VISION 20002/2006
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“Setze auf eine neue Generation von Politikern

Artikel drucken Erfahrungen mit den EU-Institutionen in Brüssel

Seit Jahren setzt sich Gudrun Kugler-Lang für den Lebensschutz ein. Zuletzt war sie vier Jahre in Brüssel für die Weltjugendallianz tätig und hat dabei Einblicke in das Denken und Handeln der dortigen Akteure gewonnen.

Mit welcher Stimmung wird man in Brüssel konfrontiert, wenn es um Fragen des Glaubens geht?

Gudrun Kugler-Lang: Die EU-Ebene ist eine Melange aus den gesellschaftlichen und religiösen Ideen der Mitgliedsstaaten. Man findet dort alle Einstellungen, die es auch auf nationaler Ebene gibt. Österreicher und Deutsche stehen da ziemlich in der Mitte: spanische Kommunisten zum Beispiel oder polnische Wertkonservative kennt man in dieser Form ja bei uns nicht. Was den Glauben betrifft, gibt es demnach auch solche und solche. Leider kommen oft Mehrheiten zustande, die christlichen Positionen sehr kritisch gegenüber stehen. Das hängt teilweise damit zusammen, daß die Christen selbst so oft uneinig und manchmal im politischen Handeln nicht zielstrebig genug sind.

Konkrete Beispiele?

Kugler-Lang: Vor kurzem sagte ein hochrangiger EU-Politiker, daß “in diesem Haus der Begriff Familie an sich schon verdächtig" sei. Mit großer Mehrheit wurde eine Resolution angenommen, die alle Länder und Institutionen, die keine eheähnlichen Partnerschaften für Homosexuelle anbieten, als “homophob" - also Homosexuelle ablehnend - denunziert. Vom vorigen Forschungskommissar Busquin habe ich persönlich den Ausspruch gehört: “Gegner der embryonalen Stammzellforschung sind schlimmer als die Taliban!", und von Entwicklungskommissar Nielsen, daß es “unmenschlich und pervers" sei, “Aids durch Enthaltsamkeit und Treue zu bekämpfen". Daß langfristig nur so Leben gerettet werden können, ist ihm egal.

Gibt es so etwas wie eine mehrheitsfähige Weltanschauung (liberaler Konsumismus? Wirtschaft, Wirtschaft über alles? Der Mensch darf alles? Nur keine Diskriminierung - von Frauen, Gay People?)

Kugler-Lang: Genauso wie auf nationaler Ebene ist die oberste Maxime: “Jeder soll Spaß haben und tun, was er will - solange er niemandem wehtut." Was aber wehtut oder wehtun darf, wird autokratisch festgelegt. Abtreibung, Scheidung, Euthanasie tun offiziell niemandem weh. Außerdem werden Begriffe umdefiniert: Freiheit hat mit Hingabe nichts zu tun; Toleranz heißt, es gibt keine Wahrheit; Religion ist Privatsache; Tugend ist langweilig; Familie ist Gefängnis, usw. Ein wichtiger Begriff ist dabei die “Diskriminierung": Jeder, der die Handlungsweise eines anderen falsch findet, diskriminiert ihn. Irgendetwas falsch zu finden, ist schon fundamentalistisch und radikal - es sei denn, man hält das Rauchen für unmoralisch. Leider findet man diese Haltung auch oft unter Christen.

Wie geht es jemandem, der sich dort für den Lebensschutz einsetzt? Als Abgeordneter, als Lobbyist?

Kugler-Lang: Unter den Abgeordneten des Europäischen Parlaments finden sich mehr Lebensschützer als z.B. im österreichischen Parlament. Es gibt allerdings viele, die sich nicht lautstark für den Lebensschutz einsetzen, aber motivierbar sind. Es ist wichtig, diese Politiker aufzurütteln und wachzuhalten. Einige gute Lobbyisten machen das auch, etwa die Weltjugendallianz-Europa. Viele mehr wären nötig. Um hier mitzuhelfen, muß man aber nicht unbedingt Vollzeit in Brüssel arbeiten: Informierte und nicht aggressive Briefe von Wählern werden sehr ernstgenommen.

Kann man in privaten Gesprächen etwas bewegen?

Kugler-Lang: Lobbying funktioniert am besten über persönliches Kennen und Vertrauen. Ich erinnere mich an einen Abgeordneten des Europäischen Parlaments, der immer, wenn er mich im Parlament sah, sagte: “Und Frau Lang, was gibt's Neues zu den Stammzellen? Wie muß ich abstimmen?" Wenn er mich nicht getroffen hatte, war er oft nicht bei der Abstimmung.

Kann man mit Fakten, die gegen moderne Tabus sprechen, etwas bewirken (z.B. Post Abortion Syndrom, Fehlentwicklungen nach Einführung d. Euthanasie...)?

Kugler-Lang: Manche Politiker sind so ideologisiert, daß sie Fakten und Statistiken einfach ignorieren. Manchmal ist die jüngere Generation offener. Wir müssen allerdings lernen, die Fakten richtig zu vermitteln: Welche Forschungsergebnisse sind repräsentativ, ernstzunehmen und für wen interessant? Wir müssen die Spielregeln der Politik und der Medien anzuwenden lernen, um etwas bewirken zu können. Im Moment machen wir Christen politisch leider noch zu viele Fehler.

Gibt es in den Europäischen Institutionen Christen, die spürbar aus ihrem Glauben wirken? Die sich öffentlich bekennen? Haben Christen eine Chance in parlamentarischen Debatten?

Kugler-Lang: Es gibt relativ viele engagierte Christen rund um die Europäischen Institutionen. Es finden Gebetstreffen und gemeinsame Messen statt. Einmal im Jahr gibt es sogar ein Gebetsfrühstück im Parlament mit bis zu 500 Teilnehmern. Leider fehlt es - mit wenigen Ausnahmen - auch den bewußten Christen oft an Selbstvertrauen, Wissen, Netzwerken und Rückenwind. Es liegt an uns, hier Abhilfe zu schaffen.

Was können wir für die Zukunft Gutes erhoffen?

Kugler-Lang: Ich fürchte, das große Umdenken der jetzigen Politikergeneration wird sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene ausbleiben. Ich setze auf eine neue Generation von Politikern: Menschen, die für wirkliche Problemlösungen offen sind, ob diese nun ihrer Weltanschauung entsprechen oder nicht. Talentierte junge Menschen, die ihr Denken und Leben nach bleibenden Werten ausrichten, müssen motiviert werden, das politische Handwerkszeug zu lernen und den Schritt in die öffentliche Arena zu wagen. Ich arbeite gerade an einem solchen Projekt für junge Menschen und würde mich freuen, wenn mir Interessierte schreiben möchten.

Dr. Gudrun Kugler-Lang ist 1976 geboren, verheiratet, arbeitet für “Kairos Consulting" für Non-Profit-Initiativen. Sie ist Mutter einer Tochter, die vor ein paar Tagen zur Welt gekommen ist. 2000 bis 2004 leitete sie den europäischen Zweig der Weltjugendallianz http://www.wya.net, die sich bei internationalen Institutionen für den Schutz der Menschenwürde jedes Menschen einsetzt. Möglichkeit eines Praktikums/ Veranstaltungen: Email:europe@wya.net

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