Rad der Wiedergeburten ins buddhistische Nirwana in keiner Weise in Einklang zu bringen. Entweder das eine ist wahr oder ein anderes.

Es gibt hier keine “Gemeinsamkeiten" und kann es auch nicht geben. Wenn aber die Ziele verschieden sind, sind folgerichtig auch die Wege dorthin, die Handlungsanweisungen, die Ethiken, verschieden: Jesus radikalisiert die Gebote vom Sinai und erklärt Nächstenliebe bis hin zur Feindesliebe, Vergebungsbereitschaft und Wahrhaftigkeit für verbindlich und heilsnotwendig, Mohammed schreibt Vergeltung, Angriffskrieg und taktische Lüge vor, und in den ostasiatischen Kulten ist die ganze Ethikbegründung aus systembedingten inneren Verworrenheiten ohnehin äußerst zweifelhaft, wenn nicht unmöglich. (Da haben wir noch gar nicht die sogenannten Naturreligionen mit ihren Angstgesellschaften und Menschenopfern erwähnt. Mit einer westlichen “Naturromantik" ist es dort also nicht weit her. Wo sind hier die Gemeinsamkeiten? Für welche Ziele soll man hier “zusammenarbeiten"?

Manche sagen, die “Goldene Regel" (Mt 7, 12) gäbe es in allen “Religionen". Es wäre nur interessant zu erfahren, wo das denn sein soll. Und wenn sie in den Dokumenten der nichtchristlichen Lehren zu finden wäre, dann entfaltet sie dort offenbar keinerlei Wirksamkeit.

Denn wer hat die Einrichtungen der Nächstenliebe und Nächstenhilfe erfunden, die Hospize, Waisenhäuser, Behindertenheime, Krankenhäuser u. dgl., wenn nicht Christen aus biblischer Motivation (Mt 25, 31 ff u. v. a.)?

Fassen wir also den ersten Gedanken so zusammen: Spricht man von “Religionen", könnte man meinen, es gäbe sozusagen ein gemeinsames Dach bzw. eine Klammer, die sie verbinden würde. Diese aber gibt es nicht. Die “Religionen" als inhaltlich bestimmte Überzeugungen schließen einander aus. Darum ist die Suche nach “Gemeinsamkeiten" vergeblich.

2. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit im einzelnen und ihrer Feindschaft gegeneinander gibt es eine gewisse “Zusammenarbeit" der meisten “Religionen". Es handelt sich um ein “Zusammenwirken" in dem Sinn, den der Psalmist prophetisch ausspricht: “Im Haß gegen mich sind sich alle einig." (Ps 41, 8) Das erfahren schon die Propheten des Alten Testamentes am eigenen Leibe.

Da aber in Jesus die Psalmen ihren tiefsten Sinn bekommen, sieht man gleich, was gemeint ist: In der Verwerfung Jesu Christi stellten Schriftgelehrte, Pharisäer und Sadduzäer ihre gegenseitigen Feindschaften zurück. Pilatus und Herodes, die einander ausgiebig gehaßt hatten, wurden darüber sogar zu “Freunden" (Lk 23, 12). Die “Versöhnung" von Feinden lief also über die Opferung eines Unschuldigen. (Das ist die Grundaussage des Lebenswerkes des Kulturwissenschaftlers René Girard.)

Auch heute sind es seltsame, ja widersprüchliche und unbeabsichtigte Allianzen, die in allen Erdteilen Glauben und Kirche auf je verschiedene Weise bekämpfen: Liberale und Marxisten, fanatische Hindus und Buddhisten, radikale Moslems und antimessianische Juden usw. So schaut die “interreligiöse Zusammenarbeit" in der Praxis aus. Hier ist der kleinste gemeinsame Nenner: das Nein zur Offenbarung Jesu Christi. Jeder Bericht über Menschenrechte und Religionsfreiheit kann das bestätigen. “Friede unter den Religionen" wird somit von der Tendenz her schnell zum Krieg gegen die Kirche.

3. Diese traurigen Tatsachen vermitteln uns eine wichtige Einsicht. Die Einigkeit “der Welt" (1 Joh 5, 19) und ihrer “Religionen", insofern sie gegen das Christentum gerichtet sind, ist nämlich eine unfreiwillige und unbeabsichtigte Bestätigung für den christlichen Glauben selbst. “Ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehaßt." (Mt 24, 9)

Diese Prophetie wird in unseren Tagen immer mehr erfüllt. Sie zeigt auch, daß die christliche Botschaft von Kreuz und Auferstehung so unerhört und doch so gut bezeugt ist, daß sie von allen anderen “Religionen" als ernsthafte Bedrohung ihrer Existenz gesehen wird. Sie ist zudem eine Zurückweisung staatlicher Allmachtsphantasien (vgl. Mt 22, 21, Apg 5, 29).

Es ist aber nicht nur so, daß sich “Religionen" und Ideologien faktisch gegen die Kirche und die Christen einig sind. Es gibt auch solche (und zwar nicht wenige), die systematisch und bewußt gegen das Christentum erdacht und geschaffen worden sind: In vielen Kulten und Gruppen war und ist von einem “Jesus" die Rede, wie ihn die Evangelien nicht kennen: in der antiken Gnosis und im Manichäismus, in judenchristlichen Sekten des alten Orients (von ihnen ausgehend im Islam), bei den Zeugen Jehovas, den Mormonen, im “New Age", in der “Theologie der Befreiung", bei populären Theologen des 20. Jahrhunderts...

In gewisser Weise hat auch die Reformation ein neues Bild von Jesus gebracht - wieweit das heute noch gültig ist, hängt aber sehr stark von den einzelnen Gemeinschaften ab. (Nicht einmal Kommunismus und Atheismus des 19. Jahrhunderts wären übrigens ohne Christentum ausgekommen. Es hätte ihnen das Feindbild, der Kristallisationskern, das Haßobjekt gefehlt, durch das sie erst - durch dessen Verneinung - möglich wurden.)

Welches dieser bewußt antichristlichen Systeme uns derzeit am meisten in Atem hält, ist offensichtlich: Mohammed hat die alttestamentlichen Propheten und Jesus selbst zu Propheten Allahs umgebogen und ihre Geschichten verfälscht. Er hat geleugnet, daß Jesus der Sohn Gottes ist, daß er gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Und er hat sich unter dem Einfluß des häretischen Mönchs Waraqa ibn Naufal selbst zum letzten und maßgeblichen Propheten erklärt.

Der von Mohammed als Bote Allahs genannte Gabriel sagt das Gegenteil von dem, was er 600 Jahre zuvor in der Bibel gesagt hat. Der Islam bringt einen anderen Adam, einen anderen Abraham, einen anderen Jesus, einen anderen Gott - folglich eine andere Ethik und ein anderes Gesetz. (An diesem Beispiel sehen wir den alten Grundsatz bestätigt, daß verschiedene theoretische und theologische Überzeugungen eben verschiedene praktische Konsequenzen zeitigen.)

Die Scharia steht gegen die Bergpredigt, “Vergeltung ist euch vorgeschrieben" (Koran 2, 179) gegen “Erlaßt einander die Schuld" (Lk 6, 37). Somit ist die Schnittmenge zwischen Christentum und Islam in theoretischer Lehre und praktischer Ethik, also die berühmten “Gemeinsamkeiten", genau null.

Aus diesen - im Islam selbst liegenden Gründen, und nicht etwa wegen der wirtschaftlichen Situation im Orient - bekämpft dieser den christlichen Glauben so massiv. Denn hier ist sozusagen der Modellfall einer antichristlichen “Religion" gegeben. Was soll man als Christ an diesem System “respektieren", wofür soll man “zusammenarbeiten"?

Um Punkt 3 zusammenzufassen, können wir festhalten, daß in Jesus Christus (und vor ihm in den Propheten des Alten Bundes in Israel) offenbar ein Wahrheitsgehalt liegt, an dem die Menschen und ihre Überzeugungen sich scheiden. Das Christentum reizt zum Widerspruch, einfach durch Existenz und Anspruch selbst. Wenn das Heilige in die Welt kommt, fühlen sich die Menschen belästigt, bezichtigt oder sonst irgendwie auf die Zehen getreten: “Das Licht kam in die Welt. Aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Taten waren böse." (Joh 3, 19)

Aber schon die - vergleichsweise bescheidene - Wahrheit des aufrechten Heiden Sokrates, oder genauer, seine Liebe zur Wahrheit, hatte die Athener so in Rage versetzt, daß sie ihn in einer Justizfarce zum Tode verurteilten. Das Heilige relativiert alle geschichtlich geprägten und sozusagen gemischten “Religionen" und untergräbt den Allmachtsanspruch weltlicher Herrscher.

Nachdem sich so viele, ja praktisch die ganze Welt (mit Ausnahmen: vgl. Lk 9, 50), gegen das Christentum stellen und sogar Gegenkulte gründen, muß es wohl etwas damit auf sich haben. Die Trias “Israel - Jesus Christus - Kirche" (wie sich der amerikanische Konvertit Walker Percy ausdrückt) entzieht sich der Einordnung in die weltlichen Üblichkeiten und stellt in ihrer puren Existenz ein empörendes Ärgernis dar.

Manche sagen, das II. Vaticanum habe einen völligen Bruch der Lehre auf diesem Gebiet gebracht. Es habe die Tradition aufgegeben und Christus relativiert. Darauf muß man antworten: Das letzte Konzil hat nicht behauptet, die anderen “Religionen" wären ordentliche Heilswege. Der traditionelle Anspruch der Kirche, “Sakrament und Werkzeug des Heils" zu sein, bleibt aufrecht. Andererseits wollte das Konzil weder neue dogmatische Entscheidungen treffen noch die politische Wirklichkeit (etwa bezüglich der Christenverfolgung) ungeschminkt darstellen. Somit klingt manches anders als in den früheren Konzilien.

Viele sagen, die Absicht sei “pastoral" gewesen und das Konzil habe die Welt gleichsam “einladen" und daher die Gegensätze nicht thematisieren wollen. (Paulus ist am Areopag gegenüber den Athenern ähnlich vorgegangen. Er schluckt offenbar dort seinen Ärger über die unzähligen Götzenbilder in Athen hinunter und beginnt seine Rede mit einer zwar als ironisch erkennbaren Würdigung der äußerst zweifelhaften Religiosität der Athener, knüpft aber dann am Wahren der griechischen Geisteswelt an und kommt schließlich zur Verkündigung der eigentlichen Frohbotschaft, die aber von den meisten Zuhörern mit Spott bedacht wird: Apg 17,16ff.) Ob die Welt diese Einladung angenommen hat, kann jeder selbst beurteilen.

Aus heutiger Sicht, über 40 Jahre nach dem Konzil, können wir auch fragen, ob manches “in unserem Zeitalter" wirklich noch aktuell ist oder ob wir uns nicht völlig neuen Umständen stellen müssen. Nicht ohne Grund hat Kardinal Ratzinger im Dokument Dominus Iesus erklärt, daß man das II. Vaticanum nur auf dem Hintergrund der gesamten kirchlichen Lehre, auf dem Fundament der in der Tradition entfalteten Botschaft von Jesus Christus, richtig verstehen könne.

Der Kern dieser Botschaft ist, daß Gott sich tatsächlich in Jesus Christus verbindlich, endgültig und vollständig geoffenbart hat - und nirgendwo sonst. Das Alte Testament ist dessen Vorbereitung, der Koran dessen Leugnung, alles andere kann “Lichtstrahlen der Wahrheit" enthalten, ist aber als ganzes nicht wahr.

Um also auf die eingangs gestellten Fragen einzugehen: Die Berufung der Christen ist es heute mehr als je zuvor, unzweideutig an der Offenbarung Jesu Christi und an der gesamten Lehre der Kirche, die die “Säule der Wahrheit" ist (1 Tim 3,15), festzuhalten und sie den Menschen zu bringen. Nicht “Integration" widersprüchlicher Ideen sollen Christen betreiben, sondern “Unterscheidung der Geister" (1 Kor 12, 10), nicht Zusammenmischen sondern “Metallscheiden" (vgl. Jer 6, 29). “Respekt" soll Menschen entgegengebracht werden, aber nicht falschen Systemen.

Und schließlich sollen wir Zeugnis geben: für die Wahrheit, für die Freiheit, für die Liebe Gottes. Denn “die Wahrheit wird euch frei machen". Und darauf kommt es an.

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