VISION 20005/2010
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Gemeinschaft: das große Zeichen

Artikel drucken Das Zusammenleben der Christen als Bewährungsprobe des Glaubens (P. Karl Wallner OCist)

Eine entscheidende Herausforderung für Christen ist das ge_deihliche Zusammenleben in den Gemeinschaften, in der Ehe, der Familie. Im folgenden einige Anregungen, wie Gemeinschaft gelingen kann, aus der Sicht eines Zisterziensermönchs.

Ich komme aus einer Ordensgemeinschaft. Wie oft höre ich Weltpriester, aber auch Laien davon schwärmen: „Ihr lebt in einer Gemeinschaft! Euch geht es ja so gut!“ Wenn die wüßten! Deshalb trägt dieser Vortrag den Titel: Martyrium Gemeinschaft - und zwar im doppelten Sinn.
Im Griechischen heißt das Wort Martyrium einfach „Zeugnis“. Gemeinschaft ist ein Zeugnis. Es zeigt die Gegenwart Got_tes. Wo Gemeinschaft gelebt wird, wird gezeigt, daß Gott anwesend ist. Denn Gott selbst ist Gemeinschaft, trinitarische Gemeinschaft. Es gibt im 20. Jahrhundert maßgebliche Theologen, die die „communio“ als das Urwesen Gottes definiert haben, die Gemeinschaft von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Diese Communio - in der Kommunion dürfen wir uns hineinkommunizieren in den dreifaltigen Gott - spiegelt sich ab in der Kirche.
Im Katechismus gibt es ein Zitat aus der Kirchenkonstitution Lumen gentium, das folgendermaßen lautet: „Wir alle, die wir Kinder Gottes sind, und eine Familie in Christus bilden, entsprechen der innersten Berufung, wenn wir in gegenseitiger Liebe und in einem Lob der Heiligsten Dreifaltigkeit miteinander Gemeinschaft haben.“ Es ist unsere innerste Berufung miteinander Gemeinschaft zu haben.
(…)
Stellen wir andererseits aber die Frage: Gibt es das überhaupt, die ideale Gemeinschaft? Die Dogmatik antwortet darauf mit einem klaren Nein. Martin Luther hat gesagt, der Mensch sei ganz vom Teufel geritten und werde die Sünde nie wirklich los. Christus breite eben einen Gnadenmantel darüber. Das Konzil von Trient hat dem widersprochen und festgehalten: Gott nimmt die Sünde ganz vom Menschen weg. Daher auch der Begriff Heiligung. Das Konzil von Trient fährt aber fort: Trotzdem bleibt auch im Geheiligten, also nach der Taufe, nach der Beichte, etwas in ihm zurück. Das Konzil nennt das den Zunder der Sünde. Ein Funke genügt - und schon brennt es wieder. Du kommst aus dem Beichtstuhl heraus, willst nur mehr lieb sein zu deiner Nachbarin. Dann kommst du heim und sie mäht am Samstag Nachmittag den Rasen - und husch, schon brennen die Aggressionen wieder hell auf.
Es gibt also wahre Heiligung. Aber wir bleiben angefochten. Wer steht, sagt der Apostel Paulus, der sehe zu, daß er nicht falle. Und das belastet jedes Gemeinschaftsleben. Wir sind in einen Kampf zwischen Gut und Böse gesetzt. Und vor diesem Kampf ist auch der Fromme, der Gläubige, der Betende nicht gefeit. Dieser Kampf findet in uns statt.
(…) Als ich frisch eingekleidet war, setzte sich bei einer Rekreation P. Adalbert, ein Norddeutscher, neben mich. „Frater Karl, ich habe gehört, Sie sind sehr fromm. Sie wollen sicher heilig werden. Da machen Sie sich keine Gedanken: Dafür werden wir schon sorgen!“
Ungemein realistisch ist auch die Feststellung unseres Ordensgründers, des heiligen Bernhard: Deine Feinde sind im eigenen Haus. Du kannst also die Tugend der Feindesliebe gleich vorort üben.
Nun aber einige Hilfen, um Gemeinschaft zu leben: Da ist zu_nächst das Wissen: Ich kann nur mich selbst korrigieren. Meine Hauptaufgabe bin ich selber. Jesus sagt das mit dem eindrucksvollen Bild: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ Als Haltung empfehle ich die Bereitschaft, Frieden zu schließen. Dabei wissen wir alle, wie schwer das ist. Der heilige Benedikt sagt, man solle noch vor Sonnenuntergang Frieden schießen. Aber oft geht es nicht so schnell und man muß erst an einem Konflikt leiden. Eines sollten wir allerdings aus der Benediktregel übernehmen: Konflikte so bald wie möglich zu bereinigen.
Dieses Verzeihen, das wir da leisten müssen, können wir eigentlich nicht selbst zustande bringen. Wir können nämlich nicht göttlich verzeihen. Das Verzeihen Gottes ist nämlich - philosophisch gesprochen - ähnlich einer „annihilatio“: Gott löscht für sich die Sünde aus. Das können wir nicht. Es bleiben Wunden, Vernarbungen. Daher ist es so wichtig, Gott darum zu bitten, in möglichst ähnlicher Weise vergeben zu können - und nicht immer wieder die Narben aufzureißen.
Als nächstes möchte ich nennen: die wahre Demut. Viele Sünden in der Gemeinschaft entstehen dadurch, daß wir ein Minderwertigkeitsgefühl in uns tragen. Man hat das Gefühl, man komme zu kurz, werde nicht geliebt, nicht geschätzt - man werde ausgenützt. (…) Die wahre Demut weiß: Ich bin von Gott geliebt - und daher bin ich bereit, meinen Dienst zu tun. Ich habe den Mut zum Dienen. Der Demütige, der den letzten Platz einnimmt, ist laut Walter Nigg unüberwindlich. Dazu kommt das Gefühl: Ich komme nicht zu kurz.
In Wirklichkeit kommen wir natürlich alle zu kurz. Denn es wird niemanden geben, der uns wirklich nach unserem Wert schätzt - auch nicht der Ehegatte. Es gibt niemanden, der mich ganz kennt. Jeder, der mir begegnet, kennt nur einen Teilbereich meines Lebens, meiner Persönlichkeit. Nur Gott schätzt mich in dem, was ich tatsächlich bin. Und daher können wir darauf vertrauen: Vor Gott komme ich nicht zu kurz. Der Pfarrer kann übersehen, daß ich die Kirche schön geputzt habe - Gott nicht.
Wichtig ist auch eine gewisse Ehrgeizlosigkeit. Sicher, wir dürfen streben. Aber der Ehrgeiz ist schlecht, besonders in der Kirche, dieser Eindruck: Andere werden bevorzugt. Dann entsteht so ein klerikaler Ehrgeiz, das Gieren nach Ämtern. Die Kirche hat sich ohnedies einiges einfallen lassen: Geistlicher Rat, Konsistorialrat, Monsignore, Prälat… Aber danach zu streben, ist ein Unsinn.
(…)
Die Kirche ist die Infrastruktur für die Heiligen, die sie nicht verhindern kann. Sie ist Gemeinschaft, die uns leiden macht. Das gehört zum Wesen der Kirche. Wenn wir darauf warten, daß die Kirche vollkommene Harmonie und erst dann evangeliumsgemäß ist, dann haben wir das Evangelium nicht verstanden. Die Apostel streiten miteinander. Da gibt es Ehrsucht, Eifersucht, usw… Die Evangelisten haben das ungeschminkt aufgeschrieben.
Georges Bernanos sagt: Es ist noch nichts, für die Kirche gelitten zu haben. Du mußt durch die Kirche gelitten haben. Oft ist es doch so: Man will etwas für die Kirche tun und meint, der Pfarrer würde einem auf die Schulter klopfen und „Bravo!“ rufen. Nein. Sie hören ein: „Muß das sein?“ Und wer etwas tut, erntet Kritik. Wer kritiklos bleiben will, tut am besten nichts.
Das muß man annehmen lernen. Wenn man zu P. Pio gekommen ist, um ihm mitzuteilen, man plane dieses oder jenes, pflegte er zu fragen: „Gibt es schon Widerstand? Hat sich der Teufel schon gerührt?“ Wenn man dann sagen konnte: ja, sogar der Bischof ist dagegen, dann hieß es: „Bravo, großartig! Dann ist es von Gott.“
Noch etwas zum Gelingen von Gemeinschaft: Wichtig ist das Loben. Das Lateinische „benedicere“ heißt, wenn es vom Menschen zu Gott gerichtet ist, „preisen“, Gutes über Gott sagen. Von Gott zum Menschen gerichtet, bedeutet es „segnen“. Wenn wir andere loben, so segnen wir sie in gewisser Weise.
Ich habe das zu Hause von meinen Eltern, die einen „Spar-Markt“ geführt haben, gelernt: Freundlich sein, grüßen, danken, kostet nichts (bringt viel). Loben kostet also nichts und bringt viel - was nicht heißt, daß man es strategisch anwenden sollte. Es muß vielmehr eine Grundhaltung werden. Wir müssen uns dazu von innen her ändern, denn wir sehen normalerweise fast immer nur das Negative und die Schwachstellen des anderen.
Diese dürfen wir durchaus auch sehen. Gott hat uns ja die Vernunft gegeben. Aber Jesus verbietet uns dann das Verurteilen. Beurteilen ja, verurteilen nein. Deshalb brauchen wir diese Grundhaltung: Ich sehe zwar das Böse - aber auch das Gute! Und weil ich dieses sehe, kann ich auch Gutes über andere und zu anderen sagen.
Wir wissen es aus der eigenen Erfahrung: Wenn dir jemand etwas Gutes sagt, baut dich das auf. Allerdings muß man auch lernen, Lob anzunehmen. Ich erzähle gern das Beispiel von einem Pfarrer, der fulminant predigt. Nach der Messe kommen zwei Damen in die Sakristei: „Herr Pfarrer, Sie haben großartig gepredigt!“ Er darauf in falscher Demut: „Das war der Heilige Geist.“ Darauf die beiden Frauen: „Na, so gut war es wieder auch nicht.“
Der heilige Benedikt sagt, man solle sich das Böse selbst, das Gute aber Gott zuschreiben, auch das Lob. Maria tut das im Magnificat: Sie nimmt das Lob an, gibt es aber an Gott weiter. Also: Wenn wir gelobt werden, das Lob annehmen und dann Gott dafür danken.
Vor allem aber: andere loben - benedicere. Dann wird Gemeinschaft zwar nicht perfekt (das geht wegen des Zunders, der Sünde nicht), aber es entsteht eine Harmonie, die anziehend wirkt. „Seht, wie sie einander lieben.“ Diese zusammenhaltende christliche Gemeinschaft hat es geschafft, den ganzen heidnischen Erdkreis christlich zu machen.
„Seht, wie schön und lieblich es ist, wenn Brüder in Eintracht zusammen wohnen,“ war das erste Psalmwort, das ich gelernt habe. Wir dürfen nicht darauf warten, daß in unseren Gemeinschaften alles in Ordnung ist, und meinen, erst dann würden wir anziehend wirken. Es gibt eben die Brüche, aber die Harmonie wächst aus der Bereitschaft, das Gute im anderen zu sehen und es ihm auch zu sagen.

Redaktionell gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem 7. Vortrag von P. Karl Wallner OCist, bei den Exerzitien in Gaming zum Thema „Ihr seid eine königliche Priesterschaft“ gesendet von Radio Maria am 18. August 2010.

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