VISION 20005/2008
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Laßt Gottes Gnade wirken!

Artikel drucken Die Wegweisungen der Kirche lassen sich letztlich nur an der Hand Jesu Christi leben (Von Urs Keusch)

Als ich zum 40. Jahrestag ihres Erscheinens die Enzyklika “Humanae vitae" wieder las, wurde ich an eine Begegnung erinnert, die ich als Theologiestudent mit einem tiefgläubigen und mit Menschen sehr erfahrenen Mann hatte.

Mit eindrücklichen Worten sagte er mir: “Merke dir eines für dein ganzes späteres Wirken als Priester: Die Menschen brauchen zuerst Christus, den lebendigen Christus, dann erst die Moral. Christus müssen sie kennen und lieben lernen, sonst erdrückt sie die Moral. Sie können damit nichts anfangen. Ja, sie können die Moral gar nicht einhalten ohne Christus. Wenn aber Christus in ihr Leben eingetreten ist, wenn Sein Geist in ihnen wohnt, dann haben sie die Kraft, die Moral zu halten. Ja, dann wissen sie selbst, was sie zu tun und zu lassen haben. Jesus sagt es ja selbst: ’Wer mich liebt, hält meine Gebote'."

Dieses Wort hat sich in meiner Seelsorgearbeit jeden Tag bewahrheitet. Wir Menschen können das, was Christus im Evangelium, in der Bergpredigt von uns fordert, was die Kirche in Seinem Namen an hohen sittlichen Forderungen an uns stellt - also auch in “Humanae vitae"-, innerlich nicht nachvollziehen, nicht in unserem Leben umsetzen, wenn Christus, Sein Heiliger Geist, nicht in uns wohnt, wie der Apostel Paulus immer wieder betont.

Christus selbst sagt uns: “Ohne mich könnt ihr nichts tun." (Joh 15,5) Das meint auch jene Verheißung vom neuen Bund: “Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz... Keiner wird mehr den andern belehren..." (Jer 31,33).

Doch mit Christus, der mit Seinem Geist in unserem Herzen wohnt, ist auch die Sehnsucht nach dem Heiligen, dem Schönen, dem Wahren und Reinen in unser Herz gelegt. Und in der Kraft dieser Sehnsucht wird das möglich, was vorher absolut unmöglich schien. Nicht einfach von heute auf morgen, sondern in einem stetigen Ringen um das Höhere, zu dem uns der Geist unwiderstehlich hinzieht. Vorausgesetzt, wir bleiben beharrlich im Gebet!

Es ist bei uns Menschen wie bei einem Heißluftballon, der sich erst dann von der Erde aufrichtet und in die Höhe steigt, wenn warme Luft hineingeblasen wird und auf der Brennerplattform eine Feuerflamme brennt, die fortwährend die Luft im Innern des Ballons erwärmt.

Wir Menschen können uns erst dann nach und nach von der Erdenschwere, von der erbsündlich geschwächten Natur, ja, von der dämonischen Gebundenheit an das Böse befreien und zu einem sittlichen Leben in Freiheit aufsteigen, wenn die warme Luft der Gnade uns höher zieht und höher hebt und das Feuer des Heiligen Geistes unser inneres Streben täglich im Gebet neu belebt und entflammt.

Wirkt der Heilige Geist in uns - der österliche Geist Christi -, dann wird Sein Licht unsere Augen erleuchten und Er wird sie öffnen für die Heiligkeit und Würde des menschlichen Lebens, wie sie uns in “Humanae Vitae" strahlend vor Augen geführt werden.

Ja, wir werden erkennen, daß gerade in dieser Enzyklika die Kirche im Schmerz einer tiefbekümmerten Mutter sich bemüht und bemüht hat, die Quelle und die Wiege des menschlichen Lebens und seine heilige Ordnung vor allen Gefährdungen des triebhaften egoistischen Menschen zu schützen, sie mit allen Schutzengeln des Lebens zu umstellen und so - wenn es möglich wäre - die menschliche Zivilisation vor einer Weltkatastrophe zu bewahren. “Denn der Mensch kann das wahre Glück, das er mit allen Fasern seines Seins anstrebt, nur in der Ehrfurcht vor den Gesetzen finden, die Gott in die Natur eingeschrieben hat und die der Mensch mit den Kräften seines Verstandes und seiner Liebe beobachten muß." (Humanae vitae)

Wo aber diese Ehrfurcht aufgegeben wird, wo sie verloren geht, weil wir den Tempel unseres Leibes schon im Vorfeld entweihen (durch die verunreinigende Bilderflut in Film und Medien heute) und wo wir das tägliche Gebet und den Empfang der Sakramente vernachlässigen, dort hat die Todeskultur in den Herzen und Familien schon begonnen.

Wie wahr das alles ist, machen auch die folgenden Zeilen deutlich. Sie sind dem Brief einer Frau entnommen, den ich unlängst erhalten habe. Diese Frau ist - wie ein Großteil der Menschen heute - ohne lebendigen Glauben an Christus aufgewachsen. Vor Jahren fand sie zum Glauben an den auferstandenen Herrn. Seither lebt sie ein neues, ein österlich befreites Leben in Jesus Christus. Sie schreibt:

“Ich hatte in christlich-moralischer Hinsicht keine Vorbilder. Meine Eltern gaben mir in dieser Hinsicht keine Orientierung, und so ging mein Leben den Bach hinunter. Ich erfuhr und wußte nichts über die Heiligkeit des Lebens, über die Berufung des Menschen, und so folgte ich völlig verzerrten und irrigen Vorstellungen von Liebe und Glück - mit katastrophalen Folgen.

Auch erkenne ich deutlich den Familienfluch, der mein/unser Leben überschattete: Unzucht, Ehebruch, Abtreibung, sexueller Mißbrauch. Ich litt zwar und spürte meine eigene Verzweiflung, aber ich hatte keine Ahnung, daß das, was ich tat, Sünde war, denn der Begriff Sünde existierte in meinem Denken überhaupt nicht. Es hatte mir ja niemand etwas darüber gesagt.

So habe ich die Abtreibung meines Kindes nicht als Gewissensbelastung erlebt, geschweige denn als Mord, sondern nur als traumatisches Geschehen und große seelische Not. An meinem eigenen Leben sehe ich, daß die Schuld der Väter wirklich ’heimgesucht' wird an den Kindern, wie es in der Bibel heißt. - Gott war mir über alle Massen gnädig. Er hat mich aus dem tiefsten Abgrund gezogen. Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf, auch sie waren verirrt, vielleicht ebenso aufgrund fehlender Anleitung zum rechten Leben. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe an, für sie und für die ganze Familie und alle meine Vorfahren zu beten. Die unverdiente Gnade, die ich erfahren habe, ist mir immer auch ein Auftrag, anderen zu vergeben und für sie zu beten."

Diesen letzten Satz im Brief dieser Frau sollten wir tief in unser Glaubensbewußtsein aufnehmen: “Die unverdiente Gnade, die ich erfahren habe, ist mir immer auch ein Auftrag, anderen zu vergeben und für sie zu beten."

Wenn uns die Gnade geschenkt ist, an Jesus Christus glauben zu können, Seinen Heiligen Geist in uns zu haben, dann darf uns die Welt, dann dürfen uns die Menschen, die Familien, die heute in einem ganz erschreckenden Ausmaß in sich zerfallen, sich selbst zerstören und in die Depressivität und in das Dämonische abgleiten, nicht gleichgültig sein.

Wir alle müssen - viel mehr als bisher! - im Gebet für diese Menschen einstehen. Wir müssen uns mit allen Kräften für ihr zeitliches und ewiges Glück einsetzen. Die Menschen müssen wieder Christus kennenlernen. Sie müssen wieder zu Ihm zurückfinden können. Damit das geschehen kann, ist uns die Gabe des Gebetes anvertraut, das beharrliche und inständige Gebet, das unbedingt aller Neuevangelisierung vorangehen muß.

Mich hat neulich in den Schriften unserer neuen Schweizer Heiligen, Maria Bernarda Bütler (1848-1924, VISION 4/08), eine Stelle tief ergriffen. Sie hatte sich als junge Missionsschwester in der kleinen Stadt Chone (Ecuador) niedergelassen, um dort ihre Arbeit aufzunehmen.

Von den Menschen dieser Stadt berichtet in Briefen der damalige Bischof: “Niemand wird [hier] des Lebens froh. Unsittlichkeit, Raub, Totschlag und Feindschaft überall. Die Wollust scheut vor keinem Grad der Verwandtschaft zurück. Ein Hauptübel bilden die wilden Ehen. Die göttlichen und menschlichen Gesetze sind in Vergessenheit geraten bei diesen unglücklichen, zu halben Wilden gewordenen Menschen." Nun ist Maria Bernarda damit beschäftigt, die Kirche in dieser Stadt zu reinigen. Sie fühlt sich auf einmal “ in ungewöhnlicher Weise angetrieben, für dieses arme Volk zu beten, sogar noch für die Kinder dieses Ortes, die noch nicht geboren waren." Da hört sie Jesus zu sich sprechen:

“’Glaubst du mit einem Glauben wie Abraham?' Ich sagte: ’Ja, ich glaube so fest und so viel wie Du willst.' Er fuhr weiter: ’Glaubst du, daß ich alle diese Leute retten will, wenn du beharrlich betest?' Das schien mir ganz und gar unmöglich [!]; dennoch antwortete ich: ’Ja, ich will glauben, so wie Du willst, daß ich glauben soll.' Damit war Jesus zufrieden und beteuerte mir auf's Neue, daß Er mir für diesen Glauben zahllose geistige Kinder schenken werde."

Was für ein ermutigender Zuspruch in diesem Zwiegespräch auch für uns heute. Wir dürfen die “gottlosen Menschen", die “gottlose Welt" nicht einfach für verloren geben, wie das heute leider viele tun. Auch die Heilige dachte damals bei sich: “Das schien mir ganz und gar unmöglich", daß diese Stadt gerettet werden könne. Doch im Wörterbuch Gottes existiert dieses “unmöglich" nicht.

Darum bittet Gott um unser Gebet, um viel mehr Gebet als bisher! Denn jedes Gebet schafft eine Einbruchstelle für die erbarmende und rettende Liebe Gottes in dieser Welt. Wenn wir das nur glauben könnten!

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