VISION 20005/2010
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Die selige Chiara Luce Badano

Artikel drucken Botschaft an uns (Urs Keusch)

Wo eine Krankheit, ein Schmerz, ein Schicksal oder eine große Freude dem Herrn die Türe öffnet oder auch nur einen Türspalt, dort tritt Er ein mit großer Sehnsucht, um sich seine Heiligen zu schaffen. Das können wir eindrücklich im Leben von Chiara Luce Badano sehen, die am 25. September dieses Jahres selig gesprochen wird.
Sie wurde am 29. Oktober 1971 in Sasello, einem Dorf auf den Anhöhen oberhalb der ligurischen Küste in Italien geboren. Die Eltern, einfache Arbeitersleute, geben ihr den Namen Chiara, nach der heiligen Clara von Assisi. Chiara bleibt das einzige Kind, heiß ersehnt und elf Jahre lang erbeten. Die Mutter erzählt ihr Geschichten aus der Bibel, besonders von Jesus. Chiara ist ein temperamentvolles, eigenständiges, aber keineswegs ein „verzogenes, egoistisches Einzelkind“. Ihr wird auch bewußt gemacht, daß die Welt größer ist als das eigene Dorf, und daß auf der ganzen Welt Kinder Not leiden und im Elend leben. So setzte sich schon früh der Gedanke in Chiara fest, später einmal Medizin zu studieren, um als Kinderärztin in Afrika zu arbeiten.
Fröhlich und lebhaft ist Chiara Luce in der Schule beliebt. Sie liebt die Natur und den Sport: Schwimmen, Skifahren, Tennisspielen, Fahrrad- und Rollschuhfahren. Sie lernt Klavier und hört gern italienischen Pop - ein ganz normales Mäd_chen also. Liest man aber, was Chiara vor ihrer Erstkommu_nion in einem Aufsatz schreibt, fragt man sich, ob sich da nicht schon etwas von einer Liebe abzeichnet, die einmal weit ausgreifen will?
Sie schreibt: „Öffne uns die Augen, Herr, damit wir sehen, daß Du uns zum Essen einlädst, daß Du uns das Brot gibst. Öffne uns die Augen, damit wir den Hunger der anderen sehen. Du gibst uns das Brot, Du gibst uns Deine Liebe. Hilf uns auch, daß wir geben, was wir bekommen: Brot und Liebe.“ Am Weißen Sonntag 1979 bekommt sie ein kleines Neues Testament. Chiara nennt es fortan „mein Buch“ und sagt dazu: „So wie es mir nicht schwer gefallen ist, das Alphabet zu lernen, so soll es auch mit dem Leben nach dem Evangelium sein.“
Mit neun Jahren tritt sie einer Kindergruppe bei, einem „Gen-Team“, einer Gruppe der in Italien weit verbreiteten internationalen Fokolar-Bewegung. Von den Gen-Mädchen sagt Chiara: „Diese Mädchen waren anders als die, die ich von der Schule her kannte. Gemeinsam bemühen wir uns, für Jesus zu leben“. In dieser Gemeinschaft wächst in ihr der Wunsch, „Gott den ersten Platz in ihrem Leben zu geben“. Jesus wurde für sie zu einem vertrauten Freund, mit dem sie alles bespricht.
Die Schule fiel Chiara nicht nur leicht. So hat sie einen Lehrer, mit dem sie sich schwer tut: „Ich versuche ihn trotzdem gern zu haben“. Wegen ihres Glaubens machen sich einige über sie lustig, nennen sie „Klosterschwester“. Das tut ihr weh, aber sie weiß, daß das zu einem Leben mit Jesus ge_hört. 1985 entscheidet sie sich, das Gymnasium in Savona zu besuchen.
Das Leben in der Stadt wird zur Herausforderung. In einem Brief schreibt sie: „In den letzten Monaten fällt es mir sehr schwer, keine Schimpfwörter zu gebrauchen und auch das Fernsehen mit nicht gerade guten Filmen ist eine Versuchung für mich. Ich bitte Jesus immer wieder, mir zu helfen, damit ich all dem widerstehen kann. In besonders schwierigen Momenten hat mir die Beziehung zu den Gen geholfen; denn ich habe mir gesagt, die bemühen sich auch, gegen den Strom zu schwimmen.“ (Wie wichtig sind für die Jungen solche Jugendgruppen!)
„Chiara war ein junges Mädchen mit den typischen Problemen einer Pubertierenden“ (Gudrun Griesmayr). Es gibt Krisen, eine Freundschaft geht auseinander und obwohl sich Chiara in der Schule anstrengt, hat sie zu kämpfen. Sie muß die Klasse wiederholen. Aber auch mit diesem Schmerz geht sie zu Jesus: „Das ist ein ganz großer Schmerz für mich. Es gelang mir nicht gleich, diesen Schmerz Jesus zu geben. Ich habe lange gebraucht, um mich einigermaßen zu fangen, und auch jetzt kommen mir noch die Tränen, wenn ich an all das denke…“ Eine Freundin erzählt aus dieser Zeit: „Man konnte sehen, daß sie aus dem Glauben gelebt hat, auch ohne daß sie Gott weiß was gesagt oder getan hätte... Chiara hat mir gezeigt, wie man während des Tages in lebendigem Kontakt mit Gott bleiben kann“.
Dann aber fällt etwas auf: Chiara Luce ist nicht mehr so lebensfroh wie sonst, ist öfter müde, nervös. Nach dem Tennisspiel ist sie niedergeschlagen, hat stechende Schmerzen in der Schulter, der Schläger fällt ihr aus der Hand. Am 2. Februar 1989 diagnostizieren die Ärzte einen Knochentumor an der siebenten Rippe links, Metastasen in den angrenzenden Weichteilen. Ihre Eltern bringen Chiara nach Turin ins Krankenhaus. (Unterwegs machen sie Halt bei einer Wallfahrtskirche und besuchen den Gottesdienst, Chiara beichtet.) Die Operation dauert sechs Stunden. „Sollte ich sterben“, sagt Chiara zu ihrer Mutter, „dann feiert eine schöne Messe; und sagt den Gen, sie sollen laut singen“. Als sie aus der Narkose erwacht, flüstert sie leise: „Warum, Jesus? - Jesus, wenn du es willst, will ich es auch!“
Natürlich hofft ein 17jähriges Mädchen mit der ganzen Kraft eines sprühenden Lebens, wieder gesund zu werden! „Ich bin jung, ich werde es schon schaffen!“ Es folgt eine Chemotherapie nach der andern, eine Bestrahlung auf die andere. Als Chiara ihr schönes Haar verliert, sagt sie: „Für Dich, Jesus!“ Sie erkennt den Ernst der Lage: „Ich werde nicht mehr gesund; das weiß ich jetzt. Nun geht es darum, den Willen Gottes zu tun. Und ich bin bereit dazu.“
Die Schmerzen werden stärker. Chiara schlägt daraus Gewinn: „Jeder Augenblick ist kostbar; er darf nicht vergeudet werden. Wenn er gut gelebt wird, hat alles einen Sinn. Alles relativiert sich, auch in den schrecklichsten Momenten, wenn wir es Jesus schenken. Deshalb geht der Schmerz nicht verloren, sondern hat einen Sinn als Geschenk für Jesus.“ Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends.
In den Schmerzen läutert sich Chiaras Seele, sie steigt auf zur Höhe der Heiligen und Mystiker, wenn sie sagt: „Wenn mich jetzt jemand fragen würde, ob ich wieder laufen möchte, würde ich sagen nein, denn so, wie ich jetzt bin, bin ich näher bei Jesus.“ Und doch: wie gerne hatte sie gelebt! „Ich hatte so viele Pläne... Ich spüre, daß Gott mich zu mehr ruft, zu etwas Größerem. Mich interessiert nur der Wille Gottes… Jetzt fühle ich mich als Teil eines wunderbaren Plans, der sich mir nach und nach enthüllt.“ Etwas später sagt sie: „Ich vertraue fest auf Gottes Liebe und opfere meine Schmerzen auf, auch in den schwierigsten Momenten… Jetzt gibt es nichts Gesundes mehr in mir, aber ich habe noch das Herz, mit dem ich immer lieben kann… Die Nacht war schrecklich, aber ich habe keinen Moment vergeudet, denn ich habe alles Jesus geschenkt.“ Hohe Schule der Liebe!
Die Schmerzen wurden unerträglich. Doch sie wollte kein Morphium oder hochdosierte Schmerzmittel. „Sonst habe ich keinen klaren Kopf. Und ich kann Jesus nur den Schmerz schenken. Etwas anderes habe ich nicht mehr.“ Einmal sagte sie: „Ich bitte Jesus nicht mehr darum, mich zu sich in den Himmel zu holen; sonst sieht es so aus, als wollte ich nicht mehr leiden.“ Was für eine Liebe! Wenn die Schmerzen über_groß werden, suchen ihre Augen ein kleines Bild des gekreuzigten Jesus, das die Mutter für sie aufgestellt hatte.
Als es dem Ende zugeht, sagt Chiara zur Mutter: „Weißt du, Mama, ich kann keinen Lauf mehr machen, aber trotzdem möchte ich den Jugendlichen wie bei den Olympischen Spielen die Fackel übergeben. Sie haben nur ein Leben, und es lohnt sich, es gut zu leben.“ Chiara spricht der Mutter immer wieder Mut zu: „Wenn ich in die Kirche getragen werde, mußt du singen, denn ich werde mit dir singen. Und du mußt auf Papa acht geben, daß er nicht anfängt zu weinen... Ciao, Mama; sei glücklich, denn ich bin es“.
Das waren ihre letzten Worte. Am 7. Oktober 1990, drei Wochen vor ihrem 19. Geburtstag, mußten ihre Eltern ihr Kind Gott zurückgeben, daß sie einmal so heiß ersehnt und erbeten hatten. Am 25. September - nach nur 20 Jahren - wird die Kirche Chiara Luce Badano seligsprechen und sie uns, vor allem auch der Jugend, als leuchtendes Beispiel der Heiligkeit vor Augen führen. Ein unspektakuläres Leben, aber von der Liebe durchglüht. Ein heroisches Ja zum Willen Gottes: zu allem, auch zum Schweren, zu den Schmerzen, auch zum Tod in jungen Jahren. Zwei Dinge vor allem möchte Chiara uns mitgeben:
1. Daß Eltern sich bemühen, ihre Kinder schon früh einer guten christlichen Gemeinschaft anzuvertrauen, in der sie die gegenseitige Liebe und die Liebe zu Jesus einüben können wie Chiara Luca bei den Gen.
2. Daß auch wir alles, was uns täglich schwer fällt, zu einem Geschenk für Jesus machen und auf diesem Wege heilig werden. „Das ist es, was Gott will: Eure Heiligung“ (1 Thess 4,3).
Siehe die empfehlenswerte Schrift Chiara Luce Badano. Von Gudrun Griesmayr & Stefan Liesenfeld, Verlag Neue Stadt, 64 Seiten.

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