VISION 20001/2011
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Im Dschungel von Prophezeiungen

Artikel drucken Die notwendige Vorsicht im Umgang mit Privatoffenbarungen (Urs Keusch)

Erscheinungen, Offenbarungen, mystische Erfahrungen haben Hochkonjunktur. Wie schwer ist es, das, was hilfreich ist, von dem zu unterscheiden, was Verwirrung stiftet und in die Irre führt. Im folgenden ein Versuch, in dieser Frage etwas Klarheit zu schaffen.
Viele, sehr viele Menschen heute glauben, daß sie glauben, verlassen sich aber nicht wirklich auf Gott, sondern machen sich unaufhörlich Sorgen über die Dinge, die Gott allein für uns tragen kann: die Angst vor der Zukunft, vor Terror, Krieg, Umweltkatastrophen, die Angst vor dem Altwerden und die Angst um unsere Kinder. Weil wir uns nicht wirklich auf den Herrn verlassen, unsere Hoffnung nicht wirklich in seine wunderbare Vorsehung hinein bauen: darum fürchten wir uns nach allen Seiten.
Und von da her kommt so viel Unruhe: die Sucht nach Zeichen, nach Wahrsagerei, Wundern, Prophezeiungen und Offenbarungen – und das weltweit. Wir möchten mehr wissen, als uns im Licht des Glaubens gezeigt wird und Gott uns im Gebet offenbart. Von da her kommt dann auch viel Verwirrung im Glauben, Parteiungen in der Kirche, Mangel an Weisheit und Liebe.
Wir werden immer wieder an den Kirchenlehrer der Mystik, Johannes vom Kreuz, erinnert, der einmal sagt: „Man muß überzeugt sein, daß alle Visionen, Offenbarungen und übernatürlichen Empfindungen und was man sonst noch Hohes denken kann, viel weniger wert hat als der geringste Akt der Demut“.
Vom Hl. Don Bosco wird erzählt, wie er in einer Vision sah, daß von allen Seiten Wasser in das Schiff der Kirche eingedrungen sei, um es zu versenken. Damit haben wir eine Vision, die sich erfüllt. Ein solches Wasser ist – nebst manchen andern - auch die falsche Mystik, die Pseudomystik, die heute als Botschaften, Offenbarungen, geschwätzige Ansprachen von Verstorbenen, Prophezeiungen per Internet sekundenschnell über den Globus verbreitet und von „katholischen“ Verlagen in Schriften und Büchern herausgegeben werden, ohne daß man diese einer kirchlichen Prüfung vorgelegt hat, ja bisweilen in offenem oder verkapptem Ungehorsam gegenüber der Kirche.
Unberücksichtigt bleiben die geistlichen Folgen, die das für viele unwissende Menschen hat. Ein Beispiel: das Werk Der Gottmensch von Maria Valtorta, das am 16.12.1959  vom Heiligen Offizium (heute Glaubenskongregation) auf den Römischen Index der verbotenen Bücher gesetzt wurde. Auf Anfrage hin hat Kardinal Joseph Ratzinger 1985, damals Präfekt der Glaubenskongregation, in einem Brief bestätigt, daß dieses Werk vom Heiligen Offizium ein „‘Schlecht romantisiertes Leben Jesu‘ genannt wurde...“
Ferner schreibt er, daß man dieses Werk „nicht leichtfertig verurteilt hatte, sondern nach gründlichen Überlegungen, um die Schäden zu neutralisieren, die jene Veröffentlichung gerade bei den einfachen Gläubigen hervorrufen kann“ und daß der Index der Kirche „trotz seiner Abschaffung [im Jahre 1966] seinen moralischen Wert behielt“ (Brief vom 31. Januar 1985 an Kardinal Giuseppe Siri, Erzbischof von Genua).  
Viele gutgläubige Menschen sind sich nicht bewußt, daß heute in dem ganzen Umfeld des sogenannten „Übernatürlichen“, wo jeder schreiben und publizieren kann, was er will, nicht geringe Gefahren für die Seele und den persönlichen Glauben bestehen, wie ich das als Priester an vielen Menschen beobachtet habe: Nicht wenige Menschen geraten in tiefe innere Krisen, wenn sie erleben müssen, wie alles anders kommt, als prophezeit wurde, oder sich herausstellt, daß die Dinge, an die sie einmal so geglaubt und auf die sie gehofft haben, nicht „von oben“ kamen. Immer wieder begegne ich Menschen, die mir gestehen, daß ihr unkirchlicher Glaube an Prophezeiungen und Offenbarungen ihnen seelisch schwer geschadet habe, manche haben sich von der Kirche ganz abgewandt.
Eine Frau mittleren Alters sagte mir neulich: „Solange ich an Botschaften und Prophezeiungen glaubte, war ich innerlich immer gedrückt, ja, depressiv, meine ganze Familie litt darunter. Ich konnte mich am Leben gar nicht mehr recht freuen, weil mir immer die Angst im Nacken saß.“ Kinder solcher Familien sagen mir: „Wir haben nichts als Angst gehabt vor kommenden Katastrophen und Finsternissen, vor Krieg und Hungersnot.“
Das für mich erschütterndste Beispiel ist ein alter frommer Mann, der sehr viel gebetet hat und dem ich über mehrere Jahre die heilige Kommunion nach Hause brachte. Er sagte mir noch kurz vor seinem Sterben: „Ich habe fast alles an Privatoffenbarungen und Botschaften gelesen und daran geglaubt, weil ich die Muttergottes nicht zurückweisen wollte. Ja, ich habe mich deswegen sogar mit unserem Pfarrer überworfen, weil ich meinte, er glaube gar nicht wirklich. Nun bin ich bald 90, und alles ist anders gekommen, als immer gesagt wurde. Wie habe ich doch gehofft, Gott greife ein und vernichte das Böse in der Welt und es komme ein Sieg und ein Friede, statt dessen ist in den letzten Jahren alles nur noch viel schlimmer gekommen... Glauben Sie mir, manchmal habe ich Zweifel, ob nicht alles, was ich sonst glaube, [er meinte damit seinen christlichen Glauben] auch eine Täuschung ist?“...
Es erzählen mir Menschen – und man liest davon überall in religiösen Zeitschriften und Büchern –, was sie an „Gnadenorten“ alles an Wunderbarem erlebt hätten: ein untrüglicher Beweis für die Echtheit eines „Gnadenortes“. Seher und Seherinnen hätten Voraussagen gemacht, die wirklich eingetroffen seien, sie hätten diese erlebt bei Ekstasen, beim Schweben über dem Boden, sie hätten ihre Wundmale fotografieren können, Zeichen von Blut seien sichtbar auf Taschentüchern erschienen, ihr Rosenkranz habe sich in Gold verwandelt, auf einer Fotografie sei Jesus erkennbar, die Sonne habe am Himmel getanzt …
Wenn das subjektiv auch alles so erlebt wurde und Ergriffenheit ausgelöst hat, so sollte man doch wissen, daß das alles keine Beweise für die Echtheit, die Göttlichkeit einer Erscheinung sein müssen. Die Kirche hat das immer gewußt, darum hat sie seit den apostolischen Anfängen bis heute immer zu größter Vorsicht solchen „mystischen Phänomenen“ gegenüber gewarnt, weil in diesem Bereich schon die unglaublichsten Verirrungen in der Kirche geschehen sind, die Menschen in große Glaubensnot gebracht haben.
Was wir heute weltweit erleben – das Überborden des Pseudomystischen - ist der Kirche nicht fremd. So schreibt August Poulain in seinem „Handbuch der Mystik“: „Im 12. Jahrhundert beklagt sich der hl. Bernhard, daß man bis zum Überdruß von Weissagungen über das Unglück der Kirche und das Ende der Welt höre... Gerson, der am Konzil von Konstanz teilnahm [1414-1418], wo das Schisma beigelegt wurde, sagt, daß die Zahl heiliger und abgetöteter Personen, die falsche Offenbarungen hätten, unglaublich groß sei... Am Anfang des 16. Jh. waren die politisch-religiösen Propheten in Italien zu einer wahren Plage geworden... Religiosen und Einsiedler erklärten die Apokalypse, weissagten von der Kanzel und auf öffentlichen Plätzen Aufruhr, Revolutionen und dann das Ende der Welt. Auf dem Laterankonzil 1516 mußte Leo X. durch eine Bulle das öffentliche Prophezeien der Prediger verbieten“ (Siehe auch das Beispiel im Kasten unten).
Wenn wir der Hl. Schrift und vielen Heiligen glauben wollen, wird die Verführung der Gläubigen in den Zeiten des Antichrists unvorstellbare Dimensionen annehmen. Wir erleben heute so etwas wie ihre Ouvertüre. „Denn in der letzten Zeit vor dem Ende wird es zahlreiche falsche Propheten geben und Leute, die den Glauben zerstören. Schafe werden sich in Wölfe verwandeln und Liebe in Haß. Wenn die Haltlosigkeit zunimmt, werden die Menschen einander hassen, verfolgen und ausliefern. Dann wird der Weltverführer erscheinen und sich als Sohn Gottes ausgeben. Er wird Zeichen und Wunder tun, er wird die Erde beherrschen und Schandtaten anrichten, wie es dies seit Bestehen der Welt nicht gegeben hat. Dann kommen die Menschen in die Feuerprobe der Bewährung. Viele werden vom Glauben abfallen und verlorengehen. Die, die geduldig in Treue aushalten, werden gerettet und nicht verflucht“ (Zwölfapostellehre).
Es ist die Liebe und Klugheit einer Mutter, die auf 2000 Jahre Erfahrung zurückschaut, wenn die Kirche all diesen Dingen (auch Marienerscheinungen) gegenüber zurückhaltend ist und sein muß und die Gläubigen zu Zurückhaltung und Gehorsam ermahnt. Leider findet die Kirche oft nur wenig Verständnis und Gehorsam – und so werden dem Bösen, der Verwirrung und der Respektlosigkeit Tür und Tor aufgestoßen.
Und doch geht es der Kirche immer nur um dieses eine: Daß das prophetische Charisma in der Kirche rein bewahrt bleibe und sich zum Segen für die Kirche auswirke, denn nur so können echte, vom Himmel gewirkte Gnadenorte (wie z.B. Lourdes und Fatima und der ganze Reichtum wahrer Mystik vieler Heiliger in der Kirche) vor dem Zweifel und der Herabsetzung geschützt werden.
Es ist kein Wunder, daß im Zuge vieler falscher Erscheinungen der letzten Jahre auch echte Gnadenorte in Frage gestellt wurden und Priester und Gläubige sich innerlich davon abgekehrt haben, vor allem dort, wo der Ungehorsam in Pfarreien und Gebetsgruppen Spaltpilze hat sprießen lassen. Dazu sagt schließlich der Hl. Franz von Sales:
„Alles ist gesichert im Gehorsam, alles ist verdächtig, was außerhalb des Gehorsams geschieht... Wer sagt, er habe Eingebungen, und sich weigert, den Vorgesetzten zu gehorchen und Ratschläge zu befolgen, der ist ein Betrüger. Alle Propheten und Prediger, die von Gott erleuchtet waren, haben immer die Kirche geliebt, immer ihrer Lehre angehangen... Daher sind die außergewöhnlichen Sendungen teuflische Illusionen und nicht himmlische Einsprechungen, wenn sie nicht von den Hirten, die die kirchliche Sendung haben, anerkannt und gutgeheißen sind, denn damit stimmen Moses und die Propheten überein“ (Abhandlung über die Gottesliebe, II. Teil).

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