VISION 20005/2001
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"Bringt die Kinder vor den Herrn!"

Artikel drucken Die Kleinen haben eine besondere Sensibilität für Glaubenserfahrungen (Urs Keusch)

Es gehört zu den schönsten und ergreifendsten Erfahrungen eines Priesters, wenn er miterleben darf, wie ein Mensch, vielleicht nach 20, 30 Jahren, zum Glauben an Gott zurückfindet und zur Versöhnung mit der Kirche, die er verlassen hat.

Neulich erzählte mir eine Frau ihre Umkehrgeschichte. Es war nicht der plötzliche Einbruch der Gnade von oben in ihre Lebenskrise, sondern es war vor allem “das Werben der Gnade von innen". Was meine ich damit? Diese Frau hat von ihren religiösen Kindheitserlebnissen erzählt, vor allem von jenen, die sie zusammen mit ihrer gläubigen Mutter gemacht hat, die sie als Kind regelmäßig in den Gottesdienst mitgenommen und mit ihr als Kind gebetet hat.

Diese Erlebnisse haben sich in ihrer kindlichen Seele festgesetzt. Und in einer Phase tiefer Lebenskrise haben sie sich zurückgemeldet, so als wollten sie sagen: “Ich, dein Gott, bin dann auch noch da. Wir waren doch einmal Freunde. Mit mir warst du doch nie allein."

Ja, die religiösen Erlebnisse, die Menschen vor allem in der frühen Kindheit machen, setzen sich wie mit Widerhaken in der Seele fest und lassen sich nicht mehr abschütteln. Sie bilden gewissermaßen die “verborgene Gegenwart des Herrn" in der Seele des Erwachsenen.

Was diese Frau von sich erzählt hat, ist die Erfahrung ungezählter Menschen, denen ich bisher als Seelsorger begegnet bin. Ich denke, dieser kindlichen Phase in der Entwicklung wird heute, gerade im Blick auf die Neuevangelisierung, viel zu wenig Beachtung geschenkt. Es werden beachtliche Anstrengungen gemacht, die Erwachsenen für Christus zurückzugewinnen, aber die Kinder werden fast vergessen. Und doch läßt das Wort des Herrn keinen Zweifel zu: “Laßt die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran. Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes." (Mk 10,14, Mt 19,14; Lk 18,16)

Und: “Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Mk 10,15; Lk 18,17) Das ist Wort Gottes, Wort unseres Herrn Jesus Christus und nicht eines religiösen Romantikers aus dem 19. Jahrhundert. Niemand steht dem Geheimnis Gottes näher und niemand ist für dieses empfänglicher als das Kind. Das wurde gerade von den Dichtern immer wieder so empfunden. Viele von ihnen haben darum den Verlust des Kindseins mit dem Verlust des Paradieses gleichgesetzt.

Viele Erwachsene finden zurück zum Glauben an Gott, weil sich in ihrer frühen Kindheit tiefe, meist unbewußte religiöse Erlebnisse in der Seele eingeprägt haben, die sie im Elternhaus und im Gottesdienst gemacht haben. Sie werden von diesen Erfahrungen als einem Heimweh nach Gott zurückgerufen an den Punkt, wo sie Gott verlassen haben.

Die Psychologie weist seit Jahrzehnten darauf hin, daß die prägenden, die Grund-legenden Jahre für den späteren Menschen die ersten Jahre der Kindheit sind. Und das wird von so vielen christlichen Eltern nicht wahr-, nicht ernstgenommen, ja, es kommt ihnen kaum in den Sinn, daß diese ersten Jahre auch religiös für ihre Kinder die wichtigsten sein könnten.

Wie oft höre ich die Bemerkung: “Ach, Kinder verstehen sowieso nichts von dem, was da in der Kirche gefeiert wird. Sie langweilen sich ja bloß."

Was für eine verhängnisvolle, ja, teuflische Ausrede! Solche Eltern wissen gar nicht, was sie ihren Kindern vorenthalten, wenn sie sich von ihren primären christlichen Erziehungspflichten mit so billigen Ausreden dispensieren. Die Kinder brauchen ja (kognitiv, intellektuell) primär gar nicht viel zu verstehen. Es geht um das Erlebnis, das sich vor allem auf der emotionalen und unbewußten Ebene ereignet und durch die Taufgnade so wunderbar unterstützt wird.

Ich erinnere mich an meine eigene Vergangenheit, wo ich selbst viele Jahre Gott und der Kirche fernstand. Alle Argumente des Atheismus waren nicht imstande, jene Erfahrungen zu verwischen und zu widerlegen, die ich als Kind in den ersten Jahren gemacht hatte, wenn ich von den Eltern zum Gottesdienst mitgenommen wurde.

Ich verstand damals auch keine Predigt: Aber ich sah vor mir im Priester einen Mann Gottes. Ich verstand keine Liturgie: Aber ich sah, wie alle Leute andächtig niederknieten, wenn die Glöcklein die heilige Wandlung einläuteten. Ich verstand nicht, was die Menschen beteten: Aber ihr Gebet war für mich “wie das Rauschen vieler Wasser" (Offb 19,6). Und wenn sie Lieder sangen, da wußte ich: Diese Menschen haben Freude an ihrem Gott.

Und wenn mein Vater beim Spazierengehen jeweils aus Reverenz den Hut zog und nickte, wenn wir an einem Wegkreuz vorbeikamen oder bei einem Heiligenbild: dann ist mir das tiefer gegangen als der gesamte Katechismusunterricht an der Schule zusammengenommen.

Wir dürfen bei unserem Bemühen um die Verchristlichung der Gesellschaft die Kinder nicht vergessen, vor allem nicht die kleinen Kinder. Ich habe darum als Priester den Eltern immer wieder gesagt und werde nicht müde, es zu wiederholen:

* Nehmen Sie ihre Kinder mit in den Gemeindegottesdienst, noch bevor sie geboren sind. Wir wissen heute, daß das Gehör des ungeborenen Kindes schon in der 20. Woche voll ausgebildet ist. Es hört nicht nur das Herzklopfen seiner Mutter. Das Kind nimmt auch teil an dem, was im Leben von Vater und Mutter geschieht, wenn sie zusammen beten und singen. Das Kind nimmt die Schwingung im Gottesdienst auf, in den unterbewußten Bereich, von wo aus das ganze Leben inspiriert und getragen wird.

* Ich habe junge Eltern immer wieder ermutigt, auch die Säuglinge im Kinderwagen oder im Huckepack mit in den Gottesdienst zu nehmen, die Kinder bei jeder Gelegenheit in den Gottesdienst mitzubringen. Denn hier geschieht Weckung des religiösen Gefühls. Hier senkt sich “der Tau in der Frühe" (Ps 110) auf die kindliche Seele. Hier wird die Taufgnade an das Sonnenlicht der Liebe Gottes gestellt. Und hier machen die Eltern wahr, was sie am Traualtar versprochen haben, nämlich “die Kinder im Geiste Christi und Seiner Kirche zu erziehen."

“Lasset die Kinder zu mir kommen!" Ja, lasset sie kommen, wenn der Herr mit der Liebe Seiner Hingabe inmitten der Gottesdienstgemeinde gegenwärtig ist, um alle zu umarmen und zu segnen, vor allem die Kinder. Und vergessen Sie nie, liebe Eltern: Ihre Kinder gehören vor allem Ihm, unserem Herrn!

Auch Priester können dieser Seite der Neuevangelisierung nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Sie können die Eltern nicht genug ermutigen, ihre Kinder in den Gemeindegottesdienst mitzubringen. (Ich kann jene Bestrebungen nicht unterstützen, die Kinder aus dem Gemeindegottesdienst und von ihren Eltern nehmen, um in getrennten Räumen mit ihnen Gottesdienst zu feiern.)

Nichts ist für die Bildung des frühkindlichen religiösen Gefühls so grundlegend und prägend wie das religiöse Erlebnis, das Kinder zusammen mit ihren glaubenden Eltern machen.

Montessori hat seinerzeit auch auf die segensreiche pädagogische Seite der katholischen Liturgie hingewiesen: auf die eindrücklichen sinnlichen Zeichen und Rituale, für die Kinder so offen sind; auf das Erlebnis von Gemeinschaft; auf das Element des Schweigens, der Andacht, der Ehrfurcht und vor allem des religiösen Staunens.

Jeder Priester weiß, wo er Kinder miteinbeziehen kann, ohne daß er die Würde der Liturgie herabmindert oder das heilige Geschehen zu einer Kinderstunde entartet. Er kann nicht genug mit den jungen Eltern im Gespräch bleiben und nach Wegen suchen, wie eine solche Integration der Kinder im Gottesdienst gelingen kann.

Das setzt oft viel Gespräch, viel gegenseitiges Bemühen, Geduld und einen langen Atem voraus. Aber es lohnt sich. Und auch die Eltern sollen sich gegenseitig darin unterstützen und sich durch anfängliche Schwierigkeiten nicht entmutigen lassen.

Jemand hat gesagt: “Kinder sind nicht unser Eigentum. Sie sind Gäste, die bei uns einkehren, um nach dem Weg zu fragen." Das sollten sich Eltern immer vor Augen halten. Und darum werden sich christliche Eltern nicht von der Aufgabe dispensieren können, ihren Kindern so früh wie möglich diesen Weg zu zeigen, indem sie ihn selbst gehen: die Kinder an der Hand nehmen und mit ihnen den Weg des Glaubens gehen, wie er uns von der Kirche vorgegeben ist. Die Kinder werden es den Eltern ewig danken.

Und wenn sich solche Kinder auch einmal von diesem Weg abwenden: In ihrem Innern gibt es eine Erinnerung, ein Heimweh, das sie zurückrufen wird. Es ist die Erinnerung an ihre (früh-) kindlichen religiösen Erlebnisse. Es ist das Heimweh nach der verborgenen Liebe Gottes in ihren Herzen, auf die hin wir geschaffen sind.

Eltern und Priester, die an den Erfahrungen des Autors mit Kindern im Gottesdienst und an praktischen Hinweisen interessiert sind, können sich an Pfarrer Keusch wenden: Feldheimstr. 21, CH-6260 Reiden.

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