VISION 20001/2011
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Nachlese

Artikel drucken (Helmut Hubeny)

Das Bild der anmutigen Musliminnen in Niger, die aus Dank für erhaltene Hilfe tanzend das Leben Jesu darstellen, hat mich in VISION 6/00 am meisten berührt. Auch die Antwort von Sr. Marie-Catherine auf die Frage, womit wir Europäer den Umgang mit den Muslims erleichtern würden: „Indem ihr aus dem Glauben lebt – und menschliche Umgangsformen pflegt.“ Der Beitrag der Islam-Expertin Christine Schirrmacher hat mich schließlich bewogen, an einer Demonstration für verfolgte Christen teilzunehmen.
Dort hat P. Leo Maasburg, Direktor der „Päpstlichen Missionswerke“ in seiner Predigt das Gerede über „christliche Werte“ mit dem Weihnachtsgansl ver?glichen, das wir in den Gefrierschrank legen, damit es bis zum Fest frisch bleibt. Das Gansl bleibt frisch, solange der Gefrierschrank funktioniert. Wird aber der Strom abgeschaltet, hält es sich nur drei Tage, dann beginnt es zu stinken, schließlich wird es giftig. So sei das auch mit den „christlichen Werten“, wenn der Strom des Glaubens an Christus „abgeschaltet“ würde.
In unserem Land leben etwa 500.000 Muslime, die meisten kamen aus der Türkei. Österreich hatte sie angeworben, eingeladen. Zunächst als „Gastarbeiter“, dann als Familien. Schließlich wurden viele eingebürgert. Heute haben über 50 % aller Volksschulkinder in Österreich „Migrationshintergrund“ (Spitzenwert in Wien: 78 %).
Der Islam kennt grundsätzlich keine Trennung von Religion und Politik, wie es nach christlichem Verständnis geboten ist („Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört“). Bei der Jahreskonferenz des „Instituts für Interkulturelle Islamforschung“ am 11. Dezember in Wien habe ich von den Vorträgen der österreichischen und arabischen Islam- und Rechtswissenschaftler mitgenommen, dass Schari’a, der „Weg“, das religiös legitimierte Gesetz des Islam, im unaufhebbaren Widerspruch zur europäischen Rechtssprechung steht. Da sich unsere „säkulare“ Gesellschaft angewöhnt hat, den Glauben an Gott als „Privatsache“, irrelevant, lächerlich, ja schädlich anzusehen, dürfte sie das Gespür verloren haben für die geistige Wirksamkeit des islamischen Gottesbildes.
Wer also „christliche Werte“ in unserem Rechtsstaat erhalten will, muß dafür sorgen, daß „das Gansl nicht stinkert wird.“ Daher: „Strom einschalten“, bevor wir total säkularisiert werden! Dann wird sich auch unsere Haltung im Zusammenleben mit den Muslimen ändern. Ich wehre mich allerdings gegen „Verteufelungen“ Andersgläubiger, weil eine solche Haltung immer schon zu Katastrophen geführt hat. Die Erklärung des II. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen ist mir Ermutigung und Richtlinie, mit den Muslimen ein neues „Klima“ des gegenseitigen Verstehens und der Achtung zu schaffen, um „gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“.
Ich komme zurück auf Sr. Marie-Catherines Empfehlung: Christen, lebt aus dem Glauben an Christus, damit eure „christlichen Werte“ frisch bleiben! Und: pflegt menschliche Umgangsformen mit euren muslimischen Landsleuten! So suche ich mit ihnen den „Dialog des Lebens“, liebevoll, selbstbewusst und ehrlich, will dabei aber nicht blind, blöd und blauäugig sein.

Helmut Hubeny

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