VISION 20003/2022
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Lernen, mit Jesus umzugehen wie mit guten Freunden

Artikel drucken Ostern: Aufbruch zu neuem Leben (Anna Binetta Diouf)

Sein ganzes Leben auf Gott ausrichten, erscheint vielen Katholiken eine Sache für „Spezialisten“ zu sein, etwas für Priester und Ordensleute. Wer Gott konkret in den Alltag einbezieht, gerät leicht  in den Geruch, ein Frömmler zu sein. Und dabei ist die Botschaft zu Ostern: Ein neues Leben beginnt jetzt, ein Leben an der Hand Gottes und auf Seinen Wegen.

 
Anna Binetta Diouf

 

Osterartikel um 50% reduziert, Abzug an der Kasse“. Gefühlt verschwinden die Ostersüßigkeiten Jahr für Jahr schneller aus den Regalen, und ich muss mich beeilen, nach der Fastenzeit noch welche zu bekommen. Geht es nach den Regeln der materialistischen Welt, ist das Fest vorbei, kaum dass es begonnen hat. Der Ausverkauf kann nicht schnell genug gehen. Dass der Wert von Ostern nur am Vermarktungspotential gemessen wird, ist nicht verwunderlich: Was sollte eine Gesellschaft feiern, die nicht an die Auferstehung glaubt?
Zu Weihnachten kann man den Festinhalt wenigstens noch übersetzen: Die Geburt eines Kindes als Anlass zur Freude, das ist einigermaßen vermittelbar als allgemein menschliche Regung. Auferstehung aber als universales Heilsgeschehen, als historisches Faktum und persönliche Erfahrung ist weithin unverständlich. Kein Wunder, dass Ostern in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein fris­tet. Beunruhigend ist, dass dies unter Christen häufig ganz ähnlich aussieht: Auch wir schaffen es kaum, den Glanz der Osternacht in unseren Herzen zu bewahren. Die Liturgie hält zwar hartnäckig an der österlichen Zeit fest. Dennoch hört man nicht selten Priester schon am Ostermontag, spätestens aber am Sonntag darauf, predigen, dass ja „eigentlich“ noch Ostern sei.
Warum nur „eigentlich“? Ja, wir leben unser Christentum viel zu oft nur „uneigentlich“: Der Kirchgang, ab und an etwas Gebet im Alltag, zumindest vor den Mahlzeiten, wir schätzen die karitative Dimension des christlichen Glaubens und pflegen das soziale Miteinander in der Pfarrgemeinde. All das ist gut und richtig, steht aber nicht auf solidem Grund, wenn Grundlage und Ziel dieser Glaubensvollzüge nicht die lebendige Beziehung zu Christus ist.
Als ich mich dazu entschloss, katholisch zu werden, hat es mich erstaunt, dass so viele Schätze an Glaubensformen, die die Kirche anbietet, brachliegen. Ich dachte, in einer Kirche, die Stundengebet, Anbetung, Lectio Divina und betrachtendes Gebet hervorgebracht hatte, müssten die Menschen doch unablässig diese unzähligen Gelegenheiten zur Christusbegegnung nutzen. Unter bekennenden evangelischen Christen hatte ich es als selbstverständlich erlebt, dass das gesamte Leben in all seinen Facetten als Ort der Gottsuche und der Gottesbeziehung aufgefasst wurde.
Immer wieder erlebe ich, dass Katholiken ein ganzheitliches geistliches Glaubensleben lieber an Klöster und Gemeinschaften „delegieren“. Sicher, eine Prise Glauben darf den Alltag erträglicher machen, aber das ganze Leben umformen? Lieber nicht, das könnte ja „frömmlerisch“ sein und auch ein bisschen peinlich.
Hier besteht ein kurioser Widerspruch zwischen Theologie und Praxis: Das Zweite Vatikanische Konzil formuliert mit seiner Rede von der Kirche als Gottesvolk eine Haltung, die dem katholischen Laien zutraut und abverlangt, in jedem noch so kleinen Aspekt seines Lebens nach Heiligung zu suchen. Klassische Formen der Heiligung werden aber als zu aufwendig abgewiesen; und die einfachen, gut integrierbaren und schlichten Formen, die ein geistliches Leben konkret einüben, sind als oberflächlich oder übertrieben verschrien: In der Orthodoxie etwa gibt es den Brauch, sich zu bekreuzigen, wenn man an einer Kirche vorbeiläuft – was gerade in orthodoxen Städten aufgrund der zahlreichen Sakralbauten einigermaßen sportlich werden kann. Aus südlichen Ländern kennen wir das Bekreuzigen im Alltag. Auch die Inanspruchnahme der Hilfe der Heiligen, wenn man etwas verloren hat, einen Parkplatz sucht oder gutes Wetter für eine Wallfahrt braucht, wird verächtlich gemacht.
Es lohnt sich, sich derartige fromme Gesten oder kurze Gebete anzueignen. Ich bin schon oft anders in meinem Alltag weitergegangen, wenn ich mir kurz vergegenwärtigt habe, dass in dem Gebäude, an dem ich gerade vorübereile, Christus im Tabernakel auf mich wartet, der mich liebt und liebend ansieht. Wenn ich, bevor ich mit dem Auto losfahre, erst einmal ein Gebet spreche, oder sobald ein Problem auftaucht, den Himmel einbeziehe in das, was zu tun ist, öffne ich mein Herz dafür, die Wunder wahrzunehmen, die Gott in meinem Leben wirkt. Dann lerne ich, mit Jesus und den Seinen umzugehen wie mit guten Freunden, sie zur eigenen Familie zu zählen. Das ist der Beginn eines österlichen Lebens.
Das Evangelium beschreibt nun einmal, dass das Himmelreich als Samenkorn bereits in uns eingesenkt ist. Christus wird nicht müde, zu betonen, dass es klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist. Ein dringend notwendiger Hinweis. Man könnte sonst ins Zweifeln kommen, weil sich das bombastische Geschehen der Auferstehung in unserem Leben nicht in ebenso singulären Großereignissen fortsetzt, sondern im kleinen, feinen, kaum hörbaren Wehen des Geistes.
Wenn wir uns fragen, wieso unser Glaube so blass ist, sollten wir prüfen, wann wir das Himmelreichpflänzchen in uns eigentlich das letzte Mal gegossen oder gehegt haben. Nehmen wir uns Zeit für die Begegnung mit Christus! Nicht umsonst drehen sich die Lesungen der Osterzeit vornehmlich um diesen Aspekt: Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen im Garten. Die Jünger begegnen Ihm im Abendmahlsaal, auf dem Weg nach Emmaus, am See Tiberias. Wo gibt sich Christus heute in meinem Leben zu erkennen? Wo will Er mir seinen österlichen Frieden und Seine Osterfreude schenken?
Diese Begriffe klingen oft wie Floskeln, die bereits am geringsten Widerstand im Alltag scheitern. Die frühen Christen aber haben sie als Wirklichkeit erlebt, weil ihnen bewusst war, dass ihr Leben im Kontext der Ewigkeit steht. Auch wir können dieses Bewusstsein ein­üben. Wir können verkünden und leben, dass Ewigkeit nicht nur eine jenseitige Qualität ist, die – vielleicht oder vielleicht auch nicht – nach dem Tod auf uns wartet: „Wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme vom lebendigen Wasser umsonst.“ Das ewige Leben ist da, es will im irdischen Dasein aufblühen. Ostern ist keine Rabatt­aktion, sondern das Heilshandeln Christi, der uns dieses Leben teuer erkauft hat. Nur mitnehmen, festhalten, uns zueigen machen müssen wir es uns selbst.

Die Autorin ist Opernsängerin und Mitarbeiterin von EWTN, dem weltweit größten religiösen Fernsehsender.


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