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Auch auf politischer Ebene Konsequenzen aus der Taufe ziehen

Artikel drucken 75 Prozent der EU-Bürger sind Christen (Von Helmut Hubeny)

Die EG ist eine Karikatur Europas. Was jetzt bankrott macht, ist der geplante EG-Einheitsbrei. Was Zukunft hat, ist Kultureuropa: ein vielfältiges, zwiespältiges Gebilde aus vernetzten, aber autonomen Teilen eines Ganzen." So schrieb der Publizist Günther Nenning 1993. Er hat damit treffend ausgedrückt, was mich 1994 zum Nein bei der EU-Volksabstimmung bewog. Damals stand ich der Zweidrittelmehrheit meiner Landsleute gegenüber. Heute setze ich mich für eine Vertiefung der EU ein - und habe wieder zwei Drittel gegen mich.

1950 sahen die “Gründerväter" Robert Schumann, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi die Wirtschaft als Einstieg zur politischen Einigung Europas. So schufen sie auf dem Boden der christlichen Soziallehre - Solidarität, Gemeinwohl und Subsidiarität als praktisch-politische Prinzipien der Nächstenliebe - die Voraussetzungen für die längste Friedensperiode des Kontinents. Unsere Päpste, der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen, der ökumenische Rat der Kirchen, sie alle begrüßen die Europäische Einigung als Friedensprojekt.

1999 war der Euro vereinbart und damit die Wirtschaftsunion weitgehend vollendet. Nun ließ sich die Frage nach den Zielen der EU, nach ihrer Finalität, nicht mehr verdrängen. Die weitere Integration Europas erfordert Stärkung der gemeinschaftlichen Einrichtungen und Vertrauen in die supranationale Gemeinschaft. Aber: ohne übereinstimmendes Vorverständnis zu den “europäischen Werten" wie Menschrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kann kein Vertrauen wachsen!

Die säkularen Demokratien Europas - ob sie es nun bekennen oder nicht - bauen auf dem Menschenbild des Christentums auf, das sich der Aufklärung im Kampf stellen mußte. “Das Christentum ist nicht von Europa ausgegangen. Aber in Europa hat es seine wirksamste kulturelle und intellektuelle Prägung erhalten. Darum bleibt es auf besondere Weise mit Europa verbunden," sagt Papst Benedikt XVI. 2005 in Subiaco. “Es ist aber auch wahr, daß dieses Europa seit der Zeit der Renaissance ... eine wissenschaftliche Geisteshaltung ... und im Gefolge ... eine Kultur entwickelt, die Gott in einer Weise aus dem öffentlichen Gewissen ausschließt, wie das die Menschheit bisher nie gesehen hat ... Somit gehört Gott dem Raum der persönlichen Entscheidungen an und wird zu etwas, das für das öffentliche Leben bedeutungslos ist."

Der unverdächtige Autor Botho Strauß, der sich ausdrücklich weder als Christ fühlt noch bekennt, spitzt das zu: “Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft." Er spricht von einer “metaphysischen Blindheit der westlichen Intelligenz", meint aber, daß “die herrschende Beliebigkeit und Gleich-Gültigkeit in eine Krise geraten" sind.

Daher werbe ich als Christ um Übereinstimmung im geistigen Vorverständnis, um ein gemeinsames Menschenbild, damit Vertrauen in die größere Heimat Europa wachsen kann. Der Jude Jesus ist gekommen, die Tora (Weisung) Seines Vaters zu erfüllen. Er hat uns Seine Sendung radikal vorgelebt: nicht regeltreue Ausführung von Satzungen, sondern Hingabe der ganzen Person: “Freunde nenne ich euch, nicht Knechte."

Seine frohe Botschaft gibt der einzelnen Person eine sonst nirgends so erkannte Würde. Hat doch erst die spätantike Kirche beim Versuch, das Wesen der Dreifaltigkeit in Worte zu fassen, den Begriff Person in der heutigen Deutung geprägt.

Auf der Verweltlichung (Säkularisierung) dieses Menschenbildes beruhen die Menschenrechte. Sie hätten von keiner anderen Tradition so formuliert werden können. Nicht vom Islam (wörtlich als “Unterwerfung" übersetzbar), der die Menschen bedingungslos auf das Recht Allahs verpflichtet; nicht vom Hinduismus, der sie in Kasten zwingt; nicht vom Buddhismus, der sie durch Loslösung zum besseren Karma führt; nicht vom atheistischen Materialismus, der so viel Geist für die Leugnung des Geistes aufbietet.

Gerade wegen ihrer tiefen Verwurzelung in der europäischen Geistesgeschichte werden die Menschenrechte von anderen Kulturen ja immer wieder als Produkte des Westens infrage gestellt. Menschenrechte setzen also einen Minimalkonsens über das ihnen zugrunde liegende Menschenbild und die nirgends deklarierten “Menschenpflichten" voraus (beispielsweise die goldene Regel der Bergpredigt).

Für das praktische Zusammenleben gilt der Grundwert der Rechtsstaatlichkeit. Aber auch hier trift die Aussage des bekannten Rechtsexperten Theo Mayer-Maly zu: “Keine Rechtsordnung kommt ohne ein Bild vom Menschen aus." Der aktuelle “Karikaturenstreit" beleuchtet diese These im wahrsten Sinne des Wortes brennend.

Aus der rechtsstaatlichen Trennung von Politik und Religion resultiert heute eine Freiheit von Religion und eine Freiheit für Religion, die in der ganzen EU grundsätzlich verwirklicht ist. Ich schätze hier die Charta der Grundrechte der Europäischen Union, besonders Artikel 10 (“die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln, und die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder gemeinsam mit anderen öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Unterricht, Bräuche und Riten zu bekennen") und Artikel 11 (“das Recht auf Meinungsfreiheit und die Freiheit, Information und Ideen ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben").

Mein Anliegen ist es allerdings, der höchst qualifizierten demokratischen Dreiviertel-Mehrheit aller katholischen, orthodoxen und reformatorischen Christen von zusammen 75,6 % (!) in der EU den selbstverständlichen Grundkonsens bewußt zu machen, daß wir alle auf Christus getauft sind, und daraus die politischen Konsequenzen zu ziehen.

Viele Mitbürger, besonders die redlichen, sind zurecht sehr empfindlich gegen vordergründige politische Macht, die sich auf “ewige Wahrheiten" beruft. Aber auch mit diesem Risiko des Mißverstehens schließe ich mich dem Wunsch des Sozialdemokraten Jacques Delors an, “Europa eine Seele" zu geben. Ich bin überzeugt, daß es keine größere gibt als die Seele Christi.

Helmut Hubeny

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