VISION 20001/2010
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Gott ist gerecht UND barmherzig

Artikel drucken Was Menschen kaum begreifen können:

Viele Privatoffenbarungen werden herumgereicht, in denen von Bestrafung und Gericht die Rede ist. Steht das nicht im Gegensatz zur heute so sehr betonten Barmherzigkeit Gottes? Im folgenden einige Gedanken zu diesem scheinbaren Widerspruch.
Auf diese gar nicht so einfache Frage genügt es nicht, grob vereinfachende Antworten zu geben. Es gibt eine Art, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als Gegensätze darzustellen, die der biblischen Botschaft nicht gerecht wird. Die göttliche Gerechtigkeit ist nie unbarmherzig und die göttliche Barmherzigkeit nie ungerecht. Der Gott, der mich richtet, ist kein anderer als jener, der mich liebt und rettet. Umgekehrt werden wir alle im Licht Seiner Barmherzigkeit offenbar werden.
Caritas in veritate: Der Titel der dritten Enzyklika von Benedikt XVI. lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das unlösbare Band zwischen Liebe und Wahrheit. Eine Barmherzigkeit, die unfähig wäre, die Wahrheit zu sagen und zu tun, wird der Person ebenso wenig gerecht wie eine herzlose Gerechtigkeit. Um ein Anliegen zu betonen, lehnen wir nur allzu oft ein anderes ab, das damit unvereinbar zu sein scheint. Nur: Unvereinbarkeit ist nicht dasselbe wie Widerspruch. Mit unserem eingeschränkten Erfassungsvermögen fällt es uns schwer, alle Dimensionen der Realität ins Auge zu fassen. Und noch schwerer fällt es uns, die Tiefen Gottes zu ergründen (1Kor 2,10f).
Im Gegensatz dazu gibt es die umgekehrte Versuchung: Man wirft unterschiedliche, aber verwandte Gegebenheiten in einen Topf: etwa Strafe und Gericht. In der Bibel bezeichnen diese Begriffe Unterschiedliches. Wir alle befinden uns unter dem Gericht Gottes, werden von Ihm gerichtet werden. Bestraft wird jedoch nur der Böse. Den Begriff des Gerichts treffen wir sehr häufig im Neuen Testament an, jenen der Strafe hingegen viel seltener. Vor allem im Brief an die Hebräer wird den abtrünnigen Jüngern gedroht: „Meint ihr nicht, daß eine noch viel härtere Strafe der verdient, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?“ (10,29)
Schon im Alten aber noch viel mehr im Neuen Bund hat die Strafe einen erzieherischen Charakter: „Denn, wen der Herr liebt, den züchtigt er, er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat.. (…)Würdet ihr nicht gezüchtigt, wie es doch bisher allen ergangen ist, dann wäret ihr nicht wirklich seine Kinder, ihr wäret nicht wirklich seine Söhne. (…) Er aber tut es zu unserem Besten, damit wir Anteil an seiner Heiligkeit gewinnen.“ (Hebr 12, 6-10)
Hier auf Erden steht die Strafe immer in Beziehung zu einer Bedingung: Wenn ihr euch nicht ändert, wird auch das oder jenes passieren. In dieser Weise kommentiert Jesus auch den Einsturz des Turms von Schiloach: „Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ (Lk 13, 5)
Die sogenannten „Offenbarungen“, die eine unausweichliche Bestrafung vorhersagen, sind also fromme Lügen. Außerdem läßt eine nicht allzu naive Interpretation der Apokalypse erkennen, daß die Strafen nicht so sehr direkt von Gott gewirkte Bestrafung als vielmehr Selbstzerstörung der Menschheit sind, wenn die Liebe Gottes - bezeichnet durch das Feuer (den Geist) und das Blut (Christi) - verworfen wird.
Es gibt hingegen eine ewige Strafe, die wir Hölle nennen. Jesus bezeichnet sie als „Gehenna“, die Apokalypse als „Abgrund“. Im „Jüngsten Gericht“ wird unsere endgültige Entscheidung offenbar und besiegelt. Es ist die Stunde, „in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und herauskommen werden: Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, zum Gericht (Joh 5,28f). „Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25,46).
Muß man sich also vor dem Gericht Gottes fürchten? „Denn die Furcht rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet“ (1Joh 4,18). Das Gericht ist vielmehr eine gute Nachricht. Wir sollen es erhoffen und herbeisehnen, wie es uns Benedikt XVI. in seiner zweiten Enzyklika, Spe salvi - haben Sie diese gelesen? - ans Herz legt.
Lassen Sie mich zusammenfassen: Das Unrecht kann nicht das letzte Wort in der Geschichte haben. Auch trifft es nicht zu, daß alles mit einem letzten Federstrich aufgehoben wird. Es wird eben nicht alles den gleichen Wert aufweisen. Gott wird Gerechtigkeit herstellen, das Leid beseitigen, das Recht wiederherstellen. Die Vorstellung vom Gericht soll uns vor Sorg- und Gewissenlosigkeit bewahren. Sie soll uns nicht Angst machen, uns wohl aber unsere Verantwortung ins Bewußtsein rufen.
Haben wir also feste Hoffnung: Maranatha!

Alain Bandelier
Famille Chrétienne v. 28.11.09

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