VISION 20001/2005
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Wie konnte Gott da zuschauen!

Artikel drucken Die Flutkatastrophe in Südostasien als Herausforderung für den Glauben (Von Christof Gaspari)

Seit zwei Wochen steht die Welt im Banne eines Ereignisses: 180.000 Opfer oder mehr forderte die Flutkatastrophe in Südost-Asien! Ein Grauen, das trotz der zahllosen, detaillierten Medienberichte letztlich doch unfaßbar bleibt.

Frauen und Männer, Kinder und Greise, Urlauber, Fischer, Hotelbedienstete, Bauern sind ums Leben gekommen, unzählig viele wohl auf furchtbare Art und Weise: zerschmettert, ertrunken, qualvoll schweren Verletzungen erlegen. Ihre Leichen vielfach unkenntlich, in Massengräbern bestattet. Familien dezimiert, Kinder zu Waisen geworden. Die Bilder wurden uns auf allen Stationen ins Wohnzimmer geliefert.

Viele - nicht nur solche, die mit dem Glauben nichts am Hut haben - fühlen sich jetzt noch mehr verunsichert oder haben einen zusätzlichen Grund, über den “Lieben Gott" herzuziehen. Es ist ja keineswegs verwunderlich, wenn die Menschen fragen: Kann das wirklich ein liebender Gott sein? Wie konnte Er das zulassen? Ohne Vorwarnung, Gute und Böse! Schließlich sei Er doch allmächtig.

Solche Fragen treffen uns Christen hart. Die Versuchung, ihnen auszuweichen, ist groß. Man kann sich da leicht in die Nesseln setzen. Oder man fühlt sich bemüßigt, Gott in Schutz zu nehmen. Er habe mit solchen Katastrophen nichts zu tun. Da seien eben die Gesetze der Tektonik am Werk. Die Kontinentalplatten verschieben sich nun einmal und von Zeit zu Zeit geschehen dann Beben mit katastrophalen Folgen. Der jeweilige Zeitpunkt sei nicht vorhersehbar, eben zufällig.

Natürlich ist manches an solchen Aussagen richtig. Aber wird man damit dem Wirken Gottes in der Schöpfung gerecht? Schließlich sprechen Christen ja von Gott, dem Allmächtigen. Daher halten sie auch etwas vom Gebet und vertrauen darauf, daß der Vater Gebete erhört (Bittet, dann wird euch gegeben (Mt 7,7)), daß Gott also in den Ablauf der Ereignisse eingreift.

Es ist sogar eine Grundüberzeugung christlichen Glaubens, daß Gott der wesentliche Akteur in der Geschichte ist. Nichts ist Seiner Allmacht entzogen: Denn für Gott ist nichts unmöglich (Lk 1,37), wie der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündet. Und viele andere Stellen der Schrift bezeugen die Allmacht Gottes: Unser Gott ist im Himmel, alles was ihm gefällt, das vollbringt er. (Ps 115,3); Deiner Macht ist das All unterworfen und niemand kann sich dir widersetzen (Est 44,17b); Niemand kann seiner Macht entfliehen (Tb 13,2).

Damit wird die Sache aber heikel. Denn es ist nicht mehr so leicht möglich, Gott aus dem Geschehen herauszuhalten. Zwei Punkte sind an dieser Stelle allerdings festzuhalten: Aus unserer Gebetserfahrung wissen wir, daß Gott nicht wie ein Automat funktioniert: Gebet hinein - Wunsch erfüllt. Daher macht der Mensch im Alltag die Erfahrung, daß selbst betenden, gläubigen, bemühten, gutwilligen Menschen Widerwärtigkeiten zustoßen. Ganz offensichtlich läßt Gott das Leiden zu, ja Er hat es Seinem einzigen Sohn, dem Gottmenschen Jesus Christus, nicht erspart.

Damit ist schwer zurechtzukommen, aber wir müssen es nun einmal zur Kenntnis nehmen, denn wir durchschauen die Pläne Gottes nicht. “Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn. So hoch wie der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken," lesen wir beim Propheten Jesaja (Jes 55,8f). Und dieses Wissen berechtigt uns, in Gesprächen einfach zuzugeben, daß auch Christen für diese Flutkatastrophe keine befriedigende Ursachendeutung haben.

An dieser Stelle ist es wichtig den zweiten Punkt anzusprechen: Gott ist nicht der einzige Akteur in der Geschichte. Da gibt es Akteure, über die man heute nicht gerne spricht: den Widersacher und seine Scharen. Der Apostel Paulus macht uns auf die Dimension des Kampfes, in dem die Menschheit steht, aufmerksam: “Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs" (Eph 6,12). Und im Spannungsfeld zwischen Gott und Widersacher agiert der Mensch. Über dessen Einfluß auf den Lauf der Dinge bei niemandem ein Zweifel herrscht.

Wie kann man sich nun das Zustandekommen all des Elends in der Welt erklären? P. Werenfried van Straaten hat die Geschichte der Menschheit und der Schöpfung einmal durch ein sprechendes Bild - ich habe es schon in einer früheren Nummer erwähnt - illustriert: Gott hat alles wie ein herrliches Mosaik geschaffen. Aber wir Menschen stehen nicht staunend vor diesem Wunderwerk, sondern versuchen, es dauernd durch Steinwürfe zu zerstören. Der Allmächtige aber läßt all das geschehen, denn Er vermag fortgesetzt, die Bruchstücke zu einem noch schöneren Werk zusammenfallen zu lassen.

Gott ist also souverän, jedoch nicht der Urheber des Unheils, das wir ununterbrochen im Kleinen wie im Großen erleben. Aber Er nützt dieses, um Seine Heilspläne zu verwirklichen.

Schon gut, mag man nun einwenden, aber bei einem Erdbeben solchen Ausmaßes ist das überhaupt nicht nachvollziehbar. Und das stimmt. Für uns Menschen ist das schwer annehmbar. Aber im Glauben können wir auf die Allmacht Gottes jenseits unseres Tuns vertrauen.

Im schrecklichen Leiden und Sterben Seines Sohnes am Kreuz und in dessen Auferstehung hat Er uns einen Blick auf dieses Geheimnis werfen lassen. Und wer seine eigene Lebensgeschichte betrachtet, wird die eine oder andere Erfahrung erzählen können, die erkennen läßt, wie aus Leiden und Schmerz Gutes geworden ist.

Eines müssen wir aber auch festhalten: Das Verhalten der Menschen wirkt sich auf die Schöpfung aus. Der Apostel Paulus sagt dies ausdrücklich im Römberbrief (8,20.22): “Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das offenbar werden der Söhne Gottes ... Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes." Wo aber die Sünde vorherrscht - und wir können unserer Zeit diesbezüglich sicher kein gutes Zeugnis ausstellen -, da “seufzt" die Schöpfung und liegt sie “in Geburtswehen" (Vgl Röm 8,23), da können auch Naturkatastrophen die Folge sein. Eines ist allerdings ausdrücklich festzuhalten: Wie die Zusammenhänge laufen, durchschauen wir nicht. Und keinesfalls darf man die Opfer zu Sündenböcken stempeln. Man bedenke allein, wieviele Kinder umgekommen sind!

Eine Begebenheit aus dem Neuen Testament trifft dazu eine eindeutige Aussage: “Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so daß sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte. Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, daß nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle andere Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt." (Lk 13,1-3)

Es ist, wie gesagt, ein großes Geheimnis, daß Gott all unser schöpfungswidriges Agieren zuläßt - wirklich schwer verständlich. Aber wir dürfen darauf vertrauen, daß Er auch in der jüngsten Katastrophe schon viel Gutes gewirkt hat und durch sie noch wirken wird. Für uns alle aber könnte das Ereignis ein Anlaß sein, uns zu fragen, ob wir nicht einer neuerlichen Zuwendung zum Herrn bedürfen, damit wir “nicht genauso umkommen". Um zu erreichen, daß viele nicht ebenso umkommen, läßt Gott wohl auch Katastrophen zu.

Solche Ereignisse sollen uns aus unserer Lethargie reißen, sie sollen uns aufmerksam machen für die vielen Katastrophen, die weltweit und in unserer Umgebung geschehen. Die eindrucksvolle weltweite Hilfsbereitschaft könnte ein Anfang sein, wenn sie sich nicht schon in wenigen Tagen erschöpft, kaum daß sich die Aufmerksamkeit der Medien neuen Themen zugewendet haben wird.

Katastrophen sind auch ein Anruf Gottes, der uns in solchen Grenzsituation erkennen läßt, wie begrenzt der Mensch ist. So wäre das Geschehen in Südostasien wieder ein Anlaß,von den Allmachtsphantasien des neuzeitlichen Denkens Abstand zu nehmen und uns in die rettenden Arme des einzig wirklich Allmächtigen zu flüchten, der uns aus der Sündenverflochtenheit der Welt herauslösen will und Hoffnung jenseits des Leids zu schenken vermag.

Und die Lektion für unseren Alltag: Wie rasch kann doch von heute auf morgen alle materielle Absicherung verlorengehen! Wie rasch kann das Leben zu Ende sein! Sollte nicht das Bild des Vaters, der sein totes Kind im Arm trägt, dazu anregen, mit Freude auf unsere Kinder zu blicken? Uns aufmerksam zu machen, wie kostbar die Kleinen, die Schwachen sind? Und sollten die Tränen der allein Zurückgebliebenen uns nicht mahnen, daß wir die Beziehung zu unseren Lieben viel mehr schätzen und pflegen sollten?

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