VISION 20001/2005
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Er ist da!

Artikel drucken Über die Gegenwart Christi in der Heiligen Eucharistie (Von Kardinal Christoph Schönborn)

Was feiert die Kirche, wenn sie Eucharistie feiert? Wie ist das mit der Gegenwart Christi in den Gestalten von Brot und Wein? Im Zeitalter mancher ökumenischer Verwirrung eine wichtige Klarstellung durch den Wiener Erzbischof.

Ich möchte mit einer Erinnerung an den Pfarrer von Ars beginnen, der ein großer Verehrer der eucharistischen Gegenwart war. Bei seinen Katechesen hat er sich immer wieder umgedreht oder zum Tabernakel hingewandt. Er sagte einfach: “Il est là!" - “Er ist da!" Der Glaube weiß, was das heißt, auch wenn es der Vernunft unbegreiflich ist. Der Glaube erfaßt es.

Ich möchte noch ein Zeugnis nennen. Die inzwischen verstorbene Benediktinerin Mirjam Prager, jüdischer Herkunft, erzählt es in ihrer Lebensgeschichte (Das Buch meines Lebens, Graz 1981): Sie war junge Lehrerin bei Maria Montessori, der berühmten Pädagogin. Sie war ungläubig, in einem säkularisierten jüdischen Ambiente aufgewachsen und kommt in die Kapelle der Schwestern dort. Sie weiß nicht, was da stattfindet, sieht nur, es ist irgendeine Art Gottesdienst. Und plötzlich hat sie die Gewißheit: Ich muß mich taufen lassen. Nachher erfuhr sie, daß es eine sakramentale Andacht war. Der Segen wurde mit dem Allerheiligsten erteilt. Sie wußte nicht, was das war. Sie hat nur die klare innere Stimme vernommen, sich taufen zu lassen. - Der Herr ist da.

Noch ein Zeugnis: Frère Roger von Taizé schreibt einmal in einem Tagebuch über die kleine romanische Kirche in Taizé, die katholische Kirche des Ortes (Taizé ist eine ökumenische Gemeinschaft, mit Katholiken aber auch Evangelischen, Roger Schutz ist reformierter Christ). Er beschreibt, wie er gerne in diese kleine romanische Kirche beten geht. Dann sagt er nur diesen ganz kurzen Satz: “Dieser Ort ist bewohnt." Welcher Art ist die Gegenwart des Herrn?

Beginnen wir einfach mit der Frage: Wie ist jemand oder etwas gegenwärtig? In einem ersten, unmittelbaren Sinn können wir sagen: Ich bin jetzt für Sie gegenwärtig und Sie sind hier gegenwärtig. Wir sind da, hier in diesem wunderbaren Dom. Wir sind hier zusammengekommen, jetzt sind wir da. Nennen wir das einfach einmal die körperliche, leibliche Gegenwart, die physische Präsenz.

Die Bänke sind auch da, aber nicht so, wie wir da sind. Ich denke, wir sind hier nicht einfach vorhanden, sondern wir sind anwesend. Von den Bänken sagen wir nicht, daß sie anwesend sind. Sie stehen da. Was ist dieses andere, das da dazu kommt? Zur leiblichen Gegenwart kommt noch die seelische Gegenwart. Erst wenn beides zusammenkommt, daß man körperlich da ist und seelisch da ist, kommt es zu einer persönlichen Gegenwart. Am schönsten kommt das zum Ausdruck in der Freundschaft. Man ist miteinander da und gleichzeitig füreinander.

Es gibt auch die Situation, in denen die leibliche Gegenwart nicht geschenkt ist. Freunde, die sich lange nicht sehen, Liebende, die voneinander getrennt sind, aber im Gedächtnis ist man einander nahe, in der Absicht, in der Zuwendung des Herzens. Die beiden Liebenden, die durch die äußeren Umstände getrennt sind, sind einander trotzdem ganz nahe, aber geistig, seelisch liebend nahe, auch wenn die leibliche Gegenwart fehlt. Es ist eine ganz wirkliche Gegenwart.

Vielleicht erinnern sich manche daran, es hat mich damals tief bewegt, als vor mindestens 20 Jahren die Nachricht durch die Medien ging, ein kubanischer Schriftsteller war unter Fidel Castro 22 Jahre lang im Gefängnis gewesen. Als junger Mann, jung verheiratet kam er ins Gefängnis. Seine Frau hat 22 Jahre auf ihn gewartet, 8.000 Tage und Nächte. Das ist eine ganz starke Form von Gegenwart, etwas sehr Reales, etwas sehr Wirkliches. Umso schmerzlicher ist das Fehlen der leiblichen Gegenwart.

Versuchen wir es noch tiefer zu fassen. Das Entscheidende an der persönlichen Gegenwart ist die des Herzens, die seelische Gegenwart. Das ist sozusagen die persönliche Dimension der Gegenwart. Aber diese seelische Gegenwart strebt zur leiblichen Gegenwart.

Nun gibt es noch eine dritte Form der Gegenwart. Nennen wir sie einmal die Zeichengegenwart. Man hat vom Geliebten, von der Geliebten, vom Freund, von der Freundin zwar nicht die leibliche Gegenwart, aber ein Photo. Warum hat man das Photo? Es ist ein Zeichen, eine Erinnerung. Es belebt die seelische Gegenwart. Und in gewisser Weise ist es manchmal ein Ersatz für die leibliche Gegenwart. Eine Zeichengegenwart kann sehr stark sein oder bedeutungslos. Ich hebe kostbar einen Löffel auf, den mein Vater im Krieg, im Feld immer bei sich hatte. Für jemand, der das nicht weiß, hat er überhaupt keine besondere Bedeutung, für mich jedoch eine große - Zeichen der Gegenwart.

Wie ist es jetzt mit der Eucharistie? Was heißt, was die Lehre der Kirche die Realpräsenz nennt, die wirkliche Gegenwart?

Versuchen wir dem etwas näher zu kommen. Die seelische Gegenwart drängt zur leiblichen Gegenwart. Wirklich leiblich gegenwärtig sein, ist sicher das, was wir wünschen. Man wünscht es, wenn man liebt. Aber Christus ist nicht mehr physisch, leiblich unter uns gegenwärtig. Er ist nicht in seinem irdischen Leib gegenwärtig. Ist es möglich, mit ihm seelisch in Verbindung zu treten? Sicher, in der Erinnerung, im Gebet, in der Liebe.

Wie ist es mit der Zeichengegenwart? Die Lehre der Kirche sagt uns, die Sakramente sind Zeichen: die Taufe - Wasser und Worte; die Firmung - Salbung, Handauflegung; die Priesterweihe - Handauflegung; die Krankensalbung. Alle Sakramente sind Zeichen, die nur verständlich sind, wenn man weiß, was sie bezeichnen. Darum gibt es für alle Sakramente eine Vorbereitung. Wir haben also in der Erstkommunionvorbereitung gelernt: Brot und Wein sind Zeichen.

Was für Zeichen sind das? Wie können sie uns Christus nahe bringen? Wie ein Photo ist es sicher nicht. Wir sehen nicht Christus in seiner Gestalt. Das Brot hat nicht seine körperliche Gestalt. Aber das Brot war offensichtlich ein ganz wichtiges Zeichen. Wir haben im Emmausevangelium gehört: Sie erkannten ihn am Brotbrechen (Lk 24,30-31). Das war ein Zeichen, das offensichtlich für die Jünger sehr viel bedeutet hat. Wenn er das Brot brach, war das etwas, das sie an ihn erinnert hat. Daran haben sie ihn erkannt.

Nun sagen wir in der Sprache des Glaubens: Christus ist gegenwärtig in der Gestalt des Brotes. Jesus schenkt uns in der Eucharistie nicht einen Blumenstrauß. Das wäre auch ein Zeichen. Aber Jesus hat uns nicht ein solches Zeichen gegeben, sondern das Brot. Speziell in diesem Zeichen will er gegenwärtig sein.

Was zeigt dieses Zeichen? Brot ist Nahrung. Wenn Jesus gesagt hat: “Nehmt und eßt", und uns Brot gereicht hat, aber dazu gesagt hat: “Das ist mein Leib!", wollte er offensichtlich mit dem Zeichen zeigen, wie Er gegenwärtig ist, nämlich so, daß wir von Ihm leben können, als ein Lebensmittel, als das Lebensmittel.

“Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm" (Joh 6,56) - Freundschaft. Er will uns so sehr nahe sein, daß Er sich uns als Nahrung gibt. Das Zeichen ist hier entscheidend. Deshalb trennen wir uns auch nie von diesem Zeichen. Deshalb verlangt die Kirche, daß es Brot ist, nicht Reis, nicht Polenta. Er ist gegenwärtig in der Gestalt des Brotes. Deshalb wird auch in Afrika und Asien die Heilige Messe mit Brot gefeiert, nicht mit Maniok, weil Er dieses Zeichen gewählt hat. So will Er sich uns schenken, mit einem Zeichen, das an eine bestimmte Geschichte gebunden ist, an einen bestimmten Ort, an eine bestimmte Tradition und das eine bestimmte Bedeutung hat: Speise, die von uns aufgenommen wird. So will er von uns aufgenommen sein. So will er uns aufnehmen.

Ist es aber nur Zeichengegenwart? Manche haben gemeint: Ja, das Brot ist ein Erinnerungszeichen, wie das Photo, das man auf der Kredenz stehen hat, um sich an die Oma zu erinnern. Nein, es ist ein Zeichen, das etwas bewirken will. Christus will mit dem Zeichen des Brotes bezeichnen, daß Er für uns so sehr da ist, daß er sich uns zur Speise gibt, leiblich. Welche Art von Gegenwart ist das? Hier können wir nicht anders, als auf den Glauben zurückkommen und müssen sagen: Dieses Zeichen ist einzigartig. Alle Zeichen, die wir kennen, verweisen auf etwas anderes. Dieses Zeichen enthält, was es bezeichnet.

In diesem Zeichen verbindet der Herr beides, nämlich seine leibliche und seine seelische Gegenwart, nicht in seinem physischen Leib, sondern mit seinem ganzen Wesen. Vere, realiter, substantialiter, sagt die Lehre der Kirche, wahrhaftig gegenwärtig, wirklich, nämlich auch wirksam gegenwärtig und in seinem Wesen, er selbst mit Leib und Seele und mit seiner Gottheit (vgl. KKK 1374).

Am Schluß stehen wir wieder vor dem Zeichen. Für den, der diesen Glauben nicht teilen kann, bleibt es ein vielleicht bedeutsames Zeichen der Erinnerung: “Tut dies zu meinem Gedächtnis!" So haben es manche Reformatoren in der Reformationszeit verstanden, ein Erinnerungszeichen. Für uns sagt der Glaube mehr. Der Herr ist in diesem Zeichen durch die Wandlung wirklich, wahrhaft, wesenhaft selber anwesend. Das erkennt nur der Glaube. Aber es ist nicht ein blinder Glaube, sondern einer, der durch das Zeichen zur Wirklichkeit hingeführt wird.

“Nehmt und eßt! Das ist mein Leib." Das Zeichen sagt uns, was der Herr tun will. Eßt, nehmt es, empfangt mich, mich selber, meinen Leib, meine Seele, meine Gottheit, mich ganz und gar. Nehmt und trinkt, das ist mein Blut, für euch für die Vergebung der Sünden vergossen. So ist das Zeichen also nicht einfach die Aufforderung zu einem blinden Glauben, sondern durch das Zeichen zeigt uns der Herr, was Er uns schenken will und wie Er gegenwärtig ist. (...)

Eine der berühmten Bekehrungsgeschichten des 20. Jahrhunderts ist die von André Frossard. Der bekannte französische Journalist, aus einer atheistischen Familie stammend und atheistisch aufgewachsen, besucht als Student in der Rue d'Ulm in Paris die berühmteste französische universitäre Eliteschule, die École normale supérieure, ein brillanter junger intellektueller Akademiker. Er hat einen Freund gesucht und erfahren, er sei gegenüber der Schule in die Kapelle eines Klosters gegangen.

André Frossard sucht diesen Freund, geht in die Kapelle hinein. Er erzählt: “Ich bin hineingegangen und nach 10 Minuten als Christ zurückgekommen." Es war eine dieser umstürzenden Bekehrungen, die immer wieder geschehen.

Im Rückblick konnte André Frossard auch das Geheimnis dieser Bekehrung entschlüsseln. Dort, bei den Schwestern in der Rue d'Ulm war ewige Anbetung. Später hat er verstanden, daß der, der da so plötzlich in sein Leben getreten ist, da war, gegenwärtig in der Eucharistie. Er hat ihn gerufen. “Il est là." - “Er ist da." Einfacher, glaube ich, können wir das Geheimnis nicht ausdrücken, als es der einfache Pfarrer von Ars getan hat.

Auszüge aus der Katechese vom 18. April 2004.

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