VISION 20002/2002
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Allah ist nicht der Vater Jesu Christi

Artikel drucken Bei aller Bemühung um Verständigung dürfen die Glaubensunterschiede nicht unter den Tisch fallen (Von P. Josef A. Herget CM)

Christentum und Islam seien in ihrem Gottesverständnis äußerst ähnlich, hört man oft. Nur eine sehr oberflächliche Kenntnis des Islams und der Botschaft Christi könnten zu einer solchen Fehleinschätzung führen, meint der Autor des folgenden Beitrags.

Im Hinblick auf die beiden Religionen Christentum und Islam wird häufig sehr oberflächlich die Meinung vertreten, daß die beiden Religionen einander sehr ähnlich seien und sich nur in unwesentlichen Details unterscheiden. Denn beide Religionen seien von ihrem Selbstverständnis her monotheistisch, und Gott scheint in beiden Religionen identisch zu sein, beide kennen Jesus, beide basieren auf einem heiligen Buch und kennen eine ausführliche religiös motivierte Ethik.

Warum also christliche Verkündigung unter Muslimen, wenn der Unterschied lediglich in der Art und Weise der Anbetung Gottes besteht?

Das ist der große Irrtum!

Die Wahrheit ist eine andere: Die zwei Religionen, Christentum und Islam sind grundverschieden. Natürlich freut es uns Christen, daß Muslime den Götzendienst ablehnen und wie wir nur an einen Gott glauben. Wir respektieren die aufrichtige Hingabe und Frömigkeit vieler Muslime. Aber daraus folgt nicht, daß der islamische Glaube mit dem christlichen gleichzusetzen ist. Im Gegenteil!

In der Vergangenheit glitt allerdings die Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen viel zu oft in die apologetische und polemische Sphäre ab. Durch gegenseitigen Haß und Verachtung, oftmals in blutigen Auseinandersetzungen, im korrupten Ausnützen der eigenen Macht und Position wurden jahrhundertelang viele zersetzende Vorurteile genährt. Und diese Geschehnisse wirken leider lange nach.

In der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen stellt das II. Vatikanische Konzil fest: “Da es jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen."

Das Konzil fordert also Christen und Muslime auf, eine neue Atmosphäre, ein neues Klima des gegenseitigen Verstehens zu schaffen. Es gilt eine neue Haltung zu entwickeln, hartnäckige Vorurteile abzubauen und die gegenseitige Achtung und Hochschätzung zu fördern. Achtung vor dem anderen und seiner Gedankenwelt ist eine grundlegende Voraussetzung für jedes echte Gespräch, für jedes Bemühen um gegenseitiges Verstehen.

Andererseits darf nicht übersehen werden, daß Begegnung und Gespräch, Achtung und Verständnis nicht Verzicht auf die eigene Glaubensüberzeugung und eine schrankenlose Bejahung der anderen Glaubensweise bedeuten können. Bereitschaft zum Verstehen kann nicht heißen, daß alle Verschiedenheit als unwesentlich erklärt, alle Unterschiede verharmlost und alle Besonderheiten als zu überwindende Eigenbrötelei betrachtet werden.

Toleranz - um dieses viel gebrauchte und noch mehr mißbrauchte Wort zu verwenden - kann nicht darin bestehen, daß die bei jedem religiösen Gespräch unvermeidliche Frage nach der Wahrheit, das heißt der absoluten Wahrheit, relativiert, umgangen, verschwiegen wird.

Im Gegenteil! Wo wahrhaft gegenseitige Achtung herrscht, dürfen und können auch die tiefsten Differenzen in vollem Ernst ins Licht gestellt werden: Denn erst wo man über alle vordergründigen und nebensächlichen Verschiedenheiten bis zu den letzten Wesensunterschieden vorgedrungen ist, ist eine Begegnung zwischen zwei Partnern, so wie sie wirklich sind, möglich. Ja, es ist geradezu ein Ausdruck dieser tiefsten Achtung voreinander, wenn der andere in seiner letzten Andersartigkeit ernst genommen wird.

Das gegenseitige Verstehen soll dazu führen - so formuliert das Konzil - “gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen."

Damit ist natürlich nicht gesagt, daß dieses Bemühen um gegenseitiges Verstehen und der Einsatz für allgemein menschliche Werte, Ersatz für die zu Bekehrung drängende Verkündigung des Evangeliums sind. Weiters dürfen wir nicht vergessen, daß sowohl das Christentum wie der Islam sich als Offenbarungsreligionen verstehen und von daher mit Notwendigkeit sich unserem Gespräch Grenzen zeigen. Aber im Rahmen dieser Grenzen müssen wir alles tun, um die Situation zu verbessern und gegenseitige Vorurteile abzubauen.

“Christentum und Islam wollen nicht nur Ausdruck zufälliger privater Glaubensansichten oder -überzeugungen sein, sondern wissen sich von Gott mit der für alle Menschen bestimmten Wahrheit beauftragt. Darum sind beide missionierende Religionen. Religion kann man wählen, Offenbarung aber nicht; sie ist entweder Offenbarung oder sie ist es nicht. Beide Bekenntnisse wollen Heilsbotschaft sein, das heißt Aufforderung und Einladung, Befehl und Angebot Gottes an die Menschen. Ihnen zu glauben oder sie abzulehnen bedeutet nicht nur Annahme oder Ablehnung einer religiösen Meinung, sondern Gehorsam oder Ungehorsam gegen Gottes Wort und Wille." (Kellerhals E., Die Glaubenswelt der Moslems, 1961)

Dieser radikale Absolutheitsanspruch der beiden Religionen kann mit dem Hinweis nicht gemildert werden, daß es besondere Bande gäbe, die Christen und Muslime als Diener des einen und wahren Gottes verbänden. Denn der islamische Monotheismus stellt sich nicht nur dem heidnischen Polytheismus entgegen, sondern auch dem christlichen Dreieinigkeitsglauben und bekämpft beide als falschen Glauben, als Aberglauben und damit als Ungehorsam gegen Gottes Willen.

In einem fast krankhaften Bemühen, die Gemeinsamkeiten der monotheistischen Religionen zu betonen, spricht man heute sehr gerne von den drei Abrahamitischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Damit wird man weder dem Islam noch den anderen Glaubensgemeinschaften gerecht.

Wer Christentum und Bibel einerseits und Islam und Koran andererseits nur oberflächlich kennt, wird vielleicht den Eindruck großer Ähnlichkeit haben und nicht merken, daß es sich hier in Wirklichkeit um ein total verschiedenes Gottes- und Menschenbild handelt.

Der Kernpunkt des islamischen Glaubensbekenntnisses ist der Satz: “Es gibt keinen Gott, außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet."

Die erste Hälfte dieses Bekenntnisses: “Es gibt keinen Gott, außer Allah", darf nicht ohne die zweite Hälfte verstanden werden: “... und Mohammed ist sein Prophet." Denn dadurch erst wird der islamische Monotheismus präzisiert, konkretisiert, historisch und inhaltlich fixiert.

Nur der von Mohammed verkündete Monotheismus ist Islam. Das Herzstück des islamischen Glaubens bildet eben diese Einheit: Glauben an Gottes Einzigkeit und Glauben an die von Mohammed empfangene Offenbarung. Wie sehr die beiden Sätze eine Einheit bilden, wird einsichtig, wenn man bedenkt, daß Mohammed für die Muslime nicht Heiland oder Mittler zwischen Gott und Mensch ist, auch nicht der Verfasser oder inspirierte Schreiber des Koran, sondern lediglich - und darin besteht seine Würde - Empfänger und Verkündiger der ihm wörtlich (diktierten) eingegebenen Offenbarung.

Damit ist seine Person wesentlich mit der Offenbarung verbunden, und daher ist dem gläubigen Muslim nur die von Mohammed verkündete Botschaft Gottes Botschaft.

Auch das christliche Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an den einen Gott. Aber schon hier zeigt sich der grundlegende Unterschied: Denn der christliche Gottesglaube hat einen ganz anderen Inhalt: Gott wird nicht nur “Gott", “allmächtig", “Schöpfer", genannt, sondern “Vater".

Dieses Kind-Vater-Verhältnis, das für den Christen zum Wesen seines Glaubens gehört, ist für den Muslim undenkbar, ja geradezu eine Gotteslästerung, denn er sieht das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ausschließlich im Verhältnis Schöpfer und Geschöpf, wie zwischen Herrn und Sklaven.

Das christliche Glaubensbekenntnis enthält wie das islamische auch bestimmte Aussagen über den Heilsträger: Während der Islam nur bekennt, daß Mohammed der Offenbarungsempfänger und -verkündiger sei, ist für die christliche Kirche Jesus nicht nur Träger der Offenbarung, sondern selber die Offenbarung. Er ist nicht nur Vermittler des Glaubens, sondern Gegenstand des Glaubens. Er ist nicht nur Prophet, sondern “Herr". Er trägt genau denselben Namen, den der Jude ausschließlich Gott gibt: Gott. Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott.

Jesus steht anders zum Menschen als Mohammed, und Jesus steht anders zu Gott als Mohammed. Dementsprechend ist auch das Verhältnis des Christen zu Christus ein anderes als das des Moslem zu Mohammed: Der Christ glaubt an Christus, der Moslem glaubt dem, was ihm Mohammed als Offenbarung Gottes verkündet.

Der Christ sieht Christus immer zusammen mit Gott und weiß von keiner Spaltung zwischen dem Vater und dem Sohn. Der Muslim sieht zwischen Allah und Mohammed den größten Abstand, den man sich vorstellen kann, nämlich denjenigen zwischen dem Herrn und dem Sklaven, dem Heiligen und dem Sünder, dem Schöpfer und dem Geschöpf, zwischen Gott und Mensch. Im Islam ist die Geschichte Mohammeds wesentlich mit der islamischen Botschaft verbunden, und deshalb sind die Worte und Taten Mohammeds für den Muslim autoritativ und wegweisend.

Für den Christen aber ist die Geschichte Jesu Christi viel mehr. Sie ist die Geschichte und das Ereignis der Erlösung selbst. In Jesus von Nazaret hat Gott selbst in die Geschichte eingegriffen, hat er sein heiliges, dreieiniges Wesen geoffenbart. Deshalb ist nicht nur das Wort Jesu Inhalt der christlichen Heilsbotschaft, sondern vor allem Sein Werk, Sein Leiden und Sterben, durch das ein für allemal Versöhnung und Frieden zwischen Gott und den Menschen geschaffen wurde.

Zwischen der zentralen Stellung, die Jesus Christus, dem menschgewordenen Gott, im Christentum zukommt, und der nur zweitrangigen Rolle Mohammeds im Islam gibt es also keine Ähnlichkeit. Hier eine Analogie aufzeigen zu wollen, wäre der schwerste Irrtum, dessen man sich sowohl dem Christentum als auch dem Islam gegenüber schuldig machen könnte.

Auch für den dritten Teil des Glaubensbekenntnisses gibt es im Islam keine Entsprechung, denn alles, was darin und im Neuen Testament vom Heiligen Geist bekannt wird, ist für den Islam undenkbar.

Der Islam ist sicherlich Gemeinschaft, aber nicht Kirche. Er kennt keine Sakramente, darum auch keinen Priesterstand und keine kirchliche Hierarchie, und er weiß nichts von einer direkten Leitung der Gemeinschaft und des einzelnen Gläubigen durch den Geist Gottes. Es gibt nur das “Volk der Gläubigen", das durch das Buch und die Auslegung der Schriftgelehrten geleitet wird und dessen Glaube im blinden Gehorsamsakt, in Hingabe und Unterwerfung (Islam) an die schicksalhaft wirkende göttliche Macht besteht.

Auch der Christ ist an das Wort der Offenbarung gebunden und nicht einer bloßen religiösen Subjektivität ausgeliefert, aber er bekennt, daß der Glaube ein Angebot und Geschenk Gottes ist und durch die Einwirkung des Heiligen Geistes im Menschen entsteht, daß dieser Geist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche, im wahren Glauben erhält und sie führt und in ihr das Heil des Menschen wirkt.

Im Gespräch mit muslimischen Freunden sollen wir wahr und sachlich sein und uns hüten, Gegensätze aufzuweichen oder ihnen - aus falscher Rücksichtnahme - das Zeugnis von Gott, dem Dreieinigen, und von Jesus Christus, dem Erlöser von Schuld und Sünde, zu unterschlagen.

Erst das Zeugnis des christlichen Lebens vermag den zutiefst mißtrauischen, mit Vorurteilen belasteten Muslim für ein echtes Gespräch zu öffnen. Dazu gehören Geduld und Gebet. Die Frage, die dann aufbricht, ist die nach Jesus: “Wer ist Er?" “Warum betest du Ihn an?" Das ist die Zentralfrage, um die es in jedem Gespräch mit suchenden Muslimen geht.

In der Begegnung von Christen mit Muslimen kommt es darauf an, daß Muslime am christlichen Partner spüren, daß dieser in seinem Denken, Tun und Reden von Jesus Christus bestimmt ist und daß er dessen Weg in Wahrheit geht.

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