VISION 20003/2021
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Gott verabscheut das Übel

Artikel drucken Über den Umgang mit dem Leiden

Wie kann der allmächtige Gott so viel Leiden zulassen? Eine Frage, die viele gerade in dieser Corona-Zeit beschäftigt. Im Folgenden die Gedanken des Autors eines Buches, das sich mit diesem schwierigen Thema beschäftigt.

Wie stellt man es an, um mit Prüfungen zurechtzukommen?
P. Pierre Descouvemont: Man muss lernen, seine Zerbrechlichkeit anzunehmen. Der heilige Franz von Sales, dieses Vorbild der Heiligkeit, zitierte gerne diese Stelle bei Jesaja: „Wie ein Hirt führt Er Seine Herde zur Weide, Er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt Er auf dem Arm, die Mutterschafe führt Er behutsam.“ (Jes 40,11) Wenn Sie ein kräftiges Schaf sind, begleitet Sie der Herr. Sind Sie aber ein zerbrechliches Lamm, dann drückt Er sie an Sein Herz und trägt Sie auf der Schulter. Wir haben es nötig, getragen zu werden! Kinder können nicht allein marschieren. Bei seiner ersten Erscheinung vor Marguerite-Marie in Paray-le-Monial erlebte sie sich am Herzen Jesus ruhend und in Seinen Armen. Das Herz Jesu ist der Ort unserer Ruhe. Wir brauchen einen Zufluchtsort, wenn wir krank, wenn wir leidend sind: Es sind die Arme Jesu.

Warum lässt es der Herr zu, dass Seine geliebten Kinder durch großes Leid geprüft werden?
P. Descouvemont: Darauf gibt es keine Antwort. Jesus erklärt das Übel nicht. Der Skandal des Leidens ist die fundamentale Frage aller Philosophien und Religionen. Wir vertrauen uns dem Geheimnis der Vorsehung an: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater.“ Das vermittelt uns die Ikone vom Pantokrator: Jesus segnet die Welt mit der rechten Hand und in der linken hält Er das Universum. „Trotz allen Anscheins liegt die Welt in meinen Händen.“

Warum lässt Gott das Übel zu?
P. Descouvemont: Wenn Gott die Dinge so geschehen lässt, wie sie passieren, dann, um durch sie ein größeres Gut hervorzubringen. Man sollte im Weltkatechismus nachlesen, wo der heilige Thomas v. Aquin zitiert wird: „Gott lässt das Böse nur zu, um etwas Besseres daraus entspringen zu lassen.“ In meinem Buch erkläre ich, dass zulassen es nicht wirklich gut ausdrückt: Man kann leicht den Eindruck gewinnen, Gott stimme zu. Aber er paktiert nicht mit dem Bösen. Nein, Gott ist erzürnt über das Übel, Er verabscheut das Übel! Es ist nicht etwa nur ein geringeres Gut!

Ist es gut zu leiden?
P. Descouvemont: Nein, das Leiden selbst ist unfruchtbar. Es ist ein Übel! Das Lächeln, der Akt der Liebe, die Annahme, sie sind fruchtbar. Man darf sich über das Übel ärgern – selbst Heilige sagen: „Herr, da übertreibst Du aber schon etwas.“ Aber man sagt es auf nette Art, wie ein Kind: „Papa, ich leide.“ Der Heilige fühlt sich ganz klein im Angesicht der Prüfung, er gibt sich nicht neunmal klug, den anderen überlegen. Gott schenkt keine spirituellen Supervitamine, um Stärke zu verleihen.  Nein, man muss sich klein machen und sagen: „Jesus, trag mich durch.“

Darf man sich gegen Gott auflehnen?
P. Descouvemont: Der Gipfel der Heiligkeit liegt für Christen darin, ja zu Gott zu sagen. Unsere erste Reaktion ist zu schimpfen. Ein bisschen, ist schon recht. Wird es aber zu viel, wird es lästerlich. Wir sind alle versucht zu lästern. Die einzigen, die nicht gelästert haben, sind der Neue Adam und die Neue Eva, Jesus und Maria. Sie hat ihr Fiat gesprochen, Er : Ecce.

Im Angesicht großer Prüfungen haben Sie eine Methode vorgeschlagen, deren zwei Kürzel lauten: SOS-Rufe aussenden, SMS aussenden. Können Sie uns das erklären?
P. Descouvemont: Wenn ich schwer geprüft werde, flehe ich zum Herrn, mich da rauszuholen. „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Herr“: Man muss wirklich als Armer beten. Wie der Schiffbrüchige, der den Retter erwartet, wie der Kranke den Arzt. SOS also! Ein Bittgebet. Jesus selbst hat wie ein Armer gebetet. Man stelle sich Ihn im Garten Gethsemani vor: „Vater, ich kann nicht mehr… Ich mag nicht nach Kalvaria gehen… Hab Erbarmen mit mir, hilf mir, mich dennoch auf den Weg zu machen.“ Ist man so weit gekommen – es geht nicht von heute auf morgen – so spricht man: „Herr, ich bin Dir nicht böse, ich bemühe mich um ein stilles, winziges Lächeln (Das SMS!) hinter meiner trübseligen Maske.“ Das ist Heiligkeit. Die Heiligen rufen um Hilfe und bieten Gott ihr Möglichstes an: ihr Lächeln.

Und wann wäre das Lächeln anzubieten?
P. Descouvemont: Wenn der Priester das Brot und den Kelch erhebt, den Leib und das Blut Christi. Dann opfert er alle Lächeln, die die Gemeinde während der Woche zustande gebracht hat. Leider vergessen sie heute, dass sie etwas, ja sich selbst aufzuopfern haben. Sie kommen mit leeren Händen, um zu empfangen. Dabei ist Gott ein Liebender, der sich danach sehnt zu schenken, aber auch zu empfangen!

Das Interview hat Marie de Varax für Famille Chrétienne v. 6.3.21 geführt. Das Gespräch fand statt anlässlich der Veröffentlichung seines Buches: Venez à moi vous tous qui peinez sous le poids du fardeau. Von P. Pierre Descouvemont, Artège, 264 p., 17,90 €.


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