VISION 20001/2005
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Leben ist immer lebenswert

Artikel drucken David Stern, nach einem Unfall am ganzen Körper gelähmt, findet in seiner Not zum Glauben (Von Alexa Gaspari)

Blute ich?" “Nein" “Ist das Auto noch über mir" “Nein". “Aber was ist dann mit mir los?" Das waren Davids erste Worte nach dem Unfall. Gemütlich war der junge Disc-Jockey mit seinem Motorrad in Paris auf einem der Boulevards entlanggefahren, als ein Wagen von links kommend ihm den Vorrang nahm und den Weg abschnitt. David hatte gerade noch Zeit “Sch....." zu sagen. Dann kommt ein nicht allzu heftiger Aufprall und er findet sich am Boden wieder.

Er merkt, daß sein Handgelenk gebrochen ist, er sieht nirgends Blut, nichts behindert ihn und doch kann er sich kein bißchen mehr bewegen. Eine Dame, die den Unfall beobachtet hat, kümmert sich um ihn. Sie ist es, die ihm den Helm abnimmt, obwohl das in seiner Situation eigentlich keine gute Idee ist, doch David hatte sie darum gebeten, da er zu ersticken meint. Der Autofahrer der den Unfall verursacht hat, ist im Schockzustand. Er kommt David überhaupt nicht zu Hilfe.

Die Feuerwehr muß seine Kleider aufschneiden, um eine Erstversorgung vornehmen zu können. Auf einer Spezialmatratze wird er dann in die herbeigerufene Rettung umgebettet. Bis zum nächsten Morgen gibt es dann ein barmherziges schwarzes Loch.

Als der junge Mann in der Intensivstation aufwacht, kommt, ihm das, was er da sieht, wie ein Albtraum vor: rechts von ihm eine Maschine, die ihm das Atmen erleichtern soll, Schläuche im Mund, die ihn am Reden hindern, ein Gerät das mit Bip-Tönen seine Herztätigkeit anzeigt und Infusionen. Acht Stunden Operation hat er schon hinter sich.

Eine Platte an der Halswirbelsäule soll zwei kaputte Wirbeln ersetzen und sein Handgelenk wird von fünf Klammern zusammengehalten. Was er dann erfährt ist aber das pure Grauen: Als seine Wirbeln brachen, haben sie das Rückenmark verletzt und ihn zur “tétraplegie" verurteilt: Der ganze Körper ist bis zum Kopf gelähmt.

“Unfall mit 21, gelähmt, welche Hoffnung gibt es? Ein Zeugnis": So der Ankündigungstext im Programm der Pariser Stadtmission, der mich - immer auf der Suche nach Portraits für VISION 2000 - dazu animiert hat, mich an einem Nachmittag in eine Pfarre im 10. Pariser Bezirk zu begeben. Starker Verkehr, das Taxi kommt ewig nicht weiter. Endlich komme ich an: ein kleiner Raum, voller Menschen, vorne ein junger Mann im Rollstuhl, sichtlich aufgeregt. Immer wieder reicht man ihm eine Flasche aus der er mittels Strohhalm trinkt.

Offensichtlich kann er nichts außer seinem Kopf bewegen. Er hat eine etwas rauhe, warme und klare Stimme, obwohl er, wie ich später erfahre, nur über das Zwerchfell atmen kann. Seine Lunge bewegt sich nicht ein bißchen, wenn er Luft schöpft, erklärt er, als ihn ein junges Mädchen danach fragt.

Es ist das erste Mal, daß David Stern öffentlich Zeugnis ablegt; Zeugnis dafür, daß das Leben nicht vorbei ist, auch wenn man jung und total gelähmt ist. Im Laufe der folgenden Stunde kommt immer mehr Davids äußerst anziehendes, etwas schüchternes Lächeln zum Vorschein. Vor allem manche Kinderfrage (etwa: “Warum läßt du dir das Rückenmark nicht herausnehmen, wenn es nicht in Ordnung ist?") bringt ihn immer wieder zum Schmunzeln. Ich denke alle, nicht nur ich, haben ihn wegen seines Lächelns, seiner Offenheit, auf jede Frage einzugehen und wegen seiner bejahenden Lebenseinstellung sehr schnell ins Herz geschlossen.

Ein kurzes Interview, E-Mails und ein Anruf haben mich dann auch mehr über Davids Lebensgeschichte erfahren lassen. Der junge Mann ist in Frankreich, in Bordeaux geboren und gemeinsam mit vier Geschwistern in Soulac sur mer 100 Kilometer von Bordeaux entfernt aufgewachsen. In seiner Jugend hat es ihm an nichts gefehlt, erzählt er. Bis 16 ist er in die Schule gegangen. Seine Mutter betreibt eine Diskothek, in der er sich schon als 13-14jähriger gerne als Disc-Jockey betätigt.

Obwohl David getauft ist, besucht er keinen Katechismusunterricht. In Frankreich herrscht die Trennung von Staat und Kirche: Wer im katholischen Katechismus unterrichtet werden möchte muß diesen außerhalb der Schule besuchen. In seiner Familie wird darauf allerdings kein besonderer Wert gelegt. Er ist 17, als seine Mutter beschließt, nach Paris aufzubrechen, um ein Restaurant mit Piano-Bar und Diskothek aufzumachen.

Disc-Jockey zu sein, ist für David zunächst eher ein Hobby, denn er weiß noch nicht, was er eigentlich einmal werden will. Also macht er die Tätigkeit einstweilen zu seiner Hauptbeschäftigung. Freitag und Samstag arbeitet er sogar bis zwei Uhr Früh. Der junge Man ist mit seinem Leben durchaus zufrieden. Er lebt in einem netten kleinem Appartement in Paris und ist stolzer Besitzer eines Motorrades.

Als er auf diesem Motorrad gerade zu einer Verabredung unterwegs ist, passiert der schreckliche Unfall. Die ersten Monate danach begreift er überhaupt nicht richtig, was ihm da passiert ist. Er kann die Tragweite des Geschehens nicht überblicken. Zunächst muß er 1,5 qualvolle Jahre im Spital von Garche verbringen. Gegen Ende dieser Zeit darf er am Wochenende nach Hause zu seiner Mutter. Dort übernimmt ein geistlicher Schwesternorden seine Mitbetreuung. Schwester Marie Paule von den “Dienerinnen der Armen" erzählt mir, daß ihr Orden eigentlich hauptsächlich für die Betreuung der (materiell) Armen zuständig ist. Doch der körperliche und seelische Zustand Davids sei der Grund gewesen, seine Betreuung zu übernehmen. Damals hätte er auch noch einen Luftröhrenschnitt gehabt, um nicht zu ersticken.

Kein Wunder, daß David in den ersten Monaten, ja in den ersten Jahren nach dem Unfall, keinen Sinn mehr im Leben sieht: Er kann nur den Kopf bewegen, ist für jeden Handgriff auf fremde Hilfe angewiesen und kann nicht einmal normal atmen. Er ist in einer hilfloseren Situation als jedes Baby. “Ich mußte wieder bei Null anfangen."

Nach dem Spitalsaufenthalt zieht er wieder bei seiner Mutter ein. “Ich habe eine wunderbare Mutter," erzählt er gerührt. “Sie war immer für mich da, hat mir geholfen, mich unterstützt." Und doch kann sie ihm zunächst auch nicht seinen Lebenswillen wiedergeben. Seine früheren Freunde, die ihn besuchen kommen, sind erschüttert. Sie verkraften seinen veränderten Zustand sehr schlecht. “Einer ist vor mir in Tränen ausgebrochen," erinnert sich David. Eine zwar verständliche Reaktion, die David jedoch überhaupt nicht hilft.

Auf die Dauer bleiben diese alten Freundschaften auch nicht bestehen. Jeder geht seiner eigenen Wege. Die Freunde, die er jetzt hat, haben ihn erst als schwerstbehinderten jungen Mann kennengelernt, die meisten im Spital oder in Rehabilitationszentren. Nur ein einziger seiner neuen Freunde ist auch im Rollstuhl. Für diesen Freund betet David intensiv, damit dieser, wie es David selbst erlebt hat, Gott begegnet.

Denn das ist es, was das Leben des jungen Mannes entscheidend zum Positiven verändert hat: Gott ist in sein Leben getreten. Wohl auch unter dem Einfluß von Schwester Marie Paule beginnt David irgendwann zu beten. Sein erster, verständlicher Zugang zum Gebet: Gott soll ihn doch bitte nicht in diesem Zustand lassen und ihm erklären, warum gerade er so einen schlimmen Unfall haben mußte.

Gott reagiert anders als erwartet auf seinen Anruf: Er schenkt David wieder Freude am Leben. “Ich bin Gott irgendwie ganz natürlich, auf ganz selbstverständliche Art durch das Gebet begegnet. Es war wie eine Wiedergeburt. Ich bete viel und je älter ich werde, desto stärker wird mein Glaube. Erst durch den Unfall bin ich Gott so nahe gekommen," erklärt er der in Paris um ihn versammelten Runde. “Ob er denn Gott jetzt nicht mehr um Heilung bitte," fragt ein Mädchen. David lächelt: “Nein, ich erwarte kein neues Wunder. Es ist ja schon ein Wunder, daß ich überhaupt noch lebe. Das ist schon sehr viel. Dafür bin ich dankbar," lautet die Antwort. In diesem viel zu kleinen Raum in der Pariser Pfarre ist sichtlich jeder der Anwesenden von dieser Aussage sehr berührt.

“Wie ist die Familie mit dem Unfall und dessen Folgen umgegangen?", fragt eine Zuhörerin: “Anfangs war das für alle schwer zu begreifen. Niemand konnte ahnen,was das für uns alle bedeuten würde. Heute sprechen wir zu Hause weder in der Familie noch mit den Freunden von der Behinderung oder vom Unfall. Wir haben die verschiedensten Themen, über die wir diskutieren - wie alle anderen Menschen auch."

“Ich lebe nicht im Unglück," lächelt er jungenhaft. “Das Leben geht weiter und ist lebenswert. Man kann auch in einem Rollstuhl unglaubliche Freuden erleben. Ich bleibe nicht zu Hause eingesperrt, allein. Ich fahre hinaus, gehe unter die Leute, ins Restaurant oder - so wie unlängst - ins Olympia (ein berühmter Konzertsaal)."

Eine seiner großen Freuden ist es, im Sommer in der Bretagne fischen zu gehen. Dort verbringt er jedes Jahr zwei Monate. In der übrigen Zeit kann er seinem Hobby im Pariser Bois de Boulogne nachgehen. Man mag sich fragen, wie ein gänzlich Gelähmter das macht: David erklärt mir, daß einer seiner Therapeuten zu diesem Zweck ein kompliziertes System entwickelt hat.

Eine weitere große Freude ist die Beschäftigung mit dem Internet. Eine eigene Tastatur, die er vom Mund aus mit einem Stab bedient, ermöglicht es ihm, mit dem Computer zu arbeiten. Auf diesem Weg hat David seine eigene Webseite geschaffen: (www.capeutvousarriver.org), was übersetzt soviel heißt wie: “Das kann auch dir passieren." Auf dieser originellen Webseite möchte der junge Mann alle Motorradfahrer auf die Gefahren der Straße aufmerksam machen. Dort erzählt er auch seine Unfall-Geschichte, welche Verletzungen er erlitten hat und wie so ein Unfall von einer Sekunde auf die andere von Grund auf ein Leben verändern kann. Fotos von vor und nach dem Unfall, von den Behelfen, die er benützt, vervollständigen diese Seiten.

Alle Zuschriften, die er auf diese Darstellung bekommt, stellt er in sein “goldenen Buch" im Internet. Es sind so viele, daß es fast unmöglich ist, sie alle zu lesen. So mancher, der sich da im goldenen Buch verewigt, gesteht, daß er es sich nun gut überlegen werde, ob er sich ein Motorrad kauft.

Über Internet hat David Sophie kennengelernt, die nun mit ihrer Tochter seit kurzem bei ihm wohnt. 12 Jahre hat er nach dem Unfall bei seiner Mutter gelebt und nun ist er seit wenigen Wochen ausgezogen: “Einmal muß man ja die Nabelschnur durchtrennen," schmunzelt er.

Außer Sophie kümmert sich eine Helferin den ganzen Tag über um ihn: “Sie ist meine Hände und Füße. Alles, was ich machen möchte, macht sie für mich." Vormittags betreut ihn außerdem ein Physikotherapeut, der seine gelähmten Gliedmaßen bewegt. Nachmittags sitzt David am Computer, tauscht E-Mails aus, beantwortet Fragen - wahrscheinlich ebenso geduldig wie jene Fragen, die man ihm bei seinem ersten öffentlichen Zeugnis gestellt hat.

“Ich versuche, durch meine Korrespondenz über das Internet so viel wie möglich von mir zu geben. Es macht mir Freude, wenn ich mit meinen Worten oder meinem Zeugnis jemandem helfen kann," erklärt mir David.

Auf die Frage, ob seine Lunge nun funktioniere, antwortet er: Nein, die Lunge bewege sich kein bißchen, wenn er atme. Und wenn er sich verkühle, könne er nicht selbst aushusten. “Da bin ich wie ein Neugeborenes, ersticke fast und brauche mehrmals täglich Hilfe, damit ich den Schleim loswerde." Oft muß er auch ins Spital gebracht werden.

Ob der Unfallverursacher ihn je besucht und er ihm verziehen hätte? Nein, der Mann habe David nie besucht. Zwei- bis dreimal habe er angerufen. Aber er sei ihn nie besuchen gekommen. Natürlich habe er ihm verziehen, meint David, ganz selbstverständlich, es hätte meiner Sache doch nicht gedient, wenn ich ihm weiter böse wäre. Wohl eine bewundernswerte Aussage, wenn man das so sehen kann. David meint auch, daß er durch seine Beziehung zu Jesus heute den Schwächen anderer Menschen viel toleranter begegnen könne. Früher sei er eher unduldsam gewesen, an seinen Mitmenschen kaum interressiert. Heute aber möchte er helfen und die anderen wichtiger als sich selbst nehmen.

All das kann Schwester Marie Paule nur bestätigen. Ein Besuch bei David sei immer eine Bereicherung. Man gehe beschenkt weg. David wird bei dieser Aussage der Schwester ganz verlegen. Zu mir sagt er nachher, daß die Schwester viele Türen, die versperrt gewesen waren, für ihn geöffnet habe. Fahrten nach Lourdes, sowie die Heiligen Messen, die er via Fernsehen verfolgt, tun wohl ein Übriges. Kein Wunder also, daß nach der Veranstaltung etliche Zuhörer zu ihm kommen und ihn um sein Gebet für kranke oder nicht gläubige Freunde und Verwandte bitten. Auch ich denke, daß sein Gebet besonders wirksam sein muß. Denn wie seine Freundin Sophie, die als Atheistin zu ihm gezogen ist, feststellt: Das einzige, womit man einem behinderten oder nicht behinderten ungläubigen Menschen Gott näherbringen kann, ist durch das eigene überzeugende Handeln.

Zum Schluß noch Davids Abschlußworte: “Ich wußte vor dem Unfall zwar, daß Gott existiert, aber ich habe nicht praktiziert. Erst nach dem Unfall bin ich aufgewacht und wirklich gläubig geworden."

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