VISION 20005/2008
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Die zweite Umkehr

Artikel drucken Wer die eigene Unfähigkeit erkennt, hat die Chance zum Neubeginn (Von Joel Guibert)

Auch im Glaubensleben gibt es Ermüdungserscheinungen nach begeisterten Anfängen. Man dachte, man würde mit Gottes Hilfe Großes tun - und steht nun an: eine Zeit der Gnade, Zeit für eine zweite Umkehr.

Das authentische geistige Leben steht oft in Beziehung zur Entwicklung unseres menschlichen Lebens. In der Jugend ist man voller Leben. Am Beginn des christlichen Lebens, in den Anfängen einer Berufung - zur Ehe oder zum geweihten Leben - auch da gibt es oft eine wahre Großzügigkeit und eine Freude daran, sich zu verschenken.

Mit 40 oder 50 Jahren macht sich dann aber langsam das körperliche Altern bemerkbar. Ähnlich ist es mit dem geistigen Leben. Nach einigen Jahren hat man die Erfahrung verschiedener “Unannehmlichkeiten" im Glaubensleben gemacht. Man hat den Eindruck, daß man nichts oder fast nichts vorangebracht hat, man hat die Welt nicht bekehrt - ja nicht einmal die eigene Bekehrung ist gelungen.

Zunächst ist diese Feststellung so enttäuschend, daß wir sie zu leugnen vermögen oder umzudeuten versuchen, um nicht den Tatsachen ins Auge blicken zu müssen. Andererseits aber spielt sich diese Erschütterung im tiefsten Inneren unseres Wesens ab.

Manche leben allerdings so an der Oberfläche ihrer Persönlichkeit, daß sie wie bisher weiterleben, ohne von der Umgestaltung in ihrem Inneren berührt zu sein.

Andere wiederum gehen in die Falle zu glauben, es handle sich nur um einen Schritt zurück, um eine kurzfristige Mißstimmung. Dabei handelt es sich um eine entscheidende Stufe: sich für den Heiligen Geist zu öffnen - oder routiniert in eingefahrenen Bahnen weiterzurollen!

Versuchen wir die Symptome dieser inneren Wende in der Lebensmitte zu erkennen.

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Die Anfänge unseres Lebens im Heiligen Geist oder unserer Umkehr zu Jesus Christus sind von freudiger Hingabe geprägt. Wir sind da so erfüllt, daß wir blind für eventuell vorhandene geheime Motive sind, die bei dieser wunderbaren Hingabe mitschwingen - unter anderen ein gewisser geistiger Stolz.

Teresa von Avila beschreibt sehr treffend die Echographie des Herzens “engagierter Christen", die sich in den ersten Stadien ihres Lebens im Heiligen Geist befinden (...) und sie weist auf den fundamentalen Mangel dieser “guten Christen" hin: Sie sind geradezu verliebt in ihr Leben, das sie in den Dienst des Herrn gestellt haben. Letztlich liegt die Gefahr dieser Anfänge, der die meisten nicht entkommen, darin, daß wir gefällig unsere eigene Großzügigkeit im Dienste des Herrn betrachten.

Die Krise in der Lebensmitte kann somit einen freien Fall auslösen. Und manche entgehen diesem nicht. Sie wird nämlich nur dann zu einer günstigen Gelegenheit, sich Gott auszuliefern, wenn ich meine Verletzungen, meine Gefühle, gescheitert zu sein, den Verlust der freudigen Großzügigkeit des Anfangs als Sprungbrett zu Gott hin nutze und nicht als Mauer ansehe, an der ich zerschellen werde. (...)

Die Erfahrung der Ohnmacht und der Trockenheit im Herzen stellt uns an eine Wegkreuzung, an der mehrere mögliche Wege erkennbar sind: die Versuchung zu einem geruhsamen Leben; die Versuchung, den Beruf, die Berufung zu wechseln; oder aber den großen Sprung zu wagen: sich von Gott retten zu lassen, sich dem Geist zu “überlassen".

* Die erste Versuchung, das nette, recht geruhsame Leben: Nachdem wir entdeckt haben, daß dieses Werk der Heiligkeit durch eigene Kraft, durch eigene Tugend einfach nicht zu verwirklichen ist, sind wir versucht, das von Jesus in Aussicht gestellte Niveau der Vollkommenheit herunter zu setzen. Man vertritt dann die Ansicht, daß die Forderungen des Rufes mehr oder weniger dem eigenen Belieben überlassen seien: Wer nicht mehr lebt, so wie er denkt, denkt bald so, wie er lebt. Für Personen geweihten Lebens heißt das: Man verläßt zwar nicht die Gemeinschaft, aber man macht nicht mehr mit dem Herzen mit! Man richtet sich ein ruhiges Leben ein, ein anständiges. Man sündigt nicht schwer, hält sich an die Regeln, aber die Zeit der verrückten Liebe zu Jesus ist auch dahin!

Hinter diesem kleinen, zu früh begonnenen Pensionistendasein versteckt sich eine große, gegen die eigene Person gerichtete Bitterkeit. Man hatte sich zum Hauptakteur der eigenen Heiligkeit gemacht, die eigenen Tugenden haben nicht gereicht und so ist man zutiefst unzufrieden - wegen der eigenen Unfähigkeit.

Die Bitterkeit ist so groß, daß man sie hinter kleinen Werken der Barmherzigkeit versteckt. Um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, hilft man den Armen. Dieses kleine etablierte Leben verdeckt auch eine große Bitterkeit Gott gegenüber. Er erscheint als großer Lügner: Er, der gute Gott verlangt eigentlich Unmögliches von mir!

* Die zweite Versuchung, der “Gleiswechsel": Die im Herzen erlebte Krise kann so schmerzhaft sein, so abscheulich und von solcher Trockenheit geprägt, daß der Betroffene versucht ist, die Richtung zu ändern, auf anderen Schienen weiterzufahren, zu “entgleisen": “Ich habe mich offenbar von Anfang an, was meine Berufung betrifft, geirrt. Ich muß den Beruf wechseln, dann wird das ganze Unbehagen, das Gefühl, ein Versager zu sein, verschwinden."

Ein Wechsel in der Funktion, in der Berufung kann jedoch die Krise nicht wirklich lösen, sondern nur eine tiefgreifende persönliche Veränderung. Wer in der Liebe, im Glauben neu Atem holen will, darf nicht den äußeren Weg verlassen, sondern muß sich auf eine neue innere Haltung des Herzens in der ursprünglichen Berufung einlassen.

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Seligmachende Krise, glückselige Enttäuschung, mögen sie uns einbringen, daß wir uns von Gott retten lassen, daß wir im Heiligen loslassen! Dieser zweite Ruf, sich ganz dem Heiligen Geist auszuliefern, wird durch die Erfahrung spiritueller Armut im Inneren erfahrbar: “Ich schaffe es einfach nicht, die Welt und mich selbst zu bekehren." Die wahre Mission beginnt mit diesem Einbekenntnis der Unfähigkeit.

Man verzichtet auf den eigenen Willen, den Perfektionismus, um sich von nun an endlich in allem von Gott retten zu lassen, sogar aus dem eigenen Elend: “Je schwächer man ist, ohne Wunschvorstellung, ohne Tugenden, umso geeigneter ist man für diese verzehrende und alles verändernde Liebe... Es genügt, bereit zu sein, sich zu opfern, allerdings muß man zustimmen, arm zu bleiben, ohne Stärke - und das ist schwierig."

Um sich Gott ganz auszuliefern, geht es also nicht darum, unseren Einsatz, unsere Frömmigkeitsübungen, unsere Militanz zu verstärken. Es geht um einen inneren Wandel. Um den Übergang von einem Christus großzügig geschenkten zu einem in die Hände des Heiligen Geistes ausgelieferten Leben.

Auszüge aus dem Buch Renaître d'en haut, Édition de l'Émmanuel, 366 Seiten, 18 Euro

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