VISION 20002/2002
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Gott legt uns das Gebet ins Herz

Artikel drucken Beten: ein tief verankerter Instinkt

Weltweit beten Menschen, die sich zu den unterschiedlichsten Religionen bekennen. Wie sind solche Gebete aus christlicher Sicht zu beurteilen? Und: Was ist das Besondere am Gebet der Christen?

Beten ist eine Form, in der sich der menschliche Geist weltweit artikuliert - oder sagen wir besser: die Seele des Menschen. Man begegnet dem Gebet überall, nicht nur in Tempeln und Kirchen. Es drückt sich in einer Vielzahl ritueller Formen aus, es kann sich aber auch außerhalb jeglichen Rituals äußern.

Ein Mensch, der leidet und der “Gott, hilf mir!", sagt; ein Mensch, der beim Anblick einer Landschaft hingerissen ausruft: “Mein Gott, ist das schön!"; ein Mensch, der sich auf eine schwierige Aufgabe einläßt und sagt: “O Gott, steh mir bei!" - diese und viele andere Situationen weisen auf einen tief im menschlichen Herzen verankerten Instinkt hin, wenn er sich für diesen geheimnisvollen Anderen (diesen Gast?) öffnet.

Wir haben es da mit einer gemeinsamen Basis der Menschheit zu tun. Das erklärt, warum wir - ohne deswegen unseren eigenen Glauben zu verleugnen - vom Gebet der anderen berührt sein können, jedenfalls von den schönsten und reinsten dieser Gebete. Ich denke etwa an die Psalmen des Pilgers von Toukârâm, eines indischen Mystikers des 17. Jahrhunderts, aber auch an die herzliche Frömmigkeit der Sufis. Ich denke an spirituelle Muslime wie El Hallaj, der vom offiziellen Islam nicht gern gesehen ist, oder an die Mischung aus Freude und Schmerz, die sich im chassidischen Judentum Osteuropas ausdrückt.

Das persönliche Gebet kann sich durchaus vom einen oder anderen solcher Texte inspirieren lassen, warum nicht? - vorausgesetzt allerdings, daß man dieses Gebet ausdrücklich in einer christlichen und trinitarischen Perspektive verrichtet. Tut man das nicht, so besteht die große Gefahr, einer stumpfen Nachahmung zu verfallen: Man bastelt sich eine Privatreligion aus beliebig zusammengetragenen Bausteinen. Oder man verfällt der Irenik: Man begnügt sich anstelle des schwierigen Dialogs der Religionen mit deren kleinstem gemeinsamem Nenner, einer Mischung aus einem blassen Deismus und religiöser Gefühlsduselei.

Wenn Johannes Paul II. Menschen aus allen Himmelsrichtungen nach Assisi einlädt, so achtet er darauf, daß dies im gegenseitigen Respekt geschieht und nicht im Durcheinander. Es besteht ein deutlicher Unterschied, ob man einander begegnet oder sich bunt mischt.

Daher ist es unpassend, ja sogar ein Skandal, wenn man nicht christliche Gebete in das gemeinsame Beten der Christen einbaut, insbesondere in die Liturgie. Und dennoch geschieht dies, vor allem bei Taufen und Eheschließungen, wenn man die Leute einlädt, sich zu artikulieren - statt daß man Gott durch den Mund Seiner Propheten und der Apostel Seines Sohnes zu Wort kommen läßt...

Worin besteht nun das Besondere des christlichen Gebets? Daß es das Gebet Christi selbst ist. Als er Jesus beten sah, war es nämlich ein Jünger, der Ihn eines Tages bat: “Lehre uns beten." Und dann stellte Jesus nicht etwa ein Gebet zusammen, das wir später aufsagen sollten. Er legt uns Sein eigenes Gebet in den Mund und der Heilige Geist legt es uns ins Herz: Sein grenzenloses Vertrauen, Seine von Liebe erfüllte Anbetung, Seine inständige Bitte, Seinen nie endenden Lobpreis. In einem Wort diesen typischen Ruf: “Abba!"

Der heilige Paulus spricht es aus: “Wir wissen nicht, wie wir beten sollen." Der heilige Lukas gibt dafür den Grund an: “Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will." (Lk 10,22)

Der Mensch kann sich nach Gott ausstrecken, er kann Ihn suchen. Aber welchen Zugriff könnte er auf Gott haben, welche Verbindung mit dem unfaßbaren Geheimnis herstellen, was kann er stammeln im Angesicht des Unaussprechlichen, wenn Gott selbst nicht kommt und ihn anrührt? Gott allein kann Gott aussagen. Unser Gebet wird stets nur Antwort sein, denn in Jesus Christus ist es Gott, der den Menschen “bitten" kommt.

Daher finden wir in der Bergpredigt eine zweifache Warnung. Die erste: “Macht es nicht wie die Heuchler" (Mt 6,5) - es ist die pharisäerhafte Karikatur des betenden Menschen. Hier findet eine Umkehrung des Gebets statt: Der Mensch stellt sich selbst ins Zentrum, und dabei ist es doch das Wesen der Anbetung, daß man aus sich heraustritt.

Die zweite: “nicht plappern wie die Heiden" (Mt 6,7) - das ist die heidnische Karikatur Gottes. Hier wird das Gebet pervertiert: als müßte man die Aufmerksamkeit oder die Gnade Gottes mit bestimmten Formeln oder Opfern herabzwingen. Dabei ist es der Kern des göttlichen Geheimnisses, daß Gott umsonst gibt. Und dies ist auch das Zentrum unserer Frömmigkeit - wenn sie christlich ist.

Alain Bandelier

Aus “Famille Chrétienne", Sonderheft über das Gebet

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