VISION 20001/2011
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Der Papst, die Kirche, die Zeichen der Zeit

Artikel drucken Das neue Papstbuch "Licht der Welt" (Benedikt XVI. und Peter Seewald)

Noch vor seinem Erscheinen hat es Schlagzeilen gemacht, das Interview-Buch Licht der Welt, Papst Benedikt XVI. im Gespräch mit Peter Seewald. Weltweit haben sich die Medien auf das gestürzt, was die Vatikan-Zeitung L’Osservatore Romano vorab (warum eigentlich?) zum Thema Kondome aus dem Buch zitiert hatte. Im ORF lautete die Meldung dann so: „Papst Benedikt XVI. ist nach Medienberichten nicht mehr grundsätzlich gegen den Gebrauch von Präservativen.“
Wer das Buch in die Hand bekommt – was ich jedem sehr empfehlen möchte – merkt dann, daß die Medien – zum wievielten Mal? – in Sachen Kirche oberflächlich bis falsch informieren. Bei kurzem Nachdenken hätte sich ja jeder ausrechnen können, daß der Papst nicht in einem Nebensatz die Lehre der Kirche aushebeln würde. Und ein Nebensatz war es, der da aufgeblasen worden war.
Aber lesen Sie, liebe Leser, selbst nach. Hier soll es ja nicht um Kondome gehen, sondern um die vielen wichtigen Aussagen, die Papst Benedikt auf Anfrage macht. Klar, präzise, verständlich und vor allem: hoffnungsträchtig. Aus Seewalds Fragen ist nämlich oft herauszulesen, wie ausweglos vielen heute die Situation erscheint. Ohne den Ernst der Lage zu relativieren, zeigt der Papst in seinen Antworten jedoch immer wieder Pfade der Hoffnung auf.
Klar, daß es sich dabei um Wege handelt, die wir an der Hand Gottes zu gehen hätten. Genau das gehört ja zum Realismus dieses Papstes: Er führt uns die Aktualität der Aussage Jesu aus dem Evangelium vor Augen: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5).
Ausführlich wird über ein zentrales Thema des Pontifikats, die Diktatur des Relativismus gesprochen, Fragen wie: Stand der Ökumene, Mißbrauchskandal, Liturgie, Neuevangelisierung, Neubesetzung von leitenden Stellen usw. werden behandelt. Manchmal staune ich, wie direkt Seewald den Papst fragt, wie einfach die Antworten kommen.
Besonders berührend die Passagen, in denen der Papst über seine persönlichen Gefühle spricht: bei der Papstwahl, den vielen Begegnungen, den Pannen und „Skandalen“. Ob er im Zuge der Mißbrauchsfälle an Rücktritt gedacht habe, fragt Seewald. Nein. Denn: „ Wenn die Gefahr groß ist, darf man nicht davonlaufen. (…) Gerade in so einem Augenblick muß man standhalten und die schwere Situation bestehen.“ Ob überhaupt für den Papst ein Rücktritt infrage komme? „Ja. Wenn ein Papst zur klaren Erkenntnis kommt, daß er physisch, psychisch und geistig den Auftrag seines Amtes nicht mehr bewältigen kann, dann hat er ein Recht und unter Umständen auch eine Pflicht, zurückzutreten.“
Daß man ihn zum Papst gewählt habe, sei für ihn ein Schock gewesen, zu tragen nur durch das Vertrauen darauf, „daß Er mich jetzt schon führen wird.“ Wichtig für den Pontifex auch die Konzentration auf die Sorge des jeweiligen Tages. Und vor allem: „Nicht im Aktivismus aufgehen!“ Der Papst müsse vieles anderen überlassen, „um den inneren Überblick, die innere Sammlung zu behalten, aus der dann die Sicht aufs Wesentliche kommen kann.“ Ein betender Papst also. Ja, wir können beruhigt sein. Das Schiff der Kirche ist in guten Händen. Wer sich davon überzeugen will, nehme das Buch zur Hand. Man kann es auch in kleinen Häppchen konsumieren. Ich habe es nur schwer aus der Hand legen können.


Christof Gaspari
Licht der Welt: Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit.
Von Benedikt XVI. und Peter Seewald. 256 Seiten. 19,95 Euro.

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