VISION 20001/2005
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„Ist da Gott bei Ihnen?"

Artikel drucken Eine Chinesin erlebt eine Heilige Messe

Die junge Dame empfängt mich am Flughafen der chinesischen Hauptstadt und stellt sich als meine Begleiterin vor. Sie ist akademische Übersetzerin, ihr Englisch wirkt, soweit das hier möglich ist, fast akzentfrei. Mit ihrem uniformähnlichen Kostüm und ihrer sachlichen Freundlichkeit wirkt sie ein wenig gefroren.

Während der Fahrt zum Hotel bietet sie mir vor dem abendlichen Begrüßungsessen eine kleine Stadtrundfahrt an. Die Dämmerung des Sonntagnachmittags bricht herein, Schneewolken hängen in der Luft. Ich möchte kein Sightseeing-Programm, sondern eine katholische Abendmesse und äußere diesen Wunsch.

Nach einer kurzen Beratung mit dem Fahrer und einigen Handytelefonaten bringt uns das Auto zu einer hell erleuchteten Kirche. Viele Leute, vor allem Jugend, strömen hinein. Die Messe sei chinesisch, meint meine Begleiterin, und ich verstünde doch die Sprache nicht. “Der Vorgang ist auf der ganzen Welt der gleiche", antworte ich und verlasse das Fahrzeug.

Als sie im Wagen sitzen bleiben will, sagte ich: “Sie sind zu meiner Begleitung bestellt und werden jetzt mit mir die Messe besuchen." Daraufhin kommt sie mit, nur der Fahrer bleibt im Auto.

Ich betrete die Sakristei, werfe einen raschen Blick auf das Madonnenbild und das Foto des Heiligen Vaters und weiß, daß ich am rechten Ort bin. Der Priester spricht nicht Englisch, ich spreche nicht Chinesisch, aber ich zeige ihm meine Stola, er umarmt mich, gibt mir eine Albe und wir feiern gemeinsam die Messe. Viele Leute kommen zur Kommunion, darunter zahlreiche Katechumenen, die gesegnet werden wollen. Es ist ein würdiger und gleichzeitig fröhlicher Gottesdienst.

Beim Verlassen der Kirche schaut meine Begleiterin weniger gefroren drein und beginnt Fragen zu stellen, wobei sie sich vor jeder Fragestellung entschuldigt: “Ist das Gott, der da zu Ihnen kommt?" “Ja, das ist Gott." “Ist Gott in den goldenen Gefäßen drinnen, die Sie am Altar aufheben?" “Ja, da ist Er drinnen, nicht symbolisch, sondern wirklich. Der Priester wandelt Brot und Wein in Fleisch und Blut unseres Herrn."

Langes Schweigen. Dann fragt sie weiter und entschuldigt sich zweimal vor der Frage: “Und das ..., das essen Sie dann?" “Ja, das essen wir, das ist, soweit es auf der Erde Vollkommenheit gibt, die vollkommenste Vereinigung zwischen Mensch und Gott. Und das gleiche geschieht, wo immer sich ein katholischer Priester befindet, jede Minute auf der ganzen Welt."

Wieder Schweigen. Erst als wir vor dem Hotel angelangt sind, stellt sie noch eine letzte Frage: “Wie leben Sie mit dieser Religion?" Darauf erfolgt keine Antwort mehr, denn in der Zwischenzeit sind wir in der lärmerfüllten Hotelhalle angelangt.

Aber eine Woche später, als sie mich zum Flughafen begleitet, sagt sie beim Abschied vor der Paßkontrolle: “Schreiben Sie mir bitte und schicken Sie mir Material über diesen Gott." Ich verspreche es, dann gehe ich durch die Sperre. Im Menschengewühl verliere ich sie bald aus den Augen.

Noch im Flugzeug erfüllt mich die Freude über diesen Glauben, der uns erlaubt, auf solche Fragen solche Antworten zu geben. Ich denke auch an die letzte, unbeantwortete Frage, auf die nur das Leben selbst und Gottes Gnade Antworten geben könnten. Wir fliegen über die Mongolei, das Land unter uns ist schneebedeckt, mondbeschienen und weit. “Ein kostbarer Schatz in zerbrechlichen Gefäßen", denke ich und schlafe ein.

Franz Eckert

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