VISION 20003/2021
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Der Traum vom großen Neustart

Artikel drucken Was die Mächtigen derzeit bewegt: (Ettore Gotti Tedeschi)

„Reset“ ist zum gängigen Schlagwort geworden, seitdem die politische Elite und die wirtschaftlich Mächtigen der Welt zu einem angeblich notwendigen Neustart der Gesellschaftsordnung drängen. Im Folgenden eine kritische Betrachtung dieser Forderung.

Heute verstehen wir aufgrund der Beharrlichkeit, mit der uns dieser Ausdruck aufgezwungen wird: Reset bedeutet Zurücksetzen auf Null vergangener Fehler und Modelle, die als unzureichend angesehen werden, und somit Start neuer Modelle, ohne Berücksichtigung der Fehlerquellen der vorherigen Modelle. In diesem Sinne ist das zum Symbol eines Menschentyps geworden, der jedem Gesetz oder der natürlichen Ordnung überlegen ist. Auch weil es keine Gewissheit mehr darüber gibt, was „Natur“ und „natürlich“ ist...
Wir treten nun in das Zeitalter der kontinuierlichen und sich selbst erzeugenden Resets ein, die notwendig sind, um den unvermeidlichen Fehlern zu begegnen, deren Ursachen wir nicht erkennen und denen wir nicht entgegentreten wollen. Der Hang dazu, diese Ursachen zu verkennen, ist darauf zurückzuführen, dass viele von ihnen moralischen Ursprungs sind und sich gerade auf natürliche Gesetze oder Ordnungen beziehen. Der vorherrschende Relativismus will aber nichts von Moral hören. Er fragt, von welcher Moral die Rede sei.
Um einen Fehler zu korrigieren, sei es somit nicht notwendig, dessen Ursachen zu analysieren, es genüge ein zweckmäßiger Neustart. Dieser wird oft sogar von denjenigen vorgeschlagen, die dazu beigetragen haben, dass Korrekturen notwendig wurden, also mitschuld an den Fehlern der Vergangenheit sind. Doch ein Reset, der die Ursachen und Ursprünge des Problems außer Acht lässt, läuft Gefahr, neue Widersprüche und Konflikte zu schaffen. (…)
Wenn man die Ursachen von Problemen ignoriert, deren Folgen aber beeinflussen will, handelt man wie ein Wunderheiler und nicht wie ein Arzt, wie ein Wunderheiler, der Probleme nicht nur nicht löst, sondern sogar verschlimmert. Ich fürchte, dass die Mode der Resets noch lange anhalten wird, bis der zeitgenössische Mensch, der davon überzeugt ist, dass er ein Übermensch ist, die Weisheit wiederentdecken wird. Aber wer wird ihm helfen, sie wiederzuentdecken, wenn sogar die moralische Autorität den Eindruck erweckt, die Lehre „zurücksetzen“ zu wollen?
Der am meisten beunruhigende Reset ist derjenige, der die Schöpfung und den Menschen selbst neu erschaffen will, weil beide ursprünglich falsch konzipiert gewesen seien. Nietzsche schlug auch den großen Reset vor: Gott selbst „zurückzusetzen“, Ihn sterben zu lassen, um die Macht des Menschen frei zu setzen. Das Utopische an den Neustarts liegt darin, dass sie nicht nur meinen, Lösungen für Probleme unabhängig von deren Ursachen vorzuschlagen, sondern vielleicht sogar glauben, die Ursachen selbst neu festlegen zu können, wie etwa den Wert, der dem Leben oder den Geburten gegeben wird. (…)
Ich habe den Eindruck, dass der Mensch dieses Jahrhunderts, nachdem er nihilistisch seine Bezugspunkte verloren hat, sobald er nicht mehr weiß, was er tun soll, beschließt, wie ein Kind zu handeln, das ein Puzzle zusammensetzen will, das größer und schwieriger ist, als es dieses zusammenzusetzen vermag. Weil es das nicht schafft, wirft es alles in die Luft in der illusorischen Hoffnung, das Puzzle werde sich von selbst zusammensetzen. Dies geschieht jedoch nie.
Uns allen aber droht die Gefahr zu resignieren, was dazu führen kann, dass wir die Fähigkeit verlieren, rational zu reagieren. Wir sollten uns diesem Problem stellen, denn ich schließe keineswegs aus, dass jemand daran denkt, sogar die Genesis und die Offenbarung endgültig neu zu schreiben. Es gibt zwei recht lehrreiche Filme, an die ich mich erinnere, wenn ich an die Angst denke, alles neu zu machen. „Westworld“ (1973) und „Jurassic Park“ (1991) illustrieren beide die Rebellion der künstlichen Intelligenz und der Natur gegen das „menschliche Streben“ nach einem utopischen Reset der Schöpfung und des Geschöpfs.

Der Autor ist Professor für Finanzethik an der Università Cattolica del Sacro Cuore. Sein Beitrag ist ein Auszug aus seinem Artikel in Stilum Curiae vom 13.3.21
https://www.marcotosatti.com/2021/03/13/ettore-gotti-tedeschi-lepoca-dei-reset-anche-della-genesi

 

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