VISION 20002/2006
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Im Sterben das Leben finden

Artikel drucken Über die eigentliche Herausforderung der Sterbebegleitung (Von Joseph M. Bonnemain)

Sterbende zu begleiten - welche Herausforderung! Wirklich helfen wird nur, wer eine Perspektive über den Tod hinaus zu eröffnen vermag, erklärt der Autor, ein Arzt und Priester, im folgenden Beitrag.

Im ursprünglichen Zustand des Universums herrschte Vertrauen: das Vertrauen des Menschen in Gott. Dieses Vertrauen war die Erwiderung des Menschen auf das ihm von Gott zuerst geschenkte Vertrauen. Gott hatte dem Menschen existentiell sein Ebenbild anvertraut. Er hatte ihm darüberhinaus die gesamte Schöpfung anvertraut. Das Vertrauen des Menschen in Gott ermöglichte ihm anfänglich eine unsterbliche, restlos glückliche Existenz.

Solange der Mensch vertrauensvoll glaubte, daß die Ratschläge Gottes sein Leben ermöglichten, konnte er leben, glücklich leben. Der Mensch nahm an: Gott weiß, was gut und böse für mich ist, er weiß es besser als ich. Ich kann diese Kenntnis von Ihm übernehmen, ohne sie selber erzeugen zu wollen. Die Quelle des Lebens hieß somit Vertrauen des Geschaffenen in Gott.

Mit der Frucht des Baumes hat der Mensch nichts anderes “gegessen", als sein Vertrauen in Gott. So kann man wohl die biblische Erzählung vom Apfel des Paradieses deuten. Sobald dieses ursprüngliche Vertrauen aufgegessen, also verbraucht war, und Gott mißtraut wurde, begann der Tod. Ohne dieses unbeschränkte Vertrauen mußte der Mensch nunmehr alle seine Gewißheiten von sich selbst aus zu begründen versuchen. Er mußte sich selber die Quelle der Sicherheit sein. Er mußte auf sich selber bauen.

Als geschaffenes Wesen kann der Mensch dies aber nur in begrenzter Weise tun. Er kann sich selbst nur begrenzt, mühsam, befristet, Sicherheit vermitteln, Leben schenken. Als grundsätzlich sterblich begann der Mensch ein Sterblicher zu sein. Das unbeschränkte Heil wurde in eine prekäre Heilung umgetauscht. Der Tod steht deshalb in enger und kausaler Verbindung mit dem Mißtrauen des Menschen Gott gegenüber.

Eine weitere Frage grundsätzlicher Natur sollte noch angegangen werden. Wenn man von Sterbebegleitung und Sterbehilfe spricht, sollte die Frage erlaubt sein, warum der Sterbende der Begleitung und Hilfe, der Pflege und Zuwendung würdig ist. Womit verdient er sie? Diese Frage führt wiederum zu einer weiteren: Warum verdient der Mensch Hilfe, warum darf er im Leben überhaupt Hilfe von anderen beanspruchen?

Der Mensch ist als Abbild Gottes geschaffen worden. Diesen innerhalb des Universums einmaligen Charakter verlor er selbst nach seinem Mißtrauensvotum gegen Gott nicht. Jeder Mensch ist eine Person, er ist in seiner unwiederholbaren Einmaligkeit als solcher von Gott gewollt, angenommen und geliebt. Er kann auf die ganze Aufmerksamkeit und Zuneigung Gottes zählen unabhängig von Alter, Rasse, Sprache, Religion, Intelligenz, Vermögen, Kraft und Gesundheitszustand. Er bleibt immer liebenswert wegen dem, was er ist: Mensch!

Die Art und Weise einen Menschen zu betrachten, ihm zu helfen, ihm im Sterben zu helfen, hängt von dieser wesentlichen Tatsache ab: In jedem Augenblick seines Lebens ist der Mensch Mensch; im ersten Augenblick seiner Zeugung und im letzten Augenblick seines Hinscheidens; immer ist Gott sogar um jedes einzelne seiner Haare besorgt. Immer bleibt er Träger einer unantastbaren Würde.

Jede Sekunde seiner Existenz hat einen echten Sinn. Niemals darf man annehmen, daß etwas Menschliches sinnlos geworden ist. Von einem Menschen verrichtet, ist die Arbeit wertvoll und sinnvoll. Von einem Menschen gesagt, ist jedes Wort ernstzunehmen. Vom Menschen erlebt, ist jedes Leiden kostbar. Der Mensch transzendiert die eigene Begrenztheit und so darf niemand, auch nicht er selber, über seine geschaffene Begrenztheit absolut verfügen.

Einem Menschen zu helfen, heißt nicht zuletzt, ihm zu ermöglichen, genau zu wissen, was er auf Erden tut, was er ist, wer er ist, welchen Sinn seine Existenz hat. Eine dem Menschen angemessene medizinische Ethik setzt bestimmt diese Sicht des Menschen voraus.

Die verschiedenen therapeutischen Maßnahmen, die besten pflegerischen Bemühungen und alle palliativen Behandlungen, welche zur Verfügung stehen und welche man den Sterbenden anbieten kann, sind in ihrer Wirksamkeit begrenzt. Am Schluß hat der Tod anscheinend das letzte Wort.

Wenn aber der Sterbende entdeckt, daß er kein Sterbender ist, daß der Tod keine letzte Macht ist, sondern nur ein entmachteter Vorgang, ein erhellter Durchgang, dann kann der Mensch in Ruhe heimgehen. Gerade dies ist also erforderlich: das ursprüngliche Vertrauen, daß der Mensch für ein Zuhause ohne Ende gewollt wurde und geliebt wird.

Darf man von Therapie und Pflege im vollen Sinn sprechen, kann irgend eine Therapie oder die technisch gesehen gekonnteste Pflege wirklich lindern, wenn der Patient sich vor dem Tod weiter fürchtet?

Die üblichen sogenannten Heilmittel und die verschiedenen palliativen Bemühungen, ja vieles von dem, was die Schul- aber auch die Alternativmedizin sowie die moderne Pflegekunst zur Verfügung stellt, bringt den Kranken dem befürchteten Tod näher, falls die Mittel oder Bemühungen nicht die richtigen sind. Aber auch wenn diese Mittel naturwissenschaftlich gesehen geeignet sind - was sicher in der Mehrheit der Fälle zutrifft - tritt lediglich eine Verschiebung der Konfrontation mit dem Tod ein: eine Verschiebung um Tage, Wochen, Monate oder Jahre.

Die Linderung der Schmerzen und Beschwerden ermöglicht in anderen Fällen dem Terminalkranken, sich mit mehr Aufmerksamkeit und wacherer Haltung der Frage des Todes zu stellen. Durch die Heilung einer Krankheit hat man - so betrachtet - nur die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die nächste Krankheit ausbrechen kann. Die Leiden kann man nicht aus der Welt schaffen. Jedes überwundene Leiden bestätigt uns in der Erfahrung, daß wir nochmals leiden werden.

Wenn wir nicht ein Siegeslicht hinter dem Leiden und dem Tod erahnen können, muß man sich fragen, was das ganze therapeutische und pflegerische Arsenal eigentlich nützt. Das Leben könnte man als eine lange Agonie auffassen. Wozu dann die Agonie verlängern?

Ohne die Einsicht in die Transzendenz des Menschen sind pessimistische Auffassungen über das Leben und das beständige Auftauchen von Themen wie Suizid, Euthanasie oder im Labor genmanipuliertes, bzw. vorprogrammiertes Leben nur zu verständlich. Nur die gewonnene Einsicht, daß der sogenannte Tod Übergang ist, daß er uns das Ankommen bei dem ermöglicht, der auf uns immer schon gewartet hat, kann im Tode heilen, befreien, wirklich helfen.

Wenn man hier von einer gewonnenen Einsicht spricht, soll sogleich ergänzt werden, daß diese Perspektive zugleich eine geschenkte ist. Das Vertrauen wurde am Anfang der Geschichte dem Menschen geschenkt. Wenn er im Sterben mit Hilfe einer angemessenen Betreuung dieses ursprüngliche Vertrauen wiedergewinnt, handelt es sich um ein Sich-wieder-bewußt-werden eines existentiellen Urgeschenks.

Die Pflege und Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden hat viele Aspekte. Die Aufmerksamkeit der Beteiligten wird von den verschiedensten Erfordernissen in Anspruch genommen. Die Betreuenden und Pflegenden sind in mehrfacher Hinsicht gefordert. Und dennoch sollten sie nicht die wichtige Frage vernachlässigen oder verdrängen: Wie steht es mit dem Urvertrauen bei diesem konkreten Menschen? Die tiefste Wunde, die tiefstgreifende Krankheit im Innern des Menschen hat mit dem Urmißtrauen eng zu tun. Der Tod stellt einen Kristallisationspunkt dieser Realität dar.

Wir helfen dem Sterbenden wirklich, wenn wir ihm helfen, sein Vertrauen zurückzugewinnen, falls er es vorher noch nicht gefunden hatte. Diese Hilfeleistung muß zweifelsohne individuell geschehen. Die Schmerzbekämpfung beispielsweise muß diese Frage taktvoll berücksichtigen. Die Schmerzen können sowohl das Vertrauen infragestellen wie auch die endgültige Beheimatung jenseits aller Schmerzen ersehnen lassen. Eine bewußte Annahme von Beschwerden kann unter Umständen helfen, die Last begangener Fehler, die immer noch das Gewissen belasten, endlich loszuwerden.

Andere Male ist die gekonnte Schmerzlinderung entscheidend für die innerliche, seelische Entspannung. Wie sehr ist die Haltung der Angehörigen oft maßgebend für ein befreiendes Sich-Überlassen-Können! Wenn ein Sterbender erlebt, daß hängige Streitpunkte, nachgetragene Verletzungen, offene Schulden oder mißlungene Entscheidungen einen versöhnten Ausgang finden, kann er viel leichter sein Vertrauen wiedergewinnen. Unter anderem auch vor dem Hintergrund solcher Zusammenhänge sollen lebensverlängernde Maßnahmen abgewogen werden.

Einzelne Patienten benötigen einen langen Prozeß, bei dem die körperlichen und geistigen Fähigkeiten abnehmen, bei dem die Kräfte immer weniger werden, während dem die Selbstautonomie fortschreitend kleiner und das Angewiesensein auf Hilfe größer wird, um - wie man sagt - loszulassen. Andere Patienten hingegen bitten Gott bereits im Vertrauen, daß ihnen dieser lange Weg erspart bleibe.

Standardisierte Kriterien, programmatische Richtlinien einer Klinik oder Abteilung, Checklisten oder ähnliches mehr können selten eine wahre Entscheidungshilfe sein. Der einzelne Mensch, der durch das Leiden und den Tod sich unterwegs zum Jenseits befindet, und das, was er wirklich ist, bleiben maßgebend für die einzelnen konkreten Maßnahmen und Entscheidungen.

Im ersten Jahrhundert des Christentums lebte und wirkte in Antiochia der Bischof Ignatius. Während einer Christenverfolgung wurde er festgenommen und nach Rom gebracht, um im Zirkus den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Unterwegs schrieb er Briefe an verschiedene Gemeinden. Den Gläubigen, die ihn vor dem sicheren Tod retten wollten, schrieb er den berühmten Satz: “Hindert mich nicht zu leben, indem ihr mich zu sterben hindert."

Dieser Satz gibt so kurz und so prägnant wie möglich jenes Vertrauen angesichts des Todes wieder, von dem hier die Rede ist.

Wenn Begleiter, Pflegende, Mediziner und Therapeuten, Verwandte und Seelsorger sich bemühen, diese Wesensparameter einzuhalten, wenn sie zeugenhaft nicht zuletzt versuchen, das ursprünglich in das Innere des Menschen hineingelegte Vertrauen wiederzuerwecken, dann kann gerade während der Abschiedsstunden eines Menschen ein Klima des Lebens entstehen: Im Tode gedeiht das Leben.

Der Autor ist Priester und Arzt, sein Beitrag ein Auszug aus “Acta Medica Catholica Helvetica", Vereinigung katholischer Ärzte der Schweiz, Ausgabe 2/2005

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