VISION 20005/2020
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Gott ist wirklich gegenwärtig – in unserem Alltag

Artikel drucken Was im Stress und in der Routine leicht übersehen wird: (Christof Gaspari)

„Öffnet die Tore für Christus!“ ist eigentlich die logische Fortsetzung dessen, was wir in den letzten beiden Ausgaben betrachtet haben: „Fürchtet euch nicht!“ und „Der Friede sei mit euch“. Wer nicht von Angst und Sorgen geplagt sein und im Frieden leben will, muss Gott im eigenen Leben Raum geben. Anders geht es eigentlich nicht.

Der Appell von Papst Johannes Paul II. bei seiner ersten Ansprache nach der Papstwahl drückt genau das aus: Wer von der Angst befreit sein will, muss die Tore für Christus aufreißen. Aber was heißt das? Wie macht man das?
Das sind naheliegende Fragen in einer Zeit, die sich in ihrer ganzen Ausrichtung und in ihrem Denken so weit von Gott entfernt hat und den Menschen pausenlos mit irdischen Aufgaben, Herausforderungen, Konsum- und Unterhaltungsangeboten sowie Sorgen in Atem hält. Da wird auch das religiöse Leben nur allzu leicht zum Programmpunkt, den man, so gut es eben geht, in einem ohnedies ausgefüllten Terminkalender unterzubringen versucht: morgens und abends kurze Gebetszeiten, ein Kreuzzeichen vor den Mahlzeiten, die Heilige Messe an Sonn- und Feiertagen muss mit Veranstaltungen – vor allem der Kinder – koordiniert werden… Und fortgesetzt lauert die Gefahr der Routine, gerade auch bei Menschen, die sich bemühen, in ihrem Glaubensleben voranzukommen. Ich weiß ein Lied davon zu singen.
Dazu kommen die fortgesetzten Angriffe auf unseren Glauben. Da steht der Christ meist als Außenseiter da, als einer, der sich für die Lehre der Kirche zu rechtfertigen hat, ja, von dem man eigentlich erwartet, dass er sich für diese längst überholten Ansichten entschuldigt. Ähnliches erlebt er in den Medien: Die Kirche steht am Pranger: Missbrauch, Sexualfeindlichkeit, Homophobie, Frauenunterdrückung… sind Lieblingsthemen.
Zu all dem kommt nun die Corona-Problematik hinzu. Sie schafft eine neue Frontlinie, an der sich die Geister scheiden. Neue Sorgen und Ängste sind in den Alltag vieler eingezogen: die Angst, sich anzustecken, den Arbeitsplatz zu verlieren, Sorgen wegen der Schule, der Kinderbetreuung… All das verunsichert, nimmt uns in Beschlag.
Und Christus, der Mensch gewordene Sohn des allmächtigen Vaters – wie viel Raum bleibt da noch für Ihn? Nämlich wirklich für Ihn, für eine echte Begegnung, eine Zeit ausreichender innerer Ruhe, um Ihn wahrzunehmen, Ihn wirken zu lassen, sich Ihm anzuvertrauen?
Die auf den Seiten 10-11 wiedergegebene Einladung zur Hingabe an Jesus Christus hat mich betroffen gemacht und die Frage aufgeworfen: Bist du wirklich offen für das Wirken Gottes? Irgendwie unterliege ich, wie viele andere auch, allzu leicht der Haltung, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und erst dann an den Herrn zu denken, um Ihn vor den eigenen Karren zu spannen: Bitte mach das, sorge dort, heile den… Ich gehöre zu jener Nachkriegsgeneration, die sich als „Macher“ verstanden und im Banne des Fortschritts von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft stand. Und da ist man leicht versucht, selbst zu wissen, wo es lang geht.
Und dann lese ich die Botschaft auf Seite 10, die Einladung Jesu, in der es heißt: „Sich mir hinzugeben, heißt: die Augen der Seele ruhig schließen und sich mir überlassen, damit ich allein euch ans andere Ufer trage wie schlafende Kinder auf den Armen der Mutter.“
Welcher Kontrast zur Macher-Mentalität! Wie geht man mit dieser Spannung um, das ist eine berechtigte Frage. Offen gestanden: Ich habe keine endgültige Antwort, aber eine Ahnung, wo ein Ansatzpunkt sein könnte. Wir geben doch vor, an die Allmacht Gottes zu glauben, der in der Geschichte, in unserer Geschichte, in unseren Tagen gegenwärtig ist und mit Macht handelt. Diese Überzeugung darf in unserem Alltag nicht zur blassen Theorie verkümmern, sondern sie muss mehr und mehr unser Denken und Tun konkret prägen.
„Herr, auf Dich vertraue ich, in Deine Hände lege ich mein Leben“ – wer regelmäßig das Nachtgebet der Kirche betet, spricht diese Worte täglich. „In Deine Hände lege ich mein Leben“: Das ist der Akt der Chris­tusnachfolge schlechthin. Oder nach den Worten, die uns Don Dolindo überbracht hat: „Oh Jesus, ich gebe mich dir hin, sorge Du!“ Wenn Papst Johannes Paul II. dazu aufruft, die Tore für Chris­tus aufzureißen, lädt er uns genau zu diesem Vertrauensakt ein.
Es geht darum, unser Leben aus einer erneuerten Sicht zu betrachten, die Gegenwart Gottes in unserem Alltag zu entdecken. Er kommt uns in unserer Geschichte, unseren Begegnungen, unseren Erlebnissen entgegen, wie P. Johannes Lechner (Seite 4-6) erklärt. Und das gilt auch für die Mühsale, die schweren Stunden unseres Lebens. Auch der Umstand, dass es rund um uns drunter und drüber geht, darf uns nicht an dieser Erkenntnis zweifeln lassen. Wie sollte es denn anders sein in einer Welt, die Gott systematisch aus dem Leben zu verbannen versucht?
Es macht eben einen Unterschied, ob jemand sein Leben aus der Hand Gottes entgegennimmt oder es mehr oder weniger in der Gottferne verbringt. „Wir wissen, dass Gott bei denen, die Ihn lieben, alles zum Guten führt,“ (Röm 8,28) versichert uns der Apostel Paulus. Das ist der Schlüssel: Alles, auch das, was uns als Last und Leid erscheint, führt der Herr zum Guten. Voraussetzung: Dass wir Ihn lieben, Ihm die Tore öffnen, immer wieder neu.
Man kann wohl stundenlang darüber debattieren, ob es wirklich Sinn macht, sich auf Gott einzulassen. Mit dem Verstand allein wird man die Frage kaum klären können, geht es doch um mehr als nur um Vernunft, es geht um einen Akt der Hingabe, der Liebe. Da hilft kein Grübeln, da ist eine Entscheidung notwendig. Man muss sich auf dieses Wagnis einlassen. Und zu einem solchen Wagnis kann uns das Zeugnis der Heiligen, vor allem aber auch der noch lebenden Zeugen für Chris­tus ermutigen.
Auf eines von letzteren will ich zum Schluss kurz hinweisen: auf auf das Leben von Josefine Stelzhammer, die wir seit mehr als 20 Jahren kennen und zutiefst bewundern (siehe auch Portrait Vision 5/98):
Denkbar schwierig ihr Start ins Leben. Trotz mehrerer Abtreibungsversuche ihrer Mutter, kommt sie – allerdings stark behindert zur Welt: Lähmungen an den Gliedmaßen, Missbildunen an den Füßen, Verwachsungen am Oberkörper. Sie wird nie gehen können. Aufoperungs- und liebevoll betreut wächst sie bei Pflegeltern heran. Mit 14 übersiedelt sie in ein Pflegeheim, das für ihr weiteres Leben ihr Zuhause bleiben wird. Sie ist ab der Körpermitte spastisch gelähmt und leidet an einem Sprachfehler.
Ab ihrer Erstkommunion wächst ihr Glaube. Ihre Vertrautheit mit dem Herrn schenkt ihr Kraft, ihre Möglichkeiten optimal zu nutzen. So wird sie zu einem Werkzeug seiner Güte.  Er lehrt sie  ihre Lebensumstände anzunehmen, gibt ihr die Energie, sich zu bilden, Sprachen zu lernen, einen theologischen Kurs zu absolvieren. Er beschenkt sie mit Gaben des Heiligen Geistes. Bald wird sie Anlaufstelle für Hilfsbedürftige und Ratsuchende, engagiert sich in der „Fraternität“, einer Gemeinschaft von und für kranke und behinderte Menschen, deren Leiterin sie Jahre hindurch war.
Wer ihr begegnet, lernt eine lebensfrohe, humorvolle Person kennen.
Was für ein Zeugnis dafür, dass Gott auch äußerst schwierige Lebenssituationen erhellen und mit Seinem Segen erfüllen kann, wenn Ihm die Tore geöffnet werden!


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